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Literatur als massives Multiplay: CNET präsentiert „Crowd Control“, eine crowdgesourcte SciFi-Novel

13 Mai 2016

crowd-control-crowdgesourcter-sci-fi-romanCrowdpublishing kann viele Bedeutungen haben, und dank CNET-Redakteur Eric Mack ist nun eine weitere hinzugekommen: der massiv crowdgesourcte Science-Fiction-Roman. Titel des von Mack inspirierten Gemeinschaftsprodukts: „Crowd Control. Heaven Makes A Killing“. Mittlerweile ist auf CNET bereits das vierte von insgesamt 20 Kapiteln dieser im Jahr 2050 spielenden Multiversum-Story um die gute alte Erde und ihren Zwilling „Terra Superioris“ erschienen. Das hat dem litarisch ja bisher nicht so ambitionierten Portal viel Aufmerksamkeit, aber auch negative (Literatur-)Kritk eingebracht. Was die CNET-Leser da kollaborativ im Web produziert hätten, sei „genre-konfuse Metafiktion“, ähnlich unlesbar wie von angeblich fortgeschrittenen Algorithmen erzeugten Elaborate, ätzte etwa Jonathan Sturgeon auf „Flavorwire“.

„Massively Multiwriter Online Sci-Fi“

Doch ähnlich wie bei allen Literatur-Genierungsprojekten geht’s auch bei „Crowd Control“ natürlich erst mal um ein Experiment. Wieviel Kreativität lässt sich mit den Kollaborations-Tools des Internet-Zeitalters tatsächlich erzeugen, hatte sich CNET-Autor Eric Mack gefragt, und angespornt vom „National Novel Writing Month“ im Herbst 2015 zum gemeinsamen Sci-Fi-Roman-Schreiben via GoogleDoc aufgerufen: „Ich möchte den Schreibprozess öffnen, so dass ihr nicht nur in Real Time mitverfolgen könnt, wie die Geschichte entsteht, sondern direkt dazu beitragen könnt, welche Form Story, Charaktere und deren Welt annehmen“. Das sei die erste „Massively Multiwriter Online Science Fiction Novel (MOSFN)“ der Welt — so der „Spielleiter“ in Anspielung auf die Massiv Multiplayer-Online-Roleplaying-Games (MMORPGs).

Neverending GoogleDoc als Vorlage

Mack zufolge beteiligten sich dutzende AutorInnen und hunderte Freizeit-LektorInnen und KorrektorInnen am „Fortschreiben“ der Story von „Crowd Control“ — deren GoogleDoc-Urtext auf Creative Commons-Basis sich immer noch fortentwickelt. Die von CNET veröffentlichte Geschichte basiert dagegen auf einem Schnappschuss vom Februar 2016, der dann von einer kleinen Redaktion drei Monate lang überarbeitet wurde. Letztlich trifft der Begriff „crowdgesourct“ für die jetzt Kapitel für Kapitel veröffentlichte Fassung von „Crowd Control“ also wohl am besten zu: das Buch wurde aus der kreativen Quelle der Internet-Massen geschöpft, und dann noch einmal „remixed“.

Kontrolliert kollaborativ als Kompromiss

Ähnlich kontrolliert kollaborativ läuft ja bisher auch die Zusammenarbeit zwischen „kreativen“ Algorithmen und deren menschlichen Gegenüber, und dagegen ist gar nichts einzuwenden. Selbst wenn — wie kürzlich berichtet wurde — Googles AI angeblich Herzschmerz-Romane schreiben kann, weil es seine neuronalen Netzwerke mit dem Konzentrat aus tausenden Schmonzetten gefüttert hat: ungefiltert dürften die Ergebnisse solcher Experimente bis auf weiteres unlesbar bleiben. Und auch die CNET-Novel heißt ja übrigens nicht „Crowd in Control“, sondern eben durchaus doppeldeutig „Crowd Control“.

„I am The Editor. Pleased to meet you.“

Apropos Metafiktion: Unter dem Nom de Plume „Editor“ tritt Mack in seinem Text auch selbst auf — als eine Art Mischung aus mephistophelischem Erklärbar, strukturellem Rahmenerzähler und Immermannschem Deus ex machina. Gleich im ersten Kapitel heißt es: „By now I suppose you’ve guessed who I am. My title is splashed all around your other texts, even though I’m rarely seen or heard from. Yes, I’m the one behind the scenes putting it all together, making sure it all has rhyme and reason and purpose. Yes, it’s really me, the all-powerful gatekeeper through which all creation flows. I am The Editor. Pleased to meet you.“

(via Digital Bookworld & CNET)