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Libroid, oder: so ähnlich wie ein Buch – Jürgen Neffes multimediale E-Book-Alternative

11 Okt 2010 3 Kommentare

libroid-e-book-neffe-buchmesse-2010Wird Libroid der neue neuen Standard für das Buch der Zukunft? Geht es nach Jürgen Neffe, liegt die Zukunft von E-Books in einer Mischung aus Multimedia und Social Media. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte der freie Journalist und Schriftsteller den ersten Libroid-Prototypen vor – die elektronische Version seines Sachbuchs „Darwin – Das Abenteuer des Lebens“. Die iPad-App gruppiert Bilder und Hyperlinks um eine scrollbare Textspalte herum. In Kürze soll das erste Libroid bereits im App Store erhältlich sein.

Libroid-Erfinder Neffe ist ein „Holy Scroller“

“Die Leute wollen zum Lesen keine Extra-Hardware, und sie wollen farbige Displays”. Diese Erkenntnis Ray Kurzweils würde wohl auch Jürgen Neffe unterschreiben. Anders als der us-amerikanische KI-Forscher ist Neffe jedoch kein „Shark“, sondern ein „Holy Scroller“. Kurzweils E-Book-App „Blio“ bringt elektronische Bücher zwar farbig und interaktiv auf die Displays von Tablets und Desktops, es gibt aber weiterhin einzelne Seiten. Bei Neffes „Libroid“ ist das anders – hier muss gescrollt werden. Im fortlaufenden Text wird die aktuelle Lesestelle nur noch mit einer Prozentzahl angegeben, Seitenzahlen gibt’s nicht mehr. Für Nutzer von Textverarbeitungs-Software dürfte das nichts Neues sein. Und tatsächlich möchte der ehemalige Spiegel- und GEO-Redakteur offenbar Lese- und Schreiberfahrungen der Gegenwart wieder zur Deckung bringen: „Seit Autoren ihre Schreibmaschinen durch Computer ersetzt haben, schreiben sie im Prinzip wie auf einer Schriftrolle fortlaufende Texte. Für sie gehört es längst auch zum Alltag, innerhalb ihrer Manuskripte zu jeder Stelle springen zu können, sie zu verändern, Passagen umzustellen, zu ergänzen und zu verändern“, heißt es auf Libroid.com dazu.

Multimedia-Randglosse: Lesen mit dem „dritten Auge“

Libroid arbeitet grundsätzlich im Dreispaltensatz – in der Mitte befindet sich der Text selbst, links daneben Multimedia-Inhalte wie Fotos oder Videos, rechts daneben Hyperlinks oder Kommentare.
„Ich erlaube dem Leser sozusagen im Augenwinkel, mit dem ‚dritten Auge‘ zu erfassen, was noch da ist, und er kann dann auf eigenen Wunsch sagen, das möchte ich mir genauer angucken“, so Neffe gegenüber Buchreport. Wichtig war für Neffe auch, dem Leser eine optimale Spaltenbreite zu bieten – die bei Libroid mit 60 Zeichen pro Zeile angesetzt wurde. Nicht zufällig genau die Spaltenbreite, die man von gedruckten Büchern gewohnt ist: „Damit gibt das gedruckte Buch als ausgereiftes Produkt die Maße vor, der sich alle Texte zu fügen haben, auch in Lesegeräten“, so die Erklärung auf Libroid.com. Doch auch mit den zusätzlichen Spalten für weiterführende Informationen greift Libroid natürlich eine bewährte Tradition der Gutenberg-Galaxis auf, nämlich die gute alte Randglosse. Technisch ist sie hier freilich auf dem neuesten Stand – und führt per Fingertipp oder Mausklick direkt zur gewünschten Quelle. Wer sich vollkommen auf den Text konzentrieren möchte, kann vom Quer- zum Hochformat wechseln – per G-Sensor werden dann die Randspalten automatisch ausgeblendet.

Undruckbares im Verlag der ungedruckten Bücher

Die Zukunft des Print-Buchs sah Neffe bereits Anfang 2009 in einem Essay für die ZEIT äußerst nüchtern: „Über kurz oder lang werden gebundene Packen bedruckten Papiers nur noch als Hochpreisprodukte in Spezialgeschäften zu haben sein wie heute Vinylschallplatten.“ Gleichzeitig kritisierte er die bestehende E-Book-Technologie als inkonsequent – erlaube sie es doch nur, Bücher genauso zu lesen, wie man sie bereits seit 500 Jahren kenne. Die Zukunft sah Neffe eher in der konsequenten Befreiung des E-Books von den Fesseln der Druckerpresse: „Es wird Bestseller geben, die nie als Druckerzeugnis erscheinen, Handyromane in Fortsetzung, undruckbare, multimediale, ständig aktualisierte, reichhaltig animierte Sachbücher, Individualreiseführer oder Enzyklopädien, vernetzte Werke aus Netzwerken von Autoren, verzweigte Geschichten, die vor den Augen des Publikums entstehen“. Mit Libroid legt Neffe nun kaum anderthalb Jahre später ein konkretes Konzept vor – und nennt sein Unternehmen nicht zufällig im Untertitel den „Verlag für ungedruckte Bücher“.

Das erste Libroid gibt’s bald im App Store

Das auf Neffes Sachbuch-Bestseller „Darwin – Das Abenteuer des Lebens“ basierte Prototyp-Libroid soll in Kürze als iPad-App für EUR 7,99 zu haben sein. Neffe kalkuliert, dass bei einem Autoren-Honorarsatz von ca. 12% die Kosten des Prototypen sich nach 25.000 Verkäufen eingespielt haben. Bei den folgenden Titeln aus dem „Verlag der ungedruckten Bücher“ soll der Break-Even-Point sogar schon nach etwa 12.000 Downloads im App Store erreicht werden. Libroid versteht sich dabei übrigens grundsätzlich als Lese- wie auch als Schreibmedium. „In der nächsten Ausbaustufe denken wir daran, eine Art Composer anzubieten, auch aus Eigeninteresse, damit die Autoren das, was sie verlinken und mitliefern wollen schon beim Verfassen der Libroide machen können“, so Neffe gegenüber Buchreport. Dann dürfte sich auch zeigen, ob Libroid mehr ist als eine „Übergangsidee“, die das „strenge Bildungsbürgertum“ mit der „ablenkungsbereiten Surfgeneration“ versöhnen soll, wie Wolfgang Michal auf CARTA schrieb. Letztlich steckt Libroid während der Startphase nämlich im selben Dilemma wie die Konkurrenten Blio oder Vook – so lange es nur Adaptionen gibt und keine originären Libroide, dürfte das eigentliche Potential nur bedingt sichtbar werden.

3 Kommentare »

  • Marcel schrieb:

    Hi,

    ich glaube, da ist ein Freud’scher im Text. Ray Bradbury hat zwar„Fahrenheit 451“ geschrieben, aber für „Blio“ ist Ray Kurzweil verantwortlich. ;-)

    Liebe Grüße
    Marcel

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Ja, stimmt, war der falsche Ray! Danke für den Hinweis… (Wobei man tatsächlich Ray Bradbury das Zitat auch irgendwie zutrauen würde… ;-)

  • W. Winter schrieb:

    Hmm. Der Herr Neffe (er war mir ehrlich gesagt nicht bekannt) scheint ein kluger und beredter Mann zu sein. Dass er sich aber mit seinem Libroid als „Erfinder“ einer mehrere Jahrhunderte alten Technologie (nämlich der Marginalie) feiern lässt, finde ich nun doch etwas kurios. Nicht einmal Ted Nelson (Vater des Hypertext-Begriffs/-Konzepts) oder Tim Berners-Lee (WWW) hatten die Chuzpe, sich als “Erfinder” des Hyperlinks (= Querverweises) zu rühmen.

    In der konkreten Umsetzung handelt es sich wohl um eine Kombination von Konzepten und Techniken, die teilweise seit zehn Jahren verwendet werden: per JavaScript und CSS „mitlaufende“ Textergänzungen und Navigationshilfen sowie Tools wie das wundervolle „Readability“ von Arc90, das Webseiten auf den eigentlichen Inhalt in leserfreundlichem Format reduziert. Auch „fluide“, nicht mehr seitenstarre Layouts kennt man bereits seit den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts.

    All diese schönen Ideen (um von „Erfindungen“ nicht zu reden) gibt es also schon seit längerem – wenn sie auch nicht die eigentlich wünschenswerte Verbreitung gefunden haben. Warum? Weil diese Werkzeuge dem Leser einen Großteil der Kontrolle über das Leseerlebnis zurückgeben, die ihm das real existierende Web nicht zugesteht.

    Content-Anbieter (Verleger, Redaktionen, Blogger) bereiten nun einmal aus merkantilem Interesse und vielleicht auch einer „festverdrahteten“ Ignoranz gegenüber dem Potenzial des Mediums („Internet ist wie Papier, nur ohne Papier“) ihre Inhalte nach wie vor in eher traditioneller Form auf. Und es ist ja zugegebenermaßen auch so schon schwer genug, sich seine Brötchen im entgrenzten digitalen Raum zu verdienen.

    In Hinblick auf die für Autoren und Verlage ohnehin schwierige Situation fürchte ich, dass Herr Neffe zunächst einmal auf dem freien Markt beweisen muss, dass die „Befreiung“ und durchaus arbeitsintensive Aufbereitung von Inhalten in der von ihm erdachten Form sich wirtschaftlich lohnt. Die „multimediale“ CD-ROM versprach ja vor zwanzig Jahren Ähnliches – und schaffte es niemals, die Kuriosa-Nische ganz zu verlassen.

    Ich arbeite seit einiger Zeit an einem technisch vergleichbaren Projekt, jedoch mit Fokus auf einer anderen Art von Inhalten. Und ich bin ehrlich gesagt froh, mir dabei nicht über „Stückzahlen“ von „Titeln“ Gedanken machen zu müssen. Wer an der Entwicklung des Hovercrafts arbeitet, sollte es nicht vielleicht gleich am ersten Tag mit den kommerziellen Fluggesellschaften aufnehmen wollen.