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Langsamer lesen, aber schnell!

2 Apr 2015

picar-readingDas sprichwörtliche Glück, wo lauert es? Früher gerne „in angulo cum libro“, also im stillen Winkel mit einem Buch. Vielleicht nicht ganz zufällig wälzt selbst Raumschiff-Kapitän Jean-Luc Picard im 24. Jahrhundert ab und zu noch müßig dicke Schmöker aus Papier (selbst wenn sie wohl via Replication-On-Demand hergestellt wurden).

Das Buch ist always on

Solche Momente der Entschleunigung werden aber schon heute immer seltener. Als der Kindle-Reader im Jahr 2007 Premiere feierte, brachte es Newsweek auf den Punkt: „Es ist das erste Buch mit ‘immer-online’-Status“. Nachfolgende Lesemaschinen wie Smartphone oder Tablet haben die Grenzen zwischen offline und online, zwischen privat und öffentlich noch weiter verwischt, und zugleich die Zahl der möglichen Ablenkungen vermehrt.

Haikuisierung der Literatur

Erhöht hat sich auch die Lesegeschwindigkeit – Texte im Web werden mit den Augen „gescannt“, als müssten unsere Sehorgane mit dem Elektrodenstrahl konkurrieren, der früher Zeile für Zeile den Inhalt auf den Bildschirm schrieb. Neben die Search Engine Optimierung tritt Semantische Optimierung: der Titel muss kurz & catchy sein, der Artikel linear & schnörkellos. Das literarische Schreiben hat ähnliche Haikuisierungen erfahren, nicht nur auf Twitter. Handy-Romane der Nuller Jahre packten so viel Handlung wie möglich in knappe Sätze, die gerade noch auf Mini-Displays passten. Kurz- und Mittelstreckentexte der „E-Book-Singles“ setzen diesen Trend fort.

Das Rotieren der Gutenberg-Galaxis nimmt zu

Historisch gesehen ist das immer schnellere Rotieren der Gutenberg-Galaxis nichts neues. Den ersten Schub brachte die Loslösung von der Subvokalisation, dem stillen Mitsprechen der gelesenen Worte. Mehr als 250 Wörter pro Minute sind sonst kaum zu schaffen. Schnellleser, die stumm die Zeilen überfliegen, schaffen problemlos 500 Wörter. Mit Lese-Techniken, bei denen man Wortgruppen en bloc erfasst, steigert man die Geschwindigkeit auf mehrere tausend Wörter pro Minute.

Ein Tipp von Marshall McLuhan

Technische Hilfsmittel stehen gleichfalls bereit, etwa das auf einen Fleck fokussierte „Text-Streaming“ à la „Spritz“, bei dem sogar noch die Augenbewegungen entfallen. Einen weiteren Trick für Rapidissimo-Lektüre gab schon vor Jahrzehnten Medientheoretiker Marshall McLuhan coram publico zum Besten: „If it’s a frivolous, relaxing book, I read every word. But serious books I read on the right-hand side only because I’ve discovered enormous redundancy in any well-written book“.

Harry Potter in 47 Minuten?

Der Weltrekord für die Lektüre von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ liegt bei 47 Minuten. McLuhan wäre bei solchen Wettbewerben nicht angetreten, der Kanadier unterschied ja immerhin zwischen Sachtexten und „frivoler“ Unterhaltung, die der „Entspannung“ dient. Doch mal ehrlich: sollte man nicht neben Romanen auch guten Sachbüchern eine faire Chance geben und sie ganz und in gemächlichem Tempo lesen? Die wahre Herausforderung liegt längst in der Entschleunigung. Wer bricht den Weltrekord im Langsamlesen? Tipp für notorische Überflieger: wenn gerade kein gedrucktes Buch zur Hand ist, einfach mal den Flugzeugmodus von Kindle & Co. nutzen.

Autor und cc-Lizenz (cc-by-2.0-de): Ansgar Warner