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Marmor, Stein und Eisen bricht; Liebe plant man nicht – Vivian Lessing, „Irren ist männlich“ [Leseprobe]

25 Feb 2015

irren-ist-maennlichHeiraten, ein Haus bauen, eine Kanzlei einrichten, Kinder bekommen (Junge und Mädchen), nicht zu vergessen einen Golden Retriever anschaffen: der erfolgreiche Anwalt Dr. Simon Holtenhausen plant sein Leben akribisch durch. Doch nicht umsonst lautet der Titel von Vivian Lessings Roman ja „Irren ist männlich“. Denn plötzlich trifft Simon auf Janine, von Beruf Steinmetzin und privat ein überzeugter Single. Ihre ganze Liebe gilt der Welt der Mineralien: „Steine sind ganz besonders. Sie haben in ihrer Schwere und Unverrückbarkeit etwas Tröstendes, wenn du traurig bist“, weiß Janine. Nach einem Traumprinzen hat sie nie gesucht. Der Zufall will es aber anders: am zweiten Weihnachtsfeiertag steht Simon plötzlich am Rand der Landstraße vor ihr, fernab jeglicher Zivilisation, und wedelt mit seinem Handy. Janine bremst, und nimmt den Unbekannten in ihrem Auto mit, ohne zu ahnen, was das für Folgen haben wird. „‚Irren ist männlich'“ erzählt, wie zwei festgelegte Lebensentwürfe völlig auf den Kopf gestellt werden und dass es manchmal gar nicht schlecht ist, wenn man sich ärgert, dass es nie läuft wie geplant“, so Vivian Lessing. Unsere Leseprobe führt an den Moment, als Janine auf die Bremse tritt – und sich ihr Leben beschleunigt. Mehr verrät die Blick-ins-Buch-Option im Kindle Shop.

Vivian Lessing, Irren ist männlich

1. Kapitel
Es gibt Männer, denen glaubt man alles. Wenn ihr gerade diese traumhafte Kaffeemaschine gekauft habt, die den perfekten Milchschaum innerhalb von Sekunden zaubert, und dann am Abend einen solchen Mann im Fernsehen seht, überlegt ihr – wenn auch nur für einen Sekundenbruchteil – die neue Kaffeemaschine wieder umzutauschen, weil sie nicht gut genug sein könnte. Ihr behaltet eure Kaffeemaschine schließlich. Aber trotzdem: Der Gedanke an den Umtausch müsste als Warnung reichen, sich von solchen Männerexemplaren fernzuhalten. Als Versicherungsvertreter sind sie erfolgreicher als ihre Kollegen, weil der Unterwäschemodel-Body und der George-Clooney-Blick euch glauben lassen, ihr wärt etwas Besonderes und könntet mit solch einem Traumtyp nach Vertragsabschluss bestimmt einen Sekt auf die Unterschrift trinken oder zwei Gläser davon und anschließend – lassen wir das.
Bisher ist es mir in meinem Leben gelungen, all diesen Männern aus dem Weg zu gehen. Bis am zweiten Weihnachtsfeiertag am Rand der Landstraße, fernab jeglicher Zivilisation, ein solcher Mann am Straßenrand stand – sein Superbody verpackt in weißem Hemd, Jeans und schwarzem Jackett, mit blonder Föhnfrisur und Augen, die nichts anderes sein konnten als so vertrauenserweckend blau, dass meine Zweifel verflogen, als sich unsere Blicke begegneten.
Ich trat auf die Bremse.
Da stand nicht mal ein Auto in der Nähe? Egal.
Ich kannte ihn nicht? Egal.
Er könnte ein Gewaltverbrecher sein, ein Mörder, Vergewaltiger? Egal.
Es war mitten in der Pampa an einer Landstraße, die über die Dörfer quer durch die Eifel führte, vom Nirgendwo ins Nirgendwo. Anstatt den Daumen – wie man das so macht als Anhalter – in die Höhe zu halten, wedelte er mit seinem Handy. Klar, hier war kein Empfang. Nur der Matsch an seinen Schuhen störte das optisch perfekte Bild.
Ich hätte weiterfahren sollen, um ihm irgendwann später ein Taxi vorbeizuschicken. Aber bevor der Befehl von meinem Verstand mein Fuß erreichte, hatte ich längst begonnen zu bremsen. Obwohl ich in meinem alten Klappergolf mit all der Ladung hinter der umgeklappten Rückbank sowieso nicht schnell unterwegs war, rappelten die Steine beim Bremsvorgang, schoben sich von hinten gegen meinen Sitz, drückten in meinen Rücken. Als die rechte Wagenseite den Schotter neben der Straße aufspritzen ließ, kam das Auto ins Schlingern. Das Bremsmanöver hätte ins Auge gehen können, zumal der Boden noch leicht gefroren war, überall mit Raureif überzogen.
Bevor ich durchatmen konnte, hatte er bereits die Beifahrertür geöffnet.
„Ich dachte schon, hier kommt überhaupt niemand mehr vorbei. Danke, dass Sie angehalten haben.“
„Vielleicht bin ich ja überhaupt niemand?“
„Darf ich?“, fragte er und setzte sich, ohne eine Antwort abzuwarten. All die Steine im Kofferraum schienen ihn nicht zu stören, auch wenn mein Gefährt zu ihm passte wie zu mir eine Stretchlimousine mit Fahrer.
„Wo ist Ihr Wagen?“ Es war wirklich nirgends ein Auto zu sehen, nicht mal Reifenspuren am Rand.
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Vielleicht haben wir ja Zeit genug, dass Sie sie mir erzählen.“

