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Leben Autoren vom Urheberrecht? Ein nützlicher Mythos

21 Jan 2011

urheberrecht-autoren-nuetzlicher-mythosDas Urheberrecht sei die Lebensgrundlage von Autoren, wird immer wieder behauptet – Verschärfungen dienten daher auch ihnen. Mit den wirklichen Lebensgrundlagen von Autoren habe das aber wenig zu tun, findet Ilja Braun, dessen ursprünglich in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ erschienenen Beitrag zum „nützlichen Mythos“ Urheberrecht wir im Folgenden dokumentieren. Der Mythos, so die These, nützt vor allem den Verlagen, die Autoren dagegen wiegt es in der Illusion, einen gewandelten Markt ignorieren zu können, in dem es zunehmend um Selbstvermarktung & E-Publishing geht.

E-Books & das Gespenst der Piraterie

Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst der Piraterie. Anfangs trieb es sein Unwesen bloß in den Gefilden der Popmusikindustrie. Seit E-Books ein Thema sind, spukt es jedoch auch auf dem Buchmarkt. „Die Politik muss handeln“, titelte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bereits vor einem Jahr, in seinem „Politikbrief“ vom November 2009. „Unter Kulturdiebstahl, verharmlosend auch Piraterie genannt, versteht die Kreativwirtschaft die unerlaubte Verwertung von Musik- und Textdarbietungen.“ Längst zeigt diese Lobbypolitik Wirkung. Beschwichtigend erklärte Bundesjustizminsterin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in ihrer Berliner Rede zum Urheberrecht, der Autor müsse auch weiterhin „die zentrale Gestalt des Urheberrechts bleiben“. Auch bei der Bundestags-Enquetekommission „Internet und digitale Gesellschaft“ steht das Urheberrecht ganz oben auf der Tagesordnung.

Angst vor der Kostenloskultur

Müssen Autoren durch das Urheberrecht besser geschützt werden? Schriftsteller waren in Deutschland, von Ausnahmen abgesehen, noch nie reiche Leute. Daran waren aus ihrer Sicht meist entweder die Krämerseelen der Verleger, ein undankbares Publikum oder die allgemeinen Umstände schuld. In letzter Zeit scheint es jedoch, als habe es nie Grund zur Klage gegeben, bis das Internet gekommen sei. Denn traditionell zahlten Buchverleger den Autoren für die Veröffentlichung ihrer Werke ein Honorar, das sie durch den Verkauf der Bücher wieder hereinholten.

Wenn nun auch für die Buchbranche das Digitalzeitalter anbreche, so die Befürchtung vieler Kreativer, werde diese Art der Refinanzierung nicht mehr funktionieren. Im Internet, so heißt es, wollen die Leute alles umsonst haben. Wenn Autoren aber für ihre Texte nicht mehr bezahlt werden, wovon sollen sie dann noch leben? Es ist blanke Existenzangst, die nicht nur Buchverleger, sondern auch Schriftsteller dazu treibt, einen stärkeren Schutz des Urheberrechts zu fordern, welches sie überhaupt erst in die Lage versetze, sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Davon jedenfalls sind sie überzeugt. Fast jeder Zeitungsartikel, der das Thema Urheberrecht und digitale Medien auch nur streift, trägt zur Verbreitung dieser Überzeugung bei.

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Mäzenatentum oder Urheberrecht, & keine Alternative?

Interessanterweise verdankt sie ihre Popularität keineswegs einer Analyse der tatsächlichen Lebensgrundlagen zeitgenössischer Schriftsteller. Es handelt sich vielmehr um einen tradierten Topos, der sich auf eine Rede zurückverfolgen lässt, die Thomas Babington Macaulay am 5. Februar 1841 vor dem englischen Parlament gehalten hat:

Die Vorteile eines Copyright-Systems sind offensichtlich. Es ist wünschenswert, dass wir mit guten Büchern versorgt werden. Dies ist nur möglich, wenn die Schriftgelehrten großzügig entgolten werden. Am wenigsten zu beanstanden ist es, wenn dies durch ein Urheberrecht geschieht. Wir können nicht darauf zählen, dass Männer, die sich vollauf den Geschäften des Lebens widmen, in ihrer Freizeit für unsere literarische Bildung und Erbauung sorgen werden. Solche Männer bringen vielleicht gelegentlich äußerst verdienstvolle Abfassungen hervor. Aber man darf von ihnen keine Werke erwarten, die tief durchdacht und lang erforscht sein wollen. Solche Werke wird man nur von jenen erwarten können, die die Literatur zum Geschäft ihres Lebens machen. Nur wenige von ihnen wird man unter den Reichen und Adligen finden, da diese von keiner Notwendigkeit zur geistigen Kraftanstrengung gedrängt werden. […] Um mit wertvollen Büchern versorgt zu werden, muss man sich deshalb auf Männer verlassen, die die Literatur zum Beruf haben und deren private Mittel begrenzt sind. Diese müssen für ihre literarischen Anstrengungen entlohnt werden. Und es gibt nur zwei Möglichkeiten, diese Entlohnung zu gewährleisten: Mäzenatentum oder Urheberrecht.

Autoren-Einkünfte: Niedrig und ungleich verteilt

Das sind Macauly zufolge die Alternativen, um Schriftstellern den Lebensunterhalt zu sichern. Erfüllt das Urheberrecht diese Funktion aber auch tatsächlich? Martin Kretschmer vom Centre for Intellectual Property Policy & Management der britischen University of Bournemouth bringt das Macauly-Zitat gern im Zusammenhang mit einer Studie vor, die er und Philip Hardwick im Dezember 2007 vorgelegt haben. Sie müsste als bahnbrechend bezeichnet werden, wäre sie nicht von Autorenvertretern und Medien, wenigstens in Deutschland, gleichermaßen ignoriert worden.

Die beiden Wissenschaftler haben sich im Auftrag der britischen Autorenvereinigung ALCS mit der Frage beschäftigt, welchen Teil ihres Einkommens britische sowie deutsche Autoren aus urheberrechtlichen Quellen beziehen. Statistische Erhebungen zum Einkommen freiberuflicher Kreativschaffender gibt es viele. In Deutschland gelten dafür die Zahlen der Künstlersozialkasse als maßgeblich. Sie beziffert das durchschnittliche Einkommen freier Autoren im Jahr 2009 auf 16.458 Euro. Welcher Teil eines solchen Einkommens allerdings aus urheberrechtlichen Quellen stammt, hatte zuvor noch niemand untersucht.

Das Einkommen, das professionelle deutsche Autoren, die mehr als 50% ihrer Zeit dem Schreiben widmen, im Jahr 2004 aus urheberrechtlichen Quellen bezogen haben, betrug der Studie zufolge typischerweise 12.000 Euro. Typischerweise bedeutet: 50% haben mehr als dies verdient, 50% weniger – ein Wert, der nicht mit dem Durchschnittswert verwechselt werden darf, welcher aufgrund einzelner „Ausrutscher nach oben“ erheblich höher liegen kann. Das Einkommen ist aber nicht nur niedrig, sondern auch ungleich verteilt: 41% davon entfallen auf die oberen 10% der Autoren, während 12% auf die unteren 50% entfallen. Das Jahreshaushaltseinkommen eines professionellen Autors lag indes beträchtlich höher, nämlich bei typischen 41.644 Euro.

Angesichts dieser Befunde erscheint es zweifelhaft, dass das Urheberrecht tatsächlich die Lebensgrundlage der Autoren sein soll. Kretschmers Studie zufolge verdienen Autoren in Deutschland sogar weniger als in Großbritannien – obwohl die urheberrechtlichen Regelungen in Deutschland als autorenfreundlicher gelten. Vielmehr scheint das Einkommen eines Autors im Wesentlichen von seinem Markterfolg abzuhängen. Ein erfolgreicher Autor hat nicht nur aufgrund besserer Verkäufe höhere Einnahmen, sondern kann auch bessere Verträge aushandeln und sich einen größeren Anteil an diesen Einnahmen sichern. Auf kulturellen Märken gilt das Prinzip „The winner takes it all“: Einem Dan Brown stehen scharenweise Kollegen gegenüber, die gerade über die Runden kommen. Mit dem Urheberrecht hat das nichts zu tun.

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Gefährdetes Vermarktungsmonopol

Dennoch hält der Mythos vom Urheberrecht als Lebensgrundlage Kreativschaffender sich hartnäckig. Angesichts prekärer Lebensverhältnisse der meisten von ihnen verwandelt sich das vermeintliche Faktum dabei in eine Forderung: Das Urheberrecht soll den Autoren gefälligst ihre Lebensgrundlage sichern. Und obschon es das im Grunde nie getan hat, scheint plötzlich allein das Internet daran schuld zu sein.

Bestärkt werden die Schriftsteller in dieser Sichtweise von den Verlegern. Kein Wunder. Sie kämen sonst womöglich auf die Idee, von den Verlegern einen größeren Anteil am Kuchen zu verlangen, etwa eine höhere Beteiligung am verkauften Exemplar oder an den Erlösen für Vorabdrucke, Taschenbuchausgaben und sonstige Verwertungen ihrer Arbeit. Wenn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels das Internet immer wieder als „rechtsfreien Raum“ zu diskreditieren versucht, so verfolgt er damit nicht die Interessen der Autoren, sondern seine eigenen. In Gefahr geraten ist nämlich nicht das Urheberrecht, sondern das Vermarktungsmonopol der Verleger.

Um dies zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, auf welcher Rechtsgrundlage Verlage die Bücher von Autoren veröffentlichen. Sie benötigen dafür die Erlaubnis des Urhebers, also des Autors. Dieser überträgt ihnen das Recht, sein Werk in gedruckter Form zu vervielfältigen und zu verbreiten. In der Vergangenheit hatte der Verlag damit mehr oder weniger ein Monopol erworben, denn andere Formen der wirtschaftlichen Verwertung von Literatur gab es kaum, oder sie spielten im Vergleich zum Buchdruck keine bedeutende Rolle. Zudem konnte der Verlag die Vervielfältigung und Verbreitung des Werks auch leicht kontrollieren, weil der Zugang zu dessen Inhalt – wenn man von der Möglichkeit, Bibliotheken zu besuchen, einmal absieht – an den Erwerb eines körperlichen Werkstücks gebunden war.

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