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[Leseprobe] Drei gegen den Weltenbrand: Sarah Marie Keller, Ein dunkler Funke

21 Mrz 2017 0 Kommentare

dunkler-funke-introWas für Gefährten: ein Mensch namens Garian, eine Elfe namens Taya, soweit so gut. Doch ein Mensch, eine Elfe, und ein Ork? Kann das gutgehen? In Sarah Marie Kellers Fantasy-Roman „Ein dunkler Funke“ – geschult an Vorbildern wie Tolkien, Holhbein oder Paolini – geht das durchaus. Der Ork Uruk ist kein Krieger, sondern ein Bücher verschlingender Gelehrter. Und er weiß: fünfhundert Jahre nach dem „Weltenbrand“, dem grausamsten Krieg aller Zeiten, ausgefochten mit magischen Waffen, droht neue Gefahr. Damals war es dem legendären Erlöser Dalan zu verdanken, dass die Völker der Menschen, Elfen und Orks der völligen Vernichtung entgingen. Dalans letzte Prophezeiung jedoch schwebt seit dem als Drohung über den freien Königreichen: eines Tages wird ein zweiter Weltenbrand das schwarze Feuer über die Erde bringen. Doch wer wird Menschen, Elfen und Orks diesmal erlösen? Als die Gefährten Darian, Taya und Uruk im tiefen Wald dem Magier Noa begegnen, wird schnell klar: sie werden eine wichtige Rolle spielen, wenn der dunkle Funke den neuen Brand entzündet. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Sarah Marie Keller, Ein dunkler Funke

1. Kapitel: Garian

Ich kann es schaffen, dachte Garian Daralos. Seine Stirn stand wie der Rest seines Körpers in Schweiß und durchnässte sein Stirnband, während sein dunkelblondes Haar in dünnen Strähnen zusammenklebte. Heute kann ich ihn besiegen!
Der junge Mensch täuschte einen Schritt zurück an, doch im selben Moment ließ er sein hölzernes Übungsschwert vorpreschen, direkt auf die gepanzerte Brust seines Gegners zu.
Noch in der selben Sekunde wurde der Angriff abgewehrt. Als die andere Waffe sein Schwert traf, spürte Garian das Holz vibrieren und seinen Arm schmerzen.
„Ist das alles, was du zu bieten hast?“ fragte die blechern klingende Stimme seines Gegners. Der große Ritter war in pechschwarze Kleidung gehüllt, über der er eine pechschwarz lackierte Rüstung trug. Die breiten Schulterstücke und der mächtige Brustpanzer aus Terylium ließen ihn übermenschlich wirken. Das heruntergeklappte Helmvisier verdeckte sein Gesicht vollständig und verzerrte seine Stimme. In den Panzer waren Ornamente eingearbeitet, die an dornenbesetzte Rosenranken erinnerten. Der sanfte Sommerwind spielte mit einem nachtblauen Umhang.
Der schwarze Ritter ließ sein Schwert wirbeln. Jede seiner Bewegungen schien ein tödlicher Tanz. Garian wusste, dass er nur mit ihm spielte.
Der Junge griff wieder an, sein Schwert zuckte voran, aber sein Gegner parierte in der selben Sekunde. Garian wirbelte herum, sein Angriff wurde wieder abgewehrt. Er täuschte einen Ausfall zur Seite an, sein Gegner fiel darauf herein. Garian glaubte, eine Chance zu haben, er schwang seine Waffe so schnell, dass ihr das Auge kaum folgen konnte – doch im richtigen Moment tauchte das Schwert des Gegners auf, um seinen Schlag abzufangen.
Nun griff der Ritter an. Seine Schläge kamen so schnell hintereinander, dass Garian beinahe schwindlig wurde. Das Schwert durchschnitt pfeifend die Luft, als spielte es zu dem Tanz eine kleine Melodie.
Die ersten fünf Hiebe konnte Garian mehr aus Reflex als durch Benutzung seines Verstandes abwehren; einmal wäre er getroffen worden, wäre er nicht wie ein Frosch zur Seite gesprungen. Ihr Götter, dachte er und schluckte. Wie konnte ein Sterblicher nur so kämpfen? Die breite Rüstung schien den Ritter nicht im geringsten zu behindern. Jede seiner Bewegungen wirkte perfekt choreographiert, wie ein tödlicher Tanz.
Garian rang nach Atem, während Schweißtropfen seine Stirn herunter liefen. Sein Brustkorb ging auf und ab, und seine Beine zitterten vor Erschöpfung, doch er ließ sein Gegenüber nicht aus den Augen.
Der Ritter gönnte ihm eine nur Sekunden dauernde Verschnaufpause, als er angeberisch sein Schwert in der Hand wirbeln ließ. Im nächsten Moment sprang er Garian wie ein Raubtier an. Der Junge erschrak, sein Schwert zuckte hoch, er konnte den Angriff gerade noch abwehren. Und dann ging es weiter. Parieren, Ausweichen, Schlagen, Parieren, Antäuschen, Rückzug, Angriff – das alles in einem atemberaubenden Tempo, so dass ein ahnungsloser Zuschauer denken konnte, die Götter trieben die Zeit für die beiden voran.
Bereits seit einer Stunde kämpften sie auf dem Übungsgelände der Sturmklingen, einem sandigen, von hohen Mauern umgebenen Gelände, ganz in der Nähe des königlichen Palastes. Hier und da standen Soldaten aus Holz, die darauf warteten, in Kampfübungen zu Sägespänen verarbeitet zu werden. Hinter den Mauern konnte man die Ziegel der umgebenen Häuser erkennen. Überall um Garian herum war das Zeichen des Ordens zu sehen: zwei gekreuzte, weiße Schwerter.
Hier wurden die Sturmklingen zu begnadeten Kämpfern ausgebildet, lernten den Umgang mit Schwert und Armbrust, Pfeil und Bogen, Lanze und Speer, und auch den Kampf mit keinen anderen Waffen als ihren bloßen Händen, die den anderen Kampfinstrumenten an Tödlichkeit in nichts nachstanden.
Garian dankte den Göttern, dass an diesem warmen Nachmittag keine anderen Sturmklingen zugegen waren, um mit anzusehen, wie er zum tausendsten Mal einen Kampf verlor.
Nein! sagte er sich entschlossen, während er pausenlos und unter Aufbringung all seiner Kraft die Hiebe seines Gegners parierte. Ich kann ihn besiegen! Ich habe so viel gelernt!
Er sah sein eigenes, von Entschlossenheit verzerrtes Gesicht in dem faustgroßen, weißen Kristall widerspiegeln, der auf dem Brustpanzer seines Gegners funkelte, dort, wo das Herz saß. Ohne dass er es bemerkte, trieb ihn der Ritter immer weiter zurück, einer der Wehrmauern entgegen.
Garian war siebzehn Jahre alt. Seit er denken konnte, war er nur von einem einzigen Wunsch erfüllt gewesen: eines Tages auch zu den königlichen Rittern zu gehören. Eine Sturmklinge zu werden und das Königreich vor seinen Feinden zu schützen. Mit dreizehn Jahren hatte er begonnen mit dem Schwert zu trainieren, lernte waffenlose Angriffstechniken und zu denken wie ein Ritter des Königreiches Minaskai.
Es nutzte alles nichts. Egal, wie sehr er sich auch anstrengte, er hatte niemals gewonnen.
Das Schwert des Ritters, ebenfalls aus Holz, durchschnitt die Luft und traf erneut auf Garians Schwert. Doch diesmal war die Wucht des Aufpralls so hart, dass Garian, ohnehin durch seine Gedanken abgelenkt, ungewollt seinen Griff lockerte. Sein Schwert flog durch die Luft und blieb auf dem sandigen Boden liegen.
Nein! NEIN!
Und wieder ein verlorener Kampf. Der wievielte war es? Garian hatte keine Ahnung, aber er war sicher, dass die Zahl seiner Niederlage mittlerweile die Millionengrenze überschritten hatte.
Fassungslos blickte er seinem Schwert nach; in der selben Sekunde legte sich der dunkle Schatten des Ritters über ihn. Sein Gegner hielt den Griff seiner hölzernen Klinge mit beiden Händen und zielte mit der Spitze auf Garians Herz. Die Sonne schimmerte matt auf seiner finsteren Rüstung und Garian konnte nicht einmal seine Augen erkennen: das Gesicht blieb nach wie vor hinter dem finsteren Visier verborgen.
„Du bist geschlagen“, sagte der Ritter. Seine Stimme war trocken und nüchtern, doch durch den Gesichtsschutz hindurch klang sie metallisch. „Du bist tot.“
Garian wollte rückwärts fliehen, doch eine Mauer hielt ihn auf. Er wollte zur Seite ausweichen, doch sein Gegner war schneller: Garian spürte das harte Schwert, das ihm an die Rippen stieß. Eigentlich war es nicht sehr schmerzhaft, trotzdem tat es ihm so weh, dass er hätte schreien können.
Du bist tot. Die Worte seines Gegners hallten in seinem Kopf wider, jede einzelne Silbe war ein Stich in sein Herz. Egal, was ich tue, ich verliere immer. Er spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte.
„Garian?“
Nun, wo der Kampf vorbei war, schlich sich der Junge an seinem Gegner vorbei. Mit herabgesunkenen Schultern und gesenktem Haupt marschierte er auf der Suche nach seinem Schwert über das staubige Übungsgelände. Wem mache ich eigentlich etwas vor? überlegte er.
„Garian? He, ist alles in Ordnung?“
Vielleicht war er gerade gut genug, um Schweinehirt oder Maurer zu werden. Aber ein Ritter der königlichen Streitkräfte? Niemals!
Er bückte sich und hob sein Holzschwert vom Boden auf. Die Waffe sah aus, als habe ein Ork seine mächtigen Hauer daran ausprobiert. Warum kann ich mich nicht damit abfinden? Ein bitteres Lächeln umspielte seinen Mund, als er daran dachte, wie er vorhin wirklich davon überzeugt gewesen war, eine Chance zu haben!
Eine Hand legte sich auf seine enttäuschte Schulter. Eine sanfte Stimme sagte: „Nimm es nicht so schwer. Du hast hervorragend gekämpft.“
Garian drehte sich nicht um. „Das sagst du nur, um mich zu trösten.“
„Garian, sieh mich an.“ Die Stimme wurde ernster, fordernder. Garian drehte sich um. Der Ritter hatte mittlerweile seinen Helm abgenommen. Darunter kam ein schmales, menschliches Gesicht mit vorstehenden Wangenknochen zum Vorschein. Ein kurzer Bart umrahmte die Oberlippe und das energische Kinn. Das volle Haar des Mannes war wie das Garians schweißverklebt. Es war tiefschwarz wie Kohlen, doch an den Schläfen bereits ergraut. Graublaue Augen unter dicken, schwarzen Brauen blickten Garian ernst an. Ihre Farbe erinnerte an Stahl. Die Nase war groß und markant und ließ an den Schnabel eines Falken denken.
Jeder Mensch, jeder Elf und jeder Ork in Minaskai und weit über die Grenzen des Königreiches hinaus kannte Kelrik Daralos, den Paladin von Königin Lyndira, Oberbefehlshaber des Ordens der Sturmklingen und Held der Schlacht von Sakarran.
„Du hast gut gekämpft“, wiederholte Kelrik. „Du kannst es mir glauben.“
„Und warum habe ich dann verloren?“ fragte Garian.
„Weil ich älter bin und mehr Kampferfahrung besitze“, antwortete sein Vater und seine Stimme wurde wieder sanfter. „Und als ich mit deiner Ausbildung begonnen habe, hast du selbst gesagt, dass ich es dir nicht zu leicht machen soll. Erinnerst du dich?“
Garian wusste das. Trotzdem: Hin und wieder ein kleiner Sieg würde sein Selbstbewusstsein wenigstens etwas stärken!
„Noch ein paar Monate“, fuhr Kelrik fort, „und du hast gute Chancen, mich zu besiegen.“
„Ein paar Monate“, wiederholte Garian. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Er sah seinen Vater nicht an, als er sagte: „Vielleicht wird aus mir doch kein guter Ritter…“
„So einen Unsinn will ich nicht hören!“ sagte der Paladin. „Aber wenn du so leicht aufgibst, dann hast du Recht. Du wirst es nur schaffen, wenn du weiter an dir arbeitest. Glaub mir. Nichts im Leben ist einfach, aber wenn du deine Ziele mit starkem Willen und Selbstdisziplin verfolgst, dann kannst du alles erreichen.“
Garian hatte diese Worte schon so oft gehört, dass sie für ihn nicht mehr wie die ultimativen Lebensweisheiten klangen, sondern einfach nur noch tröstende Platitüden waren. Er wünschte sich, daran glauben zu können, doch es gelang ihm nicht mehr. Dafür hatte er einfach zu viele Niederlagen wegstecken müssen…
Garian begleitete seinen Vater, den Paladin, zu dem kleinen Steingebäude am Rande des Übungsgeländes, das in einen größeren Häuserkomplex überging, von dem aus die erfahreneren Ritter die Fortschritte ihrer Rekruten überwachten. In einem mit verschiedenen Waffen geschmückten, hellen Raum schälte sich Kelrik aus seiner Rüstung. Er legte den stählernen Panzer auf einem eigens dafür entworfenen Gebilde ab, das Garian an die Modepuppe eines Schneiders erinnerte.
„Vater“, begann Garian, während Kelrik ihm ein Handtuch zuwarf, mit dem er sich den Schweiß abtrocknen konnte. „Hast du über Tayas und meine Bitte nachgedacht? Ich meine, ob wir heute Nacht in den Wäldern übernachten dürfen?“
Kelrik wischte sich über den Nacken. Er hatte die oberen Knöpfe seiner schwarzen Jacke, die er unter der Rüstung getragen hatte, aufgeknöpft. „Natürlich“, sagte er.
„Und?“
„Du weißt, dass ich eigentlich dagegen bin, Garian. Ich möchte nicht, dass du oder deine Schwester so weit weg von der Stadt seid, ohne die Begleitung eines Erwachsenen.“
„Ja“, antwortete Garian langsam. „Ich weiß.“
„Von mir aus dürft ihr gehen.“
„Aber wir können auf uns selbst aufpassen! Wir…! Moment, was hast du gesagt?“
Kelrik lächelte. „Ich sagte, ihr dürft gehen. Ich erlaube es. Denn du hast Recht. Ich glaube, ihr könnt wirklich auf euch aufpassen. Ihr seid keine Kinder mehr, auch wenn es mir schwerfällt, das einzugestehen.“
Garian begann, über das ganze Gesicht zu strahlen. „Wirklich? Wir dürfen gehen? Allein?“
„Wenn ihr mir versprecht aufzupassen und morgen wieder zurück zu sein, ja.“
„Danke, Vater!“ Die Reise in die Taravan-Wälder, einige Meilen westlich der Stadt, war ein Abenteuer, das er zusammen mit Taya und Uruk schon so lange geplant hatte – und jetzt wurde es Wirklichkeit! Es half Garian über seine heutige Niederlage hinweg. So, wie sein Vater es wahrscheinlich beabsichtigt hatte. „Ich gehe sofort, um es Taya und Uruk zu sagen!“
„Natürlich, tu das“, meinte Kelrik. Als Garian bereits zur Tür gerannt war, rief der Paladin seinen Sohn zurück: „Garian. Bitte nimm dir meine Worte zu Herzen. Sie sind die Wahrheit, auch wenn du es im Moment nicht glauben kannst.“
„Das werde ich“, versprach Garian. „Ich danke dir.“
„Und noch etwas.“
„Ja?“
Kelrik lächelte. „Ich würde mich an deiner Stelle waschen und frische Kleidung anziehen.“
Garian sah herab auf seine durchgeschwitzten Sachen. Seine Antwort bestand aus einem dankbaren Grinsen. Dann lief er los.

Der Paladin blieb allein zurück. Er spürte einen Schmerz in seiner Brust, den er die ganze Zeit verdrängt hatte. Aus seinem Sohn würde eines Tages eine formidable Sturmklinge werden, vielen der gegenwärtigen Rekruten jetzt schon überlegen. Und genau das war es, was ihm schmerzte.
Denn Sturmklingen waren die Verteidiger des Königreiches.
Und manchmal wurden sie dabei getötet.

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Autor & Copyright: Sarah Marie Keller

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