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Liquid Publishing: Buch-Experiment „Eine neue Version ist verfügbar“ nach 5 Tagen finanziert

29 Okt 2012 0 Kommentare

Wenn die Piraten „LiquidDemocracy“ zum Laufen bringen, warum nicht auch mal so etwas wie „LiquidPublishing“ probieren? Dirk von Gehlens neues Buch-Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“ versteht Kultur als Software, die man man hacken kann – und zwar gemeinsam. Wie der Titel schon andeutet, will der Journalist & jetzt.de-Chefredakteur die Vorabversionen seines geplanten Sachbuchs zur Diskussion stellen. Das ständige Feedback fließt dann in die jeweils nächste Fassung ein. Auch bei der Finanzierung ist die Crowd gefragt – von Gehlen nutzt die deutsche Crowdfunding-Plattform „Startnext“. Ab einer Spende von 12 bzw. 20 Euro erhält man nicht nur das fertige E-Book/P-Book (voraussichtlich im Mai 2013), sondern auch direkten Zugang zum Versions-Archiv des Buches, d.h. man wird mit regelmäßigen Updates über den Schreibfortschritt versorgt. Mitbestimmt wird zudem über die Cover-Gestaltung – wer via Startnext vorbestellt, kann eine individuelle Verpackung wählen. Die erste Hürde hat das Buch-Experiment schon nach fünf Tagen genommen, denn die Mindestschwelle von 5000 Euro ist erreicht.

Schon mit seinem letzten Sachbuch „Mashup. Lob der Kopie“ plädierte von Gehlen für das „Liquidieren“ bisheriger Vorstellungen von Kunst und Kultur, und vor allen Dingen auch für die Anerkennung der Nutzer als aktive Rezipienten. Das Buch selbst erschien jedoch ganz traditionell bei Suhrkamp, und ist zudem in einer DRM-geschützten E-Book-Version lieferbar. „Eine neue Version ist verfügbar“ dagegen startet nicht nur als Self-Publishing-Projekt, sondern rüttelt am klassischen „Geniekult“, den gerade deutsche Autoren gerne pflegen. Gegenüber buchreport beschrieb von Gehlen das alte System so: „Ein gottähnlicher Schöpfers sitzt in seinem Kämmerlein, denkt intensiv nach und am Ende entsteht etwas künstlerisch Wertvolles. Der eigentliche Entstehungsprozess ist abgeschlossen und geheim.“ Das sei jedoch längst nicht mehr zeitgemäß: „Wenn wir die Verflüssigung ernst nehmen, müssen wir den Prozess des Schreibens offenlegen.“

Ein gewisses Nervenflattern dürfte für viele Autoren natürlich auch der Aufwand verursachen, den das „LiquidPublishing“ bedeutet, vor allem, wenn es mit einer Vorfinanzierung via Crowdfunding verknüpft wird. Das Pitch-Video wurde von Grimme-Online-Award-Träger Tim Klimes gedreht, dort tauchen zahlreiche prominente Backer wie Mercedes Bunz, Richard Gutjahr oder Kathrin Passig auf. Für die Gesamtgestaltung, individualisierte Cover sowie das Artwork der Projekt-Poster (als Belohnung für besonders spendierfreudige Crowdfunder) wurde das Münchner Designbüro „SQUIECH Design“ eingespannt. Eine Menge Zeit und Energie muss zudem in den öffentlichen Schreibprozeß investiert werden. Immerhin ist trotz aller Verflüssigung das Verschwinden des Autors als letzter Instanz nicht zu befürchten. Als Endprodukt wird sich schließlich ein Buch aus Papier herauskristallisieren – ein Großteil der Spendensumme geht deswegen auch für Layout, Druck und Vertrieb drauf.

Abb.: Screenshot

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