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[Leseprobe] Die Macht hat tausend Augen: „Identifiziert“, Thriller von Dagmar Sieberichs

2 Feb 2017 0 Kommentare

sieberichs-identifiziert-introMarketing-Expertin Lona Orlanderkamp ist perplex: Warum schließt ihr Arbeitgeber — der global agierende IT-Gigant SoftCircus — plötzlich alle Filialen außerhalb der USA, obwohl es wirtschaftlich bestens läuft? Lona will es wissen. Sie wechselt kurzentschlossen mit ihrem deutschen Chef zur US-Firmenzentrale nach Orlando/Florida. Dort gerät ihr Leben endgültig aus den Fugen, nicht nur, weil sie im Zentrum der Konzernmacht ihre Jugendliebe Frank wiedertrifft. Denn Frank ist ein Whistleblower, und verfügt über brisante Informationen: manipulierter Programmcode von SoftCircus wird weltweit zur Bespitzelung und Kontrolle von Millionen Menschen benutzt. Auch Lona selbst ist betroffen, sie wohnt in einem Smarthome, das von SoftCircus ausgerüstet wurde. Weiß der Softcircus-Vorstand längst, dass der Skandal geleakt werden soll? Thriller-Autorin Dagmar Sieberichs inszeniert in „Identifiziert“ einen dramatischen Wettlauf mit der Zeit — am Ende bleibt Frank und Lona nur noch ein Ausweg, um ihr Leben zu retten… Unsere Leseprobe führt ins Erste Kapitel, etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Option im Kindle-Shop.


Dagmar Sieberichs, Identifiziert

Kapitel 1

Lonas innere Stimme signalisierte Gefahr. Fünf Uhr morgens. Sie fuhr zum Flughafen.
Auch heute landete der Flieger aus Norddeutschland in München mit Verspätung. In Hamburg standen die Flugzeuge bei Schnee Schlange vor den wenigen Enteisungsmaschinen. Das Schneetreiben sorgte erneut für Flugverspätungen in Deutschland.
Bis zum Seminarstart schaffe ich es nie. Schon wieder! Ich hätte gestern fliegen müssen. Hoffentlich gibt das keinen Ärger. Aber ich habe doch so schon kaum Freizeit.
Der Tag schien vorbei, bevor er begonnen hatte. Konzentriert steuerte sie den Mietwagen im Halbdunkel durch die weiße Pracht. Die Scheibenwischer ächzten unter der Dauerbelastung.
Ich bin nachtblind. Bei diesen Wetterverhältnissen sollte ich gar nicht hinter einem Steuer sitzen. Lona gähnte.
Punkt neun Uhr bog sie auf den Parkplatz ab, rollte im Schneckentempo auf die Mitarbeiterstellplätze am vorderen Ende zu. Gott sei Dank ist der Sonderparkbereich einigermaßen geräumt. Lona kramte ihre Codekarte nach minutenlangem Ringen hervor. Sie drückte den Fensteröffner. Die Seitenscheibe fuhr automatisch herunter. Der Räumdienst bemühte sich, Parkbucht um Parkbucht freizulegen. Vergebens. Ein kalter Wind vermischt mit Schneeflocken wehte ihr ins Gesicht. Sie führte die Mitarbeitercodekarte in den Barcodeleser ein. Eiskristalle trafen ihr rechtes Auge. Sie schloss die Scheibe, lenkte den BMW auf eine freie Parkfläche.
Neun Uhr, zwei Minuten. Lona zog ihre Mütze über die ruinierte Frisur. Sie zerrte an ihrem Reißverschluss, verschloss ihre Daunenjacke. Was für ein Wetter! Jetzt beginnt das Seminar. Ich hoffe, die Teilnehmer amüsieren sich gut. Sie atmete ein, stieß die Tür auf, wagte sich in das Unwetter. In Bruchteilen von Sekunden fühlte sie sich wie ein Schneemann. Sie hievte ihren Shopper aus dem Kofferraum, der als Aktenkoffer, PC-, Reise-, Einkaufs- und Handtasche diente. Lona verriegelte den Wagen. Sie rutschte auf geräumten Wegen dem sechsstöckigen Gebäude der SoftCircus-Hauptniederlassung entgegen. Der Boden war überall vereist. Sie schlitterte in Richtung Stirnseite des Bauwerks. Es entfaltete zur Linken und Rechten seine ausladenden Flügel in einem Winkel von einhundertfünfunddreißig Grad.
Ganz egal, wie spät es ist, bevor ich das Seminar beginne, brauche ich einen Kakao.
Neun Uhr vier. Sie betrat die dreißig Meter hohe Eingangshalle durch die wuchtige Drehtür, einem Koloss aus Glas und Stahl.
»Guten Morgen, Hannes. Schön warm bei euch.« Sie grinste ihren Kollegen vom Empfang an, klopfte den Schnee von der Kleidung, rannte zum Zeugraum, in dem die Mitarbeiter ihre Rollcontainer mit ihrem persönlichen Arbeitsmaterial parkten.
»Jens will dich augenblicklich in seinem Büro sehen.«
»Der Flieger hatte Verspätung. Alle Flugzeuge in Hamburg waren vereist …« Ich habe es geahnt. Verdammt!
Neun Uhr, acht Minuten. Hannes schmunzelte. Er amüsierte sich, wie Lona mithilfe ihrer Mitarbeitercodekarte die Tür ohne Klinke malträtierte. »Wenn ich dir einen Rat geben darf: Ruf Jens an!« Hannes’ Baritonstimme donnerte durch den Eingangsbereich. Er schüttelte den Kopf.
Lona ignorierte ihn. Um Jens würde sie sich später kümmern. Ich habe heute ein ganz komisches Gefühl. Hoffentlich dreht er mir aus dieser Verspätung jetzt keinen Strick. Die Stahltür sprang auf. Lona rannte den Gang entlang. Im neonbeleuchteten Raum steuerte sie auf ihren Container am Ende der ersten Reihe zu. Sie löste ihn aus, schaute im Terminal nach, welchen Arbeitsplatz sie für diese Woche reserviert hatte. Wieso dauert das Einloggen so lange? Sind heute selbst die Server eingefroren?
Der Zeugraum litt ebenso unter dem stahlgrauen Teppich wie alle übrigen Etagen im Norden von München. Die Rollcontainer glitten zwar mühelos darüber, allerdings schluckte der Belag jedes Geräusch. Trotz vieler Mitarbeiter sowie zahlreicher Gäste herrschte im gesamten Gebäude eine dumpfe Stille.
Durch den abtauenden Schnee hinterließ Lona eine Spur vom Mitarbeiterlager durch die ovale Eingangshalle bis zum ersten Glasaufzug auf der rechten Seite.
»Morgen zusammen.«
Der Besucher-Check-in lag genau in der Mitte des Entrées.
Sie nickte ihren anderen Kollegen zu, drückte die Zwei.

Neun Uhr vierzehn. Lona betrat den Flächenbereich, den sie bei Facility für ihre heutige Präsentation mit zehn Personen bestellt hatte. Die Hausmeister hatten die Etage durch mobile Wände zu vier Räumen abgetrennt und Lonas Einheit nach ihren Wünschen bestuhlt.
Sie parkte ihren Rollcontainer an der Fensterfront und legte Jacke plus Mütze auf den Container. Geübt fingerte sie eine Bürste aus ihrem überfüllten Shopper, frisierte ihr blondes Haar zu einem perfekten Pferdeschwanz. Seit über vier Jahrzehnten trieb sie den reinsten Kult um ihr langes Haar. Kein Friseur durfte ihren Haarspitzen mehr als zwei Zentimeter zu Leibe rücken. Sie mutete sich selbst jede Strapaze zu. Doch ihre Mähne behandelte sie wie ein rohes Ei: Möglichst wenig föhnen, nur mit Naturborsten frisieren, keine Experimente wie Glätteisen, Dauerwellen oder Strähnen. Ihre Haare waren ihr Heiligtum. Das Mobiltelefon läutete. Jens. Nicht jetzt! Sie schaltete ihr Handy aus.
Laptop in die Dock-in-Station einsetzen, Rechner starten, Jalousien herunterfahren. Ein Blick auf die Leinwand von vier Mal fünf Metern verriet ihr, dass die eingebaute Technik funktionierte. Sie hob den Hörer des hausinternen Telefons ab, rief beim Empfang an.
»Hannes Mühlmeier. Sie wünschen?« Hannes neckte sie.
»In zehn Minuten bin ich startklar für unsere Teilnehmer.« Lona lachte in die Sprechmuschel. »Ich brauche noch einen Kakao, bevor es losgeht.«
»Kein Problem. Ich überprüfe in der Zwischenzeit die Badges. Hast du Jens err…«
»Danke, Hannes.« Sie legte auf.

Lona verließ den Raum auf der gegenüberliegenden Seite, rannte ins Bistro. Mit jedem Schritt hinterließ sie nasse Fußabdrücke.
Verdammter Mist. Turnschuhe sind bei dieser Witterung eine schlechte Idee! Die knallenge schwarze Röhrenjeans triefte. Einzig ihr luftig geschnittener schwarzer Pullover, hinter dem sie ihren etwas zu kleinen Busen versteckte, hatte das Unwetter trocken überstanden.
»Gibt es heute keinen Kakao?« Lona setzte demonstrativ ihre Brille auf, die sie ständig wie eine Kette um den Hals trug. Sie gab vor, die Auswahl der Getränke so besser beurteilen zu können.
»Ist nicht geliefert worden.« Manuela, die Bedienung, antwortete nie in ganzen Sätzen.
»Was ist das für ein Scheißtag?«, fluchte Lona.
Manuela hob die Schultern.
»Milchkaffee, bitte. Ich muss meine Finger wärmen.«
Die Kantinenbetreiberin reagierte teilnahmslos. Sie kassierte den Kaffee und wandte sich wieder ihrer neuen Mitarbeiterin zu, die sie mit weit aufgerissenen Augen ansah.
»Ich bring die Tasse in der ersten Pause zurück.«
Lona wärmte ihre zierlichen Hände, die sichtbar von Adern durchzogen wurden, an ihrem heißen Kaffee. Die von der Kälte gezeichneten etwas zu dicken Finger nahmen allmählich normale Farbe an. Auf dem rechten Zeigefinger verlief eine Narbe.
»Passt schon.«
»Wer war das?« Die Neue konnte ein gewisses Entsetzen in der Stimme nicht unterdrücken.
»Lona Orlanderkamp. Die ist ganz dick mit unserem Chef. Vorsicht! Ich kenne sie nur so, dass sie von Büro zu Büro rennt. Verteilt ständig Aufgaben, telefoniert dabei gleichzeitig und trinkt mit der anderen freien Hand Kakao.«
»Dauernd im Stress?«
Manuela bejahte. »Der entgeht nix. Sie besitzt hier so eine Art Starstatus. Hat vor zehn Jahren eine Buchreihe rausgebracht. Seitdem vertritt sie den Laden international. Die gehört gewissermaßen zum Inventar.«
»Wie du?«
»Um dich über mich lustig zu machen, bist du noch nicht lange genug hier.« Manuela verpasste der Neuen einen freundschaftlichen Klaps.

Neun Uhr fünfundzwanzig. Lona schickte ein letztes Stoßgebet gen Himmel. Sie drückte die Türklinke herunter, betrat den Raum und genoss, dass das Gemurmel der wartenden Anwesenden augenblicklich erstarb. Lona steuerte ihren PC an. Wenn du einen Tipp von mir willst: Achte stets auf einen langen Rücken. Der gibt deinem meist viel zu schnellen Gang etwas Majestätisches, hörte sie immer noch die gut gemeinten Worte ihres Moderationstrainers.
Sie stellte sich aufrecht, den rechten Fuß leicht ausgedreht, den linken rechtwinklig dazu. Ihre Arme beugte sie vor dem Körper. Wie verdeutlichst du deinem Gegenüber die größtmögliche Aufmerksamkeit? Ich forme mit den Händen kleine Nester: Die linke aufwärts, die rechte abwärts – beide Hände ineinander verzahnt. Dann kann ich wenigstens nicht mit denen herumfuchteln. Trainer, Go Home!
Lona wechselte in den Redemodus. Ihre Hände bewegten sich augenblicklich wie die einer Teufelsgeigerin: flink und im Takt der Worte.

»Ich begrüße Sie herzlich, Ladys and Gentlemen. Bitte entschuldigen Sie die Verspätung …« Lona ratterte los, gestikulierte mit Händen und Füßen, formte die Worte so präzise, dass ihr Gesicht mitunter grimassenhaft wirkte. »Ich schlage vor«, eröffnete sie das Seminar, »wir verkürzen die erste Kaffeepause auf zehn Minuten. Ist das für Sie okay?« Lona blickte in zufriedene, zustimmende Gesichter und startete ihre Präsentation. Zunächst erläuterte sie den Kursteilnehmern den Seminarvertrag. Er dokumentierte die Regeln innerhalb des Kurses. Sie fuhr mit dem zeitlichen Ablauf des Tages inklusive der Pausenzeiten fort. »Nach der Mittagspause gibt es einen neunzigminütigen praktischen Teil. Dabei werden Sie nicht nur Ihr Suppenkoma verdauen.«
Alle lachten – wie immer an dieser Stelle.
»Zum Abschluss des Lehrgangs benötige ich ein schriftliches Feedback von Ihnen.«
Lona schloss ihre immer gleichen Ausführungen zum Zeitplan ab. Auch heute stand sie neben sich, hörte sich beim Reden zu. Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. Die Kursteilnehmer schauten sie erwartungsvoll an.
»Sie sind dran, meine Damen, meine Herren.«
Zusammenzucken mancher Teilnehmer – wie üblich. Profilneurotiker, die an dieser Stelle regelmäßig Anlauf nahmen, um sich endlich selbst darzustellen. Schüchterne, die selbst privat kaum ein Wort über die Lippen brachten. Coole, die generell über allem standen. Sachliche, die kurz, aber prägnant Auskunft gaben. Die sind mir logischerweise am liebsten. Desinteressierte, die alles Scheiße fanden.
»Ich möchte von Ihnen gerne in drei Sätzen wissen: Wer sind Sie, was machen Sie beruflich, warum sind Sie heute hier? … Sie haben dreißig Sekunden. Ich beginne immer mit dem Teilnehmer links von mir. Bitte schön.«

Geschafft, jetzt habe ich sie beschäftigt! Lonas Gedanken schweiften umher. Ich wünschte mir, mal ohne Wecker aufzuwachen, Zeit beim Duschen zu haben, zu frühstücken. Nicht zum Flugplatz zu hetzen, zum Gate zu jagen, um in allerletzter Sekunde einzuchecken. Dirk hat es besser. Er hat kaum Anfahrtweg. Ich freue mich auf heute Abend. Ich bin gespannt, womit er mich überrascht. Er tat so geheimnisvoll.
Dirk Cramer, Lonas langjähriger Verbündeter, jobbte als freiberuflicher Sozialarbeiter im Haus der Jugend Mümmelmannsberg. Der leidenschaftliche Kameramann und Regisseur hatte ein Filmprojekt ins Leben gerufen. Die Rasselbande verdankte seinen Kontakten zum Studio Hamburg ausgemusterte Kameras, Schnittplätze, Tonanlagen, Beleuchtung. Mit einer wachsenden Gruppe Kinder und Jugendlicher arbeitete er im dritten Jahr an dem Projekt ›Stadtteilfernsehen: Was unser Viertel bewegt‹.
Es ist ein Jammer, dass wir so verschieden sind. Lona inhalierte einen ordentlichen Zug des Lieblingspfeifendufts ihres Freundes, den sie zu riechen glaubte. Schweigen.
»Sie sind?« Lona checkte den nächsten Teilnehmer ab. Innerhalb einer Millisekunde dirigierte sie die Situation in die gewünschte Richtung.
»Was interessiert Sie das? Mein Chef sagt, ich müsse herkommen. Da bin ich. Ich döse hier nur, klar?«
Lona schaute ihm in die Augen und antwortete freundlich: »Nein! Ihr Vorgesetzter bezahlt für dieses Computerseminar, damit Sie Informationen aus erster Hand erhalten. Ich kann keine Teilnehmer brauchen, die keine Lust haben, mitzuarbeiten.« Sie näherte sich dem Störer gelassen. »Wenn Sie den Tag beim Aumeister verbringen wollen, bitte sehr. Ich halte Sie nicht davon ab. Packen Sie Ihre Sachen. Ich will mit dem Seminar fortfahren.«
Im Schulungsraum konnte man die berühmte Stecknadel fallen hören. Lona musterte den Desinteressierten unvermittelt.
Er stotterte: »Das, das dürfen Sie nicht.«
»Oh doch, das darf ich!« Sie wies ihn an, den Raum zu verlassen. »Gehen Sie jetzt freiwillig oder muss ich erst unseren Sicherheitsdienst holen?«
Der junge Mann kramte widerwillig seine Utensilien zusammen: Er zog mit einer schnellen Handbewegung seine Jacke von der Stuhllehne, schlich mit mürrischem Gesicht auf die geöffnete Tür zu.
»Das wird Ihnen noch leidtun.«
»Sie dürfen gerne wiederkommen, sobald Sie Ihre Einstellung überprüft haben.« Lona flüsterte bedrohlich: »Ich dulde in meinen Seminaren niemanden, der durch seine negative Haltung anderen Anwesenden den Spaß nimmt. Und mir die Zeit stiehlt!« Sie warf die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss. »Entschuldigen Sie den Zwischenfall, meine Damen und Herren. Fahren Sie bitte fort.« Lona erteilte dem nächsten Teilnehmer das Wort und nahm das näherkommende Ende der Vorstellungsrunde beunruhigt wahr. Ich kann schon mal den Countdown zählen – drei, zwei, eins …
»Ich danke Ihnen für die Informationen. Jetzt kann ich Sie besser einschätzen. Natürlich möchte ich mich Ihnen ebenfalls vorstellen.« Lona hörte sich beim Referieren zu. »Ich bin seit neunzehnhundertsechsundachtzig für SoftCircus tätig. Nach einigen Jahren im Innendienst bin ich Anfang der neunziger Jahre in den damals neu entstandenen Marketingbereich des Unternehmens gewechselt. Dort verantwortete ich die Vermarktung von Betriebssystemen und Netzwerken. Ende der neunziger Jahre wurde ich zur Seminarleiterin befördert und referiere seitdem in ganz Europa.« Lona ließ ihren Blick schweifen. »Ich habe verschiedene Sachbücher veröffentlicht, wovon die bekanntesten meine Troubleshootingreihe sein dürfte. Lassen Sie uns anfangen.«
Lona leitete zum eigentlichen Thema des Tages über. Sie brachte die ersten neunzig Minuten bis zur angekündigten Kaffeepause hinter sich. Das Publikum hing an ihren Lippen.

Tolles Gefühl, geachtet und bewundert zu werden. Eine Menge dafür tun muss ich ja nicht.
»… nur diese monatlichen Wechsel in den Softwareversionen. Die rauben mir irgendwann den Verstand. So viel kann ich gar nicht fliegen, um das alles zu lesen und zu verarbeiten …«, scherzte Lona im Pausenbereich von Teilnehmern umringt. Den Zuhörern gefiel es.
Sie beschwerte sich selten, hatte sich mit dem Zustand arrangiert – Stillstand. Stattdessen probte sie den Aufstand durch ihr Äußeres, vertrat den Standpunkt, sie werde sich keinem Modediktat unterwerfen. Anscheinend ist die heutige Mode so schlecht, dass sie in kürzester Zeit erneuert werden muss! Das ist mir zu anstrengend. Lieber investiere ich ins Tanzen!
»Wir kommen zur praktischen Übung Nummer eins. Erforschen Sie die neuen Features auf eigene Faust, um meinen theoretischen Vortrag in praxisbezogene Erfahrung umzusetzen.«
Punktlandung! Genau dort wollte ich nach sechzig Minuten sein. Sie setzte sich zufrieden in ihren Referentensessel, lehnte sich zurück. Die Teilnehmer arbeiteten an ihrer ersten Aufgabe. Fünf Minuten Ruhe. Ich sehne mich immer öfter nach den vier Luxusgütern der Neuzeit – Stille, Platz, Zeit, Vertrauen.
Lona schaltete ihr Handy ein. Acht Anrufe in Abwesenheit. Sie schmunzelte. Ihre Gedanken wanderten zu dem Tag, an dem sie ein unbekanntes Softwarehaus fand, das im Laufe der neunzehnhundertneunziger Jahre Geschichte schreiben sollte. Jens hat mein Talent gleich erkannt. ›Sie können Menschen motivieren.‹ Sein angenehmer Bariton tönte in ihrem Ohr. ›Ich engagiere Sie als Moderatorin für Veranstaltungen.‹ Das ist siebenundzwanzig Jahre her … Unglaublich, was ich seitdem über Verkaufsstrategien, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit gelernt habe. Vielleicht ist es an der Zeit …
Ein lautes Klopfen riss Lona jäh aus ihren Tagträumen.
»Entschuldige bitte die Störung.« Hannes schob seinen Kopf durch die Tür.
Endlich passiert mal etwas, was nicht zum Konzept gehört. Man stört meinen Unterricht. Ich bin begeistert! Eine unvorhergesehene Situation – großartig.
»Was gibt es?«
»Jens bittet dich, in der Mittagspause dringend bei ihm vorbeizuschauen«.
»Wo brennt’s denn?« Lona entging der Nachdruck in Hannes’ Stimme keineswegs. Sie wollte wissen, was auf sie zukam, bevor sie sich Jens stellte.
»Keine Ahnung. Bitte vergiss es nicht! Oder soll ich Dich erinnern?« Hannes verzog sein Gesicht. Er blickte sie genervt an.
»Das kann ich mir merken.« Lona lachte.
Die Teilnehmer hatten ihre Arbeit eingestellt und beobachteten das unvorhergesehene Treiben.
»Haben Sie die Aufgabe gelöst?« Lona wandte sich den Kursbesuchern zu, die sich ertappt fühlten. Mit einem Blick auf ihre Uhr verkündete sie: »Sie haben noch zwei Minuten.«

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Autorin & Copyright: Dagmar Sieberichs

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Dagmar Sieberichs, Identifiziert
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