[Leseprobe] Tod auf der Trauminsel: Bernadette Olderdissen, Bossa Mortem

bossa-mortem-bernadette-olderdissen-introLänder und Kulturen sind verschieden, doch menschliche Abgründe sind universell. Wer wüsste das besser als die Reisejournalistin Kira Tolle — in „Bossa Mortem“ schickt Bernadette Olderdissen die sympathische Krimi-Heldin ihrer „Globetrotter“-Serie schon zum dritten Mal um die Welt. Nach „Bis der Tod dich findet“ (Finnland) und „Mord en rose“ (Frankreich) geht es diesmal auf die brasilianische Insel Ilha Grande — wer ermordete die bekannte Reisebloggerin Neveah? Gemeinsam mit der Schwester der Toten ermittelt Kira auf eigene Faust am Tatort. Die vermeintlichte Idylle im beliebten Bade- und Naturparadies erweist sich schnell als schöner Schein. Seit Monaten regiert Angst und Misstrauen auf dem Eiland. Neveah war nicht die erste Tote — wird sie die letzte bleiben? Olderdissens dritter Kira-Tolle-Krimi garantiert nicht nur Spannung bis zur letzten Seite, sondern auch wieder viel Lokalkolorit — nicht umsonst schreibt die in Toulouse/Frankreich lebende Autorin parallel Reisereportagen für verschiedene Magazine. Unsere Leseprobe führt direkt zum Anfang des Geschehens…

Bernadette Olderdissen, Bossa Mortem

Vila de Abraão ∙ Samstag, 11. Februar ∙ abends

«Volaaaaaaaaaaare», johlten die Männer. Sie wippten auf und ab, bis das Gummiboot einen gefährlichen Schlag nach rechts bekam. Genau das wollten sie. Als sie ihr erschrockenes Gesicht sahen, prusteten sie vor Lachen. Sie steuerten geradewegs auf ein Fischerboot zu, um das Ruder dann im letzten Moment herumzureißen. Das Tuckern des Motors ging bei dem Gegröle unter, die Reggae-Beats von der Strandparty verklangen. Sie schaute zurück, erblickte die tanzenden Silhouetten, doch statt frischen Schweißgeruchs blies ihr nun eine leichte Meeresbrise um die Nase. Ihre Finger krallten sich in das feuchte, glitschige Plastik, ohne Halt zu finden. Wegen des Gewichts der Männer saßen sie so tief, dass warme Wellen von hinten ihren Po berührten.
Adrenalin rauschte durch ihre Venen. Die Entscheidung, mit den Männern zu gehen, hatte sie in drei Sekunden getroffen. Lange war es her, dass sie sich auf ein solches Abenteuer eingelassen hatte. Er zwinkerte ihr zu, sie kicherte. Unter das Kribbeln in ihrem Bauch mischte sich eine Prise Angst sowie der Anflug von Übelkeit. Was, wenn es nicht so liefe, wie sie es sich wünschte? Wenn die Männer ihre Signale ignorierten? Der Gesang verstummte, während sie auf den Einmaster, auf dem sie tagsüber die halbe Insel umsegelt hatten, zusteuerten.
«Neveah», flüsterte er ihr ins Ohr mit einer Stimme, die auf ihrer Haut prickelte wie Kohlensäure. Ihre Bedenken sickerten mit dem Motorentuckern dahin. Nach dem Bilderbuchtag, den sie zusammen verbracht hatten, sollte sie den Männern vertrauen. Ihm vertrauen. Im Grunde wollte sie nur ihn, aber das ging nicht. Er sprang als Erster auf das Segelboot und hielt ihr beide Hände entgegen. Sie schaute ein letztes Mal zum Strand, dessen Lichter an Glühwürmchen erinnerten. Hinter sich hörte sie höhnisches Lachen, spürte Finger, die unter ihr kurzes pinkes Kleid glitten, danach eine Hand auf dem Po. Er würde nicht zulassen, dass ihr etwas passierte. Sie ergriff seine Hände und stand mit einem Ruck neben ihm auf dem Boot. Voller Verlangen, sich zu den fernen Reggae-Rhythmen seinem geschmeidigen Körper hinzugeben, sah sie zu ihm auf. Und wäre fast über Bord gefallen, als sie zurückwich: Es war, als hätte er eine Maske übergezogen. Sein zuvor charmantes Lächeln war einem fratzenartigen Grinsen gewichen. Er streckte seinen lärmenden Freunden einen erhobenen Daumen entgegen. Die Panik überrollte sie zu spät.