(…)

„Es ist schon gut.“
Ich schloss die Augen, als er mir über meinen Arm strich, und erwiderte seine Berührung. „Komm doch rein. Sonst stehen wir beide hier noch die ganze Nacht rum. Simon, was ich dir sagen wollte …“
Wie er mich ansah, nur beleuchtet von der Lampe aus dem Gästebad, die ich aus Versehen hatte brennen lassen, war es, als würden wir uns in unserem kleinen Lichtkegel in einer Hülle befinden, außerhalb der es nichts anderes mehr gab. Die Welt um uns herum löste sich in der Dunkelheit und der Stille auf. Ich fühlte seine Fingerkuppen auf der Stirn so intensiv, dass es bis in die Zehenspitzen prickelte. Alle trüben Gedanken rückten in weite Ferne. War es nicht egal, ob ich jetzt den reparierten Wagen ausprobierte oder morgen? Ich spürte die Wärme wie Wellen, die sich von seiner Hand über meine Haut in mir ausbreiten.
Als er sich zu mir beugte, um mich zu küssen, wich ich zurück.
Konnte ich es, ihn küssen, ihm nah sein? Konnte ich überhaupt je wieder einem Mann nah sein? Noch vor fünf Sekunden hatte ich gedacht, dass es möglich wäre, nun war ich mir nicht mehr so sicher.
„Komm erst mal rein“, sagte ich, nahm ihm den Schlüsselbund aus der Hand und ging vor in Richtung Haustür.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte er.
„Das ist es nicht. Möglicherweise bin ich ein bisschen …“, ich überlegte, wie ich es erklären konnte, ohne ihm genau zu sagen, was in mir vorging, „… außer Übung. Das letzte Mal, dass ich mit jemandem zusammen war, so richtig, das ist neun Jahre her, da war ich gerade mal achtzehn.“
„Seitdem gab es keinen mehr?“
Ich hörte die Ungläubigkeit in seiner Stimme. Der Schlüssel klemmte wie immer beim Aufschließen. Nie hat es mich wirklich gestört. Nun wäre ich am liebsten direkt in den Keller gerannt, um das Feinmechaniköl rauszusuchen. Und dabei hoffentlich wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
„Setz dich doch ins Wohnzimmer, ich mache uns beiden etwas zu trinken. Wasser, Saft, Tee, Kaffee – obwohl, dafür ist es zu spät – oder ein Bier, Wein, ist alles da. Hast du Hunger?“
„Ein Bier wäre nett. Für Essen ist es vielleicht noch ein bisschen früh.“
Ich drückte auf die Lichtschalter vom Flurlicht und vom Wohnzimmer. Dabei sah ich ihm nach, wie er sich auf dem Sofa niederließ, dann ging ich in die Küche, um die Getränke zu holen. Als ich den Schrank öffnete, zitterten meine Hände, als wäre nicht Simon mein Gast, sondern ein Einbrecher, der in meine Räume eingedrungen war.
Ich musste mir einen Ruck geben, um meine Beine in Richtung Wohnzimmer in Bewegung zu setzen. Wobei ich ihn mochte! Mehr als das! Er war der erste Mann seit Jahren, bei dem ich mir vorstellte, dass es mit uns wirklich klappen könnte. Ich stellte zwei Gläser und zwei Bierflaschen auf den Tisch in der Hoffnung, dass der Alkohol mich entspannen würde – wenn auch nicht genug da war, um uns ansatzweise betrunken zu machen.

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Copyright Cover & Leseprobe: Vivian Lessing
Publikation mit frdl. Genehmigung der Autorin.

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Vivian Lessing,
Irren ist männlich – Liebesroman
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro