Literarische Oase im Web: Mikrotext macht E-Book-Singles, & mit Texten kurzen Prozess

Mikrotext macht Mikrotexte, vulgo: E-Book-Singles. Das Anfang 2013 gelaunchte Verlags-Startup aus Berlin-Kreuzberg konnte mit diesem Konzept schon einiges mediales Aufsehen ernten. Was auch an den literarischen Versuchsanordnungen lag, mit denen Gründerin Nikola Richter aufwartete: etwa Franzobels utopisches Essay „Steak für alle – Der neue Fleischtourismus“, Aboud Saeeds gesammelte Statusmeldungen „Der klügste Mensch im Facebook“ oder das netzpoetische Mini-Manifest „Die Entsprechung einer Oase“ von Altmeister Alexander Kluge. Als epub ohne DRM jeweils für 2,99 Euro herunterladbar, versehen mit der Längenangabe soundsoviel Seiten „auf dem Smartphone“. Hatte Tom Hillenbrand in seinen „Zehn steilen Thesen zum eBook“ nicht erst neulich prophezeit, der Elektro-Boom würde uns „kleine, geile Verlage“ bescheren? Mikrotext, so scheint es, ist einer von ihnen.

„Den Muskel ‚eigenes Interesse‘ strapazieren“

Mikrotext-Erfinderin Nikola Richter war schon vieles: Journalistin, Schriftstellerin, Theaterautorin, Bloggerin. Jetzt ist sie auch Verlegerin. Ein kluger Satz aus Alexander Kluges Essay scheint das Motto vorzugeben: „Es ist also wichtig, dass es im Internet Orte gibt, an die man sich mit einem bestimmten Interesse zurückzieht. Dass man den Muskel ‚eigenes Interesse‘ inmitten der Fülle des Nichteigenen strapaziert.“ Ein solcher Ort sind auch die online-only und E-Book-only vertriebenen Bücher von Mikrotext – semantische Inseln, die man sich im klassischen Papierformat gar nicht vorstellen könnte: „Es sind bestimmte Formate, etwa im Netz geschriebene Texte, aktuelle oder wegen ihrer Kürze nicht druckfähige Schubladen-Texte digital viel besser zu veröffentlichen“, so Nikola Richter gegenüber der Berliner Morgenpost.

Neue Reihe „mikrotext shot“ zieht das Tempo an

Im Gegensatz zu klassischen Verlagen macht Mikrotext mit Literatur kurzen Prozess – und das ist gut so. Vorlaufzeiten von mehreren Jahren machen bei solchen Projekten keinen Sinn. Um es mal fußballerisch auszudrücken: dann ist der Ball nicht mehr heiß. Mit der neuen Mikrotext-Reihe „Shots“ wird das Tempo jetzt sogar noch mal etwas angezogen. Der erste mikrotext shot heißt „Spam Poetry. Sex der Industrie für jeden“ und escheint im Juli 2013. Thomas Palzer, Autor und Filmemacher in München, hat dafür Trouvaillen aus seinem privaten Spamordner neu arrangiert: von „Kunsttannen, klasse“ bis zu „Erhöhung der Webseite“, von Sexberatung bis zu Businessvorschlägen. Die digitalen Elaborate von Spam-Robots und Google Translate werden als zeitgenössische Kunstsprache verstanden, als interaktive „écriture automatique“.

Abb.: Mikrotext/aktuelle Cover-Illustrationen

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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