Vila de Abraão ∙ Sonntag, 12. Februar ∙ vormittags

Camila Freitas Rothenburg lief den Strand beschwingten Schrittes hinunter, den Blick auf die bewaldete Landzunge vor ihr gerichtet. Bald würde die Sonne dahinter hervorspähen und den Morgen in jenes orangerote Licht tauchen, das sie liebte. In São Paulo hatte ihr kein Laut mehr widerstrebt als das Klingeln ihres Weckers am frühen Morgen, hier auf der Insel stand sie hingegen freiwillig um sechs Uhr auf. Nur die Spuren im Sand vom Vortag zeugten davon, wie belebt der Strand von Vila de Abraão normalerweise war. Viele der brasilianischen und ausländischen Urlauber, die sie bis spät abends im Restaurant bewirtet hatte, waren danach zur Reggae-Party in der Tudo-beleza-Bar gegangen und lagen sicher noch im Bett. Auch Camila zählte zu den Stammgästen von Tudo-beleza, der Bar mit der besten Musik. Bloß am vergangenen Abend hatte sie sich wie erschlagen gefühlt: Sie hatte sich nicht nur den Nachmittag über im Restaurant abgerackert, sondern die Spätschicht ihrer Cousine Fernanda, die unter starken Kopfschmerzen litt, gleich dazu übernommen.
Rückblickend war sie froh darüber, denn dank der Spätschicht hatte sie jemanden kennengelernt – eine Touristin, die etwa dreißigjährige Amerikanerin Neveah. Trotz eines Arbeitspensums, das ständiges Rennen zwischen Küche und Tischen erforderte, war Camila mit Neveah ins Gespräch gekommen. Während eines zweistündigen Abendessens verschlang diese eine große Portion Grillfisch und spülte sie mit drei Caipirinhas hinunter. Camila war von der Trinkfestigkeit ausländischer Touristinnen stets beeindruckt, die Caipirinha für das heilige Wasser Brasiliens hielten – dabei tranken die Einheimischen viel lieber Bier. Neveah hatte von ihrer Aktivität als Bloggerin geplaudert und wollte Camila die Grundlagen beibringen, wie man mit einem Blog den Lebensunterhalt bestreiten konnte. Im Gegenzug berichtete ihr Camila von einer blog-tauglichen Schauergeschichte, die sämtliche Bewohner Ilha Grandes im vergangenen Jahr schockiert und verängstigt hatte: Zwei Männer waren ermordet worden.
Nicht, dass Morde in Brasilien überraschend kamen. Falls Brasilien nicht die Hitliste der höchsten Zahl an Morden weltweit anführte, so war es zumindest ein Anwärter auf den Spitzenplatz. Doch Ilha Grande stand für ein kleines, tropisches Paradies, wo die Menschen in Frieden lebten. Für gewöhnlich hatte der Inselpolizist Manuel reichlich Zeit, sich in der Arbeitszeit die Nägel zu schneiden, Touristinnen nachzupfeifen oder seinen Bierbauch zu mästen. Seit jenen Morden hatte sich jedoch etwas verändert. Ein Hauch von Angst lag über den Menschen, so leicht wie die feuchte Meeresluft in den Abend- oder frühen Morgenstunden. Genau davon hatte Camila Neveah erzählt. Während die Mordfälle die Inselbewohner entsetzten, liebten Touristen solche Sensationsgeschichten.
«Wie komme ich zu der Todesvilla?», fragte eine zunehmende Anzahl brasilianischer Urlauber und Restaurantbesucher, die in der Presse von dem Fall gelesen hatten.
Im Oktober war Camila selbst noch nicht auf der Insel gewesen. Sie war erst vor drei Wochen angekommen, hatte jedoch erfahren, dass es sich um einen Volkswirt aus Rio und dessen Schiffer handelte. Die Tat habe am helllichten Tag stattgefunden, hatte ihre Cousine Fernanda atemlos erzählt. Der Villenbesitzer sei bei seiner Siesta in der Hängematte auf der Terrasse erschossen worden. Gestohlen wurde nichts, sogar das Boot des Toten lag noch vor Anker, als man die Männer wenige Tage später fand. Die Villa befand sich so weit ab von der restlichen Zivilisation, dass dort selten jemand vorbeispazierte. Niemand hatte den Volkswirt, der die Insel zeitweise zum Entspannen aufsuchte, näher gekannt. Bei dem Angestellten hatte es sich ebenfalls um einen Fremden aus dem gegenüberliegenden Angra dos Reis gehandelt.
Obwohl Monate vergangen waren, beherrschte das Thema die Gespräche der Bewohner von Vila de Abraão. Einige munkelten etwas über einen Auftragskiller. Was sie dabei sorgte, war die Vorstellung, der Killer könnte sich weiterhin auf der Insel aufhalten, so abwegig das auch schien. Kamen Killer nicht normalerweise vorbei, erledigten ihren blutigen Auftrag und verschwanden auf Nimmerwiedersehen in einer Großstadtfavela oder einem ähnlichen Loch? Aber der Einfallsreichtum vieler Insulaner ließ in Windeseile Spukgeschichten entstehen. Die Frauen, allen voran Nubia, Besitzerin des Salão de beleza, des Schönheitssalons, tauschten sie zwischen Tür und Angel oder beim Einkaufen aus. Die Fischer teilten sie am Strand, und abends, wenn der Alkohol reichlich floss, wurden sie mit Einzelheiten ausgeschmückt.
Am Nachmittag wollte Camila Neveah wieder treffen, um weiter über das Bloggen zu reden – und um mit ihr die zwei Mordfälle zu erörtern, die diese brennend interessierten. Fröhlich hüpfend schwang Camila ihr üppiges Hinterteil, wie es ihre Freundinnen neidisch bezeichneten. Die kühle Morgenluft benetzte ihre Haut, während sich Alegria, pure Freude des Augenblicks, in ihr ausbreitete. Ihre Paulista-Freundinnen – Einwohner São Paulos wurden als Paulistas bezeichnet – stempelten sie als ‚maluca‘ ab, als verrückt, weil sie den Duft des Meeres und den Klang von Sand unter nackten Füßen in Worte fassen konnte.
Ihre ersten Erinnerungen an das Meer stammten aus ihrem dritten Lebensjahr. Wie jeden Sommer im Januar waren die Eltern mit ihr und ihrem Bruder nach Búzios nördlich von Rio de Janeiro gefahren und hatten sich in einem Fünfsternehotel eingemietet. Für Camilas Familie stellte das Meer einen Ort zum Flanieren dar, zum Schön-Aussehen, einen Ort, wo man anderen Bankern oder Anwälten begegnete oder neue Persönlichkeiten aus der Oberschicht kennenlernte. Camila jedoch hasste das Kastensystem der brasilianischen Gesellschaft mit den Typen A bis F. F, das waren die Ärmsten der Armen, die schmutzigen, oft kriminellen Favela-Bewohner, wie ihr Vater ihr früher erklärt hatte. A, das waren diejenigen, die es in Brasilien zu etwas gebracht hatten. Dabei träumte Camila seit einem Jahr davon, jetzt, wo die Schule beendet war, ein Freiwilligenjahr in Bolivien in der Entwicklungshilfe zu absolvieren.
«Paizinho», hatte sie zu ihrem Vater gesagt, seine beringte Hand in ihrer. «Weil wir so viel Glück haben, möchte ich anderen Menschen helfen. Ich möchte, dass es auch ihnen besser geht.»
Sobald sie ihrem Vater den Plan eröffnet hatte, war dieser aufgesprungen. «Bolivien», hatte er gebrüllt, dass Speichelfetzen ihr Gesicht getroffen hatten. «Mit verdammten Indios willst du in irgendeinem Dreckloch hausen?»
«Ich möchte Kindern helfen, sie unterrichten», hatte sie ruhig geantwortet, doch ihr Vater unterbrach sie.
«Kinder! Diese Indianerweiber sind reine Wurfmaschinen. Die sollen sich selbst um ihre Brut kümmern, wenn sie zu viel davon produzieren!»
Jedes Mal, wenn Camila an diese Worte dachte, krampfte sich ihr Magen zusammen. Ihr Paizinho, ihr geliebter Papa, durfte nicht so denken.
«Warum bist du so anders geworden?», hatte er geschrien. «Wieso studierst du nicht Jura, wie deine Mutter es getan hat? Oder Medizin wie dein Bruder? Du könntest das Vestibular mit Bravour bestehen.»
Camila hatte nicht einmal in Betracht gezogen, am Vestibular, einem Test in neun Fächern, der Studenten die Aufnahme an einer Universität ermöglichte, teilzunehmen. Zumindest nicht in den nächsten paar Jahren.
«Alles nur wegen dieses verfluchten Köters!» Ihr Vater hatte geschäumt.
Der Köter … Camila schob den Gedanken fort. Sie wollte nicht daran denken, nicht heute. Sie war hier, am Meer, um sich als Kellnerin im Strandrestaurant etwas Geld zu verdienen. Geld, das sie für ihren Bolivien-Aufenthalt sparte. Nun würde ihr Neveah helfen, einen eigenen Blog zu erstellen – einen Blog, auf dem sie ihre Pläne publik machen und mit dessen Hilfe sie mehr junge Brasilianer für humanitäre Projekte begeistern könnte.
Das Lächeln kehrte auf Camilas Lippen zurück, als sie die erste schüchterne Rundung der Sonne über dem dichten Urwald ausmachte. Hier war er, der schönste Moment des Tages. Plötzlich blieb sie stehen und wandte den Blick von der Sonne ab. Rechts neben ihr im Gebüsch lag etwas Pinkes. Verwundert suchte Camila das Meer nach einer Schwimmerin ab. Sie trat den sanften Wellen entgegen, rief «Neveah», wartete. Nichts. Sollte sie sich geirrt haben? Pochenden Herzens näherte sie sich dem pinken Kleid, das Neveah am vergangenen Abend getragen hatte. Sie zog es mit den Fingerspitzen hoch und schüttelte den Sand ab. Keine Frage – dies war Neveahs paillettenbesetztes, kurz über dem Po endendes Kleid, das sie, Camila, noch vor wenigen Stunden wortreich gelobt hatte. Eigentlich hatte sie es nicht wirklich schön gefunden, aber sie machte gern Komplimente – nichts bereitete ihr größere Freude, als wenn sie einen Menschen zum Strahlen bringen konnte. Wieso lag das Kleidungsstück nun verwaist am Strand? Camila schluckte gegen die in ihr aufsteigende Angst an, dann löste sich ein Schrei von ihren Lippen: Weiter hinten im Gestrüpp baumelten ein BH und ein Slip. Panisch drehte sie sich wieder zum Meer, als könnte es ihr eine Erklärung geben.
«Neveah?», schrie sie noch einmal, so laut sie konnte. Zwitschern aus den Baumwipfeln über ihr war die einzige Antwort.

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Copyright: Bernadette Olderdissen

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Demnächst auch als Taschenbuch erhältlich

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".