Krimi als Guerilla-Aktion: „Strogany & die Vermissten“ (1941) schmuggelt Zeitkritik

strogany-introEin historischer Krimi rund um einen St. Petersburger Sherlock Holmes, geschrieben von zwei Widerstandskämpfern der „Roten Kapelle“, gespickt mit antifaschistischer Konterbande, offiziell erschienen im Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkrieges? Klingt unglaublich — doch diesen Krimi gibt es: Adam Kuckhoff und sein Ko-Autor Peter Tarin alias Edwin Tietjens brachten ihn unter dem Titel „Strogany und die Vermissten“ im Jahr 1940 erst als Fortsetzungsroman in der „Kölnischen Zeitung“, 1941 dann als Buch heraus.

„Selbst die blutigste Sensation stumpft ab…

Der Plot: Im Winter 1909/1910 berät der adelige Amateur-Detektiv Sergej Pawlowitsch Strogany die Petersburger Polizei in einem großen Kriminalfall, der titelgebenden „Sache der Vermissten“. Gleich zu Beginn von Strogany heißt es dazu:

Selbst die blutigste Sensation stumpft ab, wenn sie alltäglich wird. Und so erweckte das unerklärliche Verschwinden einer Anzahl von Mitgliedern der ersten Gesellschaftskreise in diesem Winter einen größeren Widerhall als jene Attentate. Jedenfalls schienen bestimmte Anzeichen darauf hinzudeuten, dass es sich bei den Tätern nicht um gewöhnliche Berufsverbrecher handelte…

„Schilderungen übler Zustände einschmuggeln…“

„Vermisst“ wurden im Deutschland des Jahres 1941 und auch im Rest Europas sehr viele Menschen, in der folgenden Zeit sollten noch viel mehr „verschwinden“. In geradezu unheimlicher Weise schien „Strogany“ die Gegenwart zu spiegeln. Doch nicht nur der Plot, auch viele zeitkritische Textpassagen mussten den zeitgenössischen Leser aufmerken lassen.

„Strogany und die Vermissten“ bewegt sich auf Augenhöhe mit Romanen wie Stefan Andres‘ „El Greco malt den Großinquisitor” (1936) oder Friedrich Reck-Malleczewens “Bockelson. Geschichte eines Massenwahns” (1937). Allerdings wählte Kuckhoff nicht nur ein historisches Sujet, sondern wich – wie es schon Bertolt Brecht in seinem Essay „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ empfohlen hatte – auf die von vielen Intellektuellen „verachtete Form des Kriminalromans“ aus. Denn dort, so Brecht, könne man weitaus gefahrloser „an unauffälligen Stellen Schilderungen übler Zustände einschmuggeln“.

Literarische Camouflage mit Folgen

Die NS-Diktatur überlebt hat Kuckhoff trotz aller literarischen Vorsichtsmaßnahmen nicht: als führende Mitglieder der „Roten Kapelle“ 1942 durch abgehörte Funksprüche enttarnt wurden, geriet er ebenfalls in die Fänge der GeStaPo. Im Oktober 1943 wurde Kuckhoff in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet. Der ursprünglich aus Petersburg stammende Berliner Psychiater und Werbefachmann Peter Tarin alias Edwin Tietjens, Motivgeber und Ko-Autor von Strogany, blieb von den Verhaftungswellen zwar verschont, starb dann aber 1944 an einem Herzinfarkt.

Die literarische Camouflage-Strategie rund um „Strogany“ funktionierte nach 1945 unvermindert fort: Mehr als 70 Jahre lang schlummerte „Strogany“ unbeachtet in Bücherschränken und Bibliotheksregalen — im Gegensatz zu den „normalen“ Romanen von Kuckhoff interessierte die Kriminalgeschichte rund um Strogany kaum jemanden. Nun bringt ebooknews press den wohl ungewöhnlichsten Krimi des ‚Dritten Reiches‘ in der Reihe „Edition Widergänger“ neu heraus, sowohl als Taschenbuch wie auch digital. Die Neuausgabe enthält ein aktuelles Nachwort des Herausgebers sowie im Anhang das historische Vorwort von Adam Kuckhoff.

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Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".