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Leipzig liest, Leipzig hört, Leipzig lädt runter: Digitale Trends auf der Buchmesse

17 Mrz 2010

Leipziger-buchmesse-2010 digitale Trends E-Book E-Reader Audiobook.gif„Krise! Welche Krise?“ könnte man das Motto der Leipziger Buchmesse nennen. Man erwartet mindestens genauso viele Besucher wie im Vorjahr. Lesen ist krisenfest – tatsächlich haben die Deutschen 2009 sogar mehr Bücher gekauft als jemals zuvor. E-Books haben zwar bisher kaum nennenswerten Umsatzanteile – trotzdem sind digitale Themen auf der Buchmesse allgegenwärtig. Schließlich wird jedes fünfte Printbuch im Internet bestellt, und die Umsätze mit Audiobooks sind bereits beachtlich. Und dann ist da ja noch das iPad: der echte E-Book-Boom, so hofft die Branche, kommt erst noch.

Statt aktueller Hochrechnungen zum E-Book-Umsatz gibt’s Consumer-Insights


Nicht nur Leipzig liest – ganz Deutschland bleibt ein Leseland. Den Löwenanteil des Unterhaltungsbudgets stecken die Bundesbürger nämlich immer noch in Lesestoff. Das zeigen aktuelle Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Profitieren kann davon allerdings mehr und mehr der Onlinehandel: 21 Prozent der Bücherumsätze werden laut GfK bereits im Internet erzielt. Das betrifft aber vor allem den Print-Bereich sowie Hörbücher. Der E-Book-Hype hat in der Verkaufsstatistik dagegen bisher kaum Niederschlag gefunden. Für 2010 verzichtet die GfK deswegen einstweilen auf konkrete Hochrechnungen. Auf der Leipziger Buchmesse gibt’s dafür unter dem Titel „E-Book 2.0 – Consumer-Insights für das zweite Jahr“ ein paar neue Einsichten in das allgemeine Konsumentenverhalten in Sachen elektronisches Lesen.

Bringt die Bookstore-App den stationären Buchhandel auf’s iPhone?


Eins ist schon jetzt klar: bevor der E-Book-Absatz ähnlich abhebt wie in den USA, sind Lösungen für den stationären Buchhandel gefragt. Denn bei digitaler Lektüre hat der Online-Handel zunächst einmal bessere Karten. Wie maßgeschneiderte Lösungen für den stationären Buchhandel aussehen können, zeigt die neue Kooperation zwischen dem Readerhersteller txtr und KNV: die von txtr entwickelte iPhone App soll es interessierten Buchhandlungen ermöglichen soll, ihren eigenen E-Book-Shop auf das iPhone zu bringen, vergleichbar mit der „Bookstore App“ von Barnes & Noble. Andere Möglichkeiten präsentieren auf der Buchmesse Vertreter von Libri und Libreka. Neben speziellen Partnerprogrammen im E-Commerce-Bereich geht es dabei auch um lokale Lösungen, etwa Download-Stationen in den Buchhandlungen. Libreka bietet bereits ein spezielles Tool an, Libri hat gerade eine Testphase in ausgewählten Buchhandlungen begonnen.

Von Atari lernen: Das E-Book als smartes USB-Cartridge


Das Berliner Startup Smartmedia ist in Leipzig mit einer dritten Lösung präsent: dem“Smart Book“, einem USB-Stick, der ähnlich wie das Programm-Cartridge einer Spielekonsole genutzt wird. Im Unterschied zum herkömmlichen Cartridge kann das „Smartbook“ allerdings auf jedem beliebigen Endgerät mit USB-Port eingesetzt werden – egal von wem: „Der Kunde hält ein Produkt in der Hand, dass er Anfassen, Verleihen, Verschenken und ggf. weiterverkaufen kann“. Ähnlich wie ein richtiges Buch lässt sich das „Smartbook“ zudem anonym kaufen und nutzen – da Trägermedium und Software sich nicht voneinander trennen lassen, ist keine Registrierung auf einem DRM-Server mehr erforderlich. Statt „Hands on“ ist auf der Buchmesse allerdings auch der Trend zum totalen „Hands off“ vertreten, also die konsequente Virtualisierung von Content. UTB etwa macht mit dem Lizenzmodell „studi-e-book“ 500 gängige deutschsprachige Titel für Uni-Bibliotheken als E-Book zugänglich. Die E-Books bleiben dabei auf dem Content-Server, gelesen wird ausschließlich online über Adobe-Flash, entweder in den Bibliotheken selbst oder von zu Hause bzw. von unterwegs.

Das Internet macht’s möglich: Buchhändler werden zu Verlagen, Verlage werden zu Buchhändlern


Doch nicht nur für den Buchhandel, auch für die Verlage bieten E-Books völlig neue Geschäftsfelder. Während Online-Buchhändler wie Amazon und zukünftig auch Thalia selbst Bücher herausbringen, steigen Verlage in den Direktverkauf ein, wie man auf der Buchmesse etwa am Beispiel von Rowohlt-Digitalbuch sehen kann. Zugleich schieben sich zwischen die Online-Buchhändler und die Verlage Drittanbieter, die lediglich Konvertierung und Vertrieb von Content organisieren. Vor allem iPhone und iPod Touch bieten sich für solche Modelle als Verbreitungsplattform an, in Zukunft kommen Android-basierte Smartphones dazu. Vorreiter in Deutschland sind Textunes und Heubach Media – beide Unternehmen konnten im letzten Jahr bereits Downloadzahlen im sechsstelligen Bereich vorweisen. Interessant sind diese Anbieter nicht zuletzt auch für Autoren – sie emanzipieren sich mit Direkt-Publishing zunehmend von den Verlagen emanzipieren und erzielen bessere Vergütungen erzielen – wie dies zuletzt etwa Sachbuchautor Markus Albers mit seinem Bestseller „Meconomy“ vorgemacht hat.

Leipzig liest, aber Leipzig hört auch: Audiobooks sind immer noch die erfolgreichsten elektronischen Bücher


Während viele E-Book-Aspekte auch in diesem Jahr noch Zukunftsmusik sind, gibt es aber auch eine konkrete Utopie zu besichtigen: Hörbücher. In diesem Jahr beteiligen sich aus dieser Sparte mehr als 100 Aussteller, darunter alle renommierten Hörbuch-Verlage sowie sämtliche ARD-Rundfunkanstalten. Auch bei Hörbüchern entwickelt sich das Internet zur wichtigsten Verkaufsplattform: Auf mehr als zwei Dutzend Hörbuch-Downloadportalen erwarten den deutsprachigen Internet-Surfer mittlerweile mehr als 15.000 kommerzielle Titel zum Herunterladen, jedes Jahr kommen etwa 2000 neue dazu. Das Hörbuch-Marketing setzt inzwischen stark auf Social Media. Facebook ist für viele Hörbuchverlage ein idealer Ort, um Hörproben oder Trailer zu platzieren und mit den Nutzern ins Gespräch zu kommen. Die Mühe der Macher hat sich gelohnt: neben dem Online-Handel gehören gerade die Hörbücher zu den Umsatzgaranten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Von Staatsbankrotten, Arbeitslosigkeit und Überschuldung zu reden bleibt auf der Buchmesse am Ende den Autorinnen und Autoren selbst überlassen. Sechs europäische Schriftsteller, darunter F.C. Delius, László Földényi (Ungarn) und Natalja Kljutscharjowa (Rußland), wurden unter dem Titel „Krise! Welche Krise?“ eingeladen, ein Essay über eigene Erfahrungen zu schreiben und es in Leipzig erstmals öffentlich zu lesen.