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Lesen für eine Handvoll Cents: Pennyread experimentiert mit Nano-Payment

4 Jan 2013 Ansgar Warner 0 Kommentare

Paywalls haben zahlreiche Nachteile – selbst wenn sie nach dem „metered access“-Modell funktionieren, bauen sie eine Hemmschwelle auf. Spätestens nach zehn oder zwanzig kostenlosen Artikeln wird der Leser vor die Qual der Wahl gestellt: Online-Abo abschließen oder zu einem anderen Portal abwandern? Der französische Startup-Unternehmer Emmanuel Valjavec will dieses Dilemma auflösen, und setzt mit „Pennyread“ auf eine Art Content-Parkometer. Nach ein paar Absätzen Lektüre bzw. ein paar Minuten Videostream senkt sich ein virtueller Vorhang über die Inhalte – lässt sich jedoch wieder wegklicken. Im Hintergrund werden dabei einige virtuelle Cents in Rechnung gestellt, Pennyread benutzt dafür Javascript und klassische Browser-Cookies. Erst wenn auf diese Weise ein niedriger Eurobetrag aufgelaufen ist, wird der Nutzer real zur Kasse gebeten – er muss sich bei Pennyread anmelden und bezahlen.

Um das große Geld geht’s dabei nicht: Auf Pennyread.com lassen sich via PayPal Beträge zwischen 2 und 5 Euro abbuchen. Der ehemalige NASA-Astrophysiker & McKinsey-Berater Valjavec hat dafür auch gleich einen neuen Begriff in die Debatte geworfen: “Nano-Payment”. Doch worin der Unterschied zum Micro-Payment bestehen soll, bleibt nebulös. Beim freiwilligen Spenden mit dem Crowdfunding-Service Flattr etwa wird der Monatsbeitrag oft in mindestens ebenso kleine Tranchen aufgeteilt. Eine Bezahlschranke senkt sich dabei natürlich nicht – der Nutzer entscheidet erst nach der Lektüre, ob er sich beim Autor mit einem Klick auf den Flattr-Button bedanken möchte. Regelmäßig besuchte Seiten lassen sich zudem abonnieren, so dass sie jeden Monat automatisch geflattrt werden. Pennyread dagegen scheint sich eher dafür anzubieten, sporadische Seitenbesucher mit sanftem Druck zum Zahlen zu motivieren, ohne sie von vorneherein abzuschrecken, und setzt letztlich ebenfalls auf eine Portion Goodwill. Das Cookie-basierte Abrechnungssystem lässt sich schließlich durch das Löschen des Browsercaches recht einfach umgehen.

Eingesetzt wird Pennyread bisher offenbar nur auf einer französischen Songtext-Website namens Parolesparoles.fr – grundsätzlich könnte jedoch jenseits des Rheins auch für große Presseportale von Interesse sein. Online-Only-Publikationen wie die 2008 gegründete Netzzeitung mediapart.fr etwa setzen bisher auf eine konsequente Bezahlschranke. Nur die Titelseite ist kostenlos lesbar, das monatliche Abo kostet 9 Euro. Mit mehr als 50.000 Abonnenten schreibt mediapart mittlerweile sogar schon schwarze Zahlen. Doch um noch mehr Leser an die Inhalte heranzuführen, wäre das Parkometer-Modell à la Pennyread wahrscheinlich eine gute Idee. Pennyread-Gründer Valjavec selbst denkt allerdings bereits international – sein neuer Service wird in verschiedenen Sprachversionen angeboten, neben Englisch, Italienisch und Spanisch auch auf deutsch. Sogar für Websites, die normalerweise auf frei zugänglichen Content setzen, könnte Pennyread in Einzelfällen sinnvoll sein – denn das “Nano-Payment” lässt sich zielgenau für ausgewählte Artikel aktivieren.

Autor&Copyright: Ansgar Warner
Abb.: Screenshot

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