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Kreative E-Books anno 1972: Alan Kays „Dynabook“-Konzept war E-Reader & Tablet weit voraus

4 Apr 2013

„Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen ist es, sie zu erfinden“, lautet die Devise von Alan C. Kay. Genau das hat der Computer-Pionier auch gemacht: schon in den frühen 1970er Jahren entwarf er mit dem „Dynabook“-Konzept den Prototypen des mobilen PCs. „A personal computer for children of all ages“, nannte Kay das als modernes Lern- und Kreativwerkzeug gedachte Gerät: „Das Dynabook könnte ein besseres Buch sein, eher aktiv (wie das Kind) als passiv. Ausgestattet mit der Attraktivität des Fernsehens, aber durch das Kind kontrollierbar, nicht durch den Sender.“ Ein Grund, warum er mit vor allem konsumistisch orientierten Mobilgeräten wie Laptop, Tablet oder E-Reader nicht sehr zufrieden ist – auch wenn rein optisch die frühen Konzeptstudie sehr an die Gerätearchitektur unserer Tage erinnert.

„Lesen, Schreiben, Teilen, Publizieren“

In einem aktuellen Interview mit dem Time-Magazine betont der Dynabook-Erfinder den ursprünglichen Ansatz: „Für das Dynabook war es eher nebensächlich, dass es alle existierenden Medien simulieren konnte, und zwar in einer über drahtlose Netzwerke editierbaren, veränderbaren Form. Viel wichtiger war die Tatsache, dass damit die traditionelle Vorstellung des Lesens, Schreibens, Teilen, Publizierens von Ideen ausgedehnt werden sollte auf das Gebiet des Computers.“

Dreh- und Angelpunkt des Konzeptes sei also die „Symmetrie zwischen Autorschaft und Konsum“ gewesen (“symmetric authoring and consuming”). Genau das vermisst Kay aber bei heutigen Gadgets: „Ist es nicht ziemlich klar, dass diese Möglichkeit der Mehrheit der Benutzer heutzutage vorenthalten wird?“, so der 1940 geborene Computerwissenschaftler. Anfänglich war das Dynabook sogar als eine Art „denkendes Buch“ gedacht, als ein mächtiger persönlicher Assistent, dessen Künstliche Intelligenz selbst Siri & Co. in den Schatten stellen würde. Doch als bei Xerox am Palo Alto Reserach Center (PARC) die Arbeit an einem konkreten Dynabook-Prototypen begann, konzentrierte man sich lieber auf einen funktionierenden Desktop: „Wir haben ein graphisches User-Interface mit überlappenden Fenstern, Icons, etc. geschaffen, als es klar wurde, der ‚helpful agent‘ würde nicht in den Siebziger Jahren Wirklichkeit werden. Und bis heute ist er ja nicht aufgetaucht.“

„Vereinfachte Produkte führen zur Verblödung“

Die aus dem Dynabook entstandene Xerox Alto-Workstation wurde aber immerhin zum Vorbild für den Personal Computer der Achtziger Jahre – sowohl der Macintosh-Desktop und das spätere Windows haben sich daran orientiert. Nicht zufällig war Alan Kay später auch an den Konzeptstudien für Apples „Newton“ beteiligt, dem frühen iPad-Vorgänger. Spätestens mit iPhone und iPad war von der Symmetrie zwischen Kreativität und Konsum allerdings nicht mehr viel übrig geblieben. Kay kritisiert gerade die kinderleichte Bedienbarkeit der modernen PCs für Kinder jeden Alters: „Es gibt ein Bedürfnis danach, ohne Lernkurve auszukommen. Doch das führt zu extrem vereinfachten Produkten, mit denen man sehr einfach loslegen kann, die aber im Endeffekt zur Verblödung führen.“

Ganz ohne Spaß kam freilich auch das Dynabook nicht aus. In der Konzeptstudie von 1972 wird bereits eine Szene beschrieben, die stark an die Gameboy-Generation erinnert: „Zapp! Mit einem wunderschönen Blitz und dem passenden Geräusch explodiert Jimmy’s Raumschiff, Beth hat mal wieder bei