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Literatur als Zuschauersport: Tilman Rammstedt schreibt „morgen mehr“ – exklusiv für Abonnenten

24 Nov 2015

morgen-mehr-tilman-rammstedtMorgen mehr – das versprechen Autoren gerne ihren Lektoren, die auf neue Kapitel warten. Auf Startnext gilt dieses Versprechen nun auch gegenüber den Lesern von Tilman Rammstedts nächstem Roman „Morgen Mehr“. Wer „Morgen Mehr“ ab einem Preis von 8 Euro abonniert, kann zwischen Januar und April 2016 live mitverfolgen, wie der Berliner Autor die Geschichte von Tag zu Tag weiterschreibt.

Dargeboten wird der literarische Booksprint auf allen Kanälen: mitlesen können die Subskribenten auf morgen-mehr.de, via WhatsApp, oder direkt per E-Mail, mithören geht aber auch, denn eine vom Autor gelesene Audio-Fassung gehört gleichfalls zum Paket dazu.

Im weitesten Sinne dürfte das Projekt wohl unter das Label Krautpublishing fallen, denn immerhin wird die Crowd hier marketingtechnisch sehr clever von Anfang an eingespannt. Speedpublishing ist es auf jeden Fall: Bereits ab Mai 2016 soll der komplette Roman als E-Book und Printversion erscheinen, ganz traditionell in einer vom Autor überarbeiteten und vom Verlag lektorierten Fassung.

Apropos Lektorat: die ganz rohen Seiten bekommt nur das „Team Rammstedt“ zu lesen. Jedes Tageskapitel werde vor der Veröffentlichung nämlich „selbstverständlich“ lektoriert, so Hanser-Chef Jo Lendle gegenüber literaturcafé.

Und was ist, wenn dem Autor nichts einfällt? Besonders groß dürfte das Risiko bei dieser Work in Progress wohl nicht sein, Literatur als zeitnah improvisierte Performance ist für Rammstedt nichts neues. Viele seiner kürzeren Texte sind für das Berliner Lesebühnen-Publikum entstanden.

Insofern darf man wohl auch die vorläufige Inhaltsangabe als eine Art Aufwärmübung für einen Roman verstehen, über den selbst der Autor eigentlich noch gar nichts weiß:

Es ist Sommer 1972. Seit Jahren schon. Die Farben verblassen, die Musik leiert, und ein Mann sehnt sich nach der Zukunft. Er vermisst all das, was es noch nicht gibt: Navigationssysteme, Glutenintoleranz, die Nostalgie nach klareren Zeiten. Er vermisst auch seine Frau, die er noch nicht hat, seine Kinder, die es nicht gibt. Er will nicht länger warten. Er beschließt, die Uhr nach vorne zu drehen. Und zwar nicht nur seine eigene, sondern die Koordinierte Weltzeit, an der sich alle Uhren orientieren. Dafür muss er nach Paris. In einem gestohlenen Taxi fährt er durch ein merkwürdiges Europa und sammelt auf dem Weg all diejenigen ein, die auch endlich in die Zeit fallen wollen, am besten mit Karacho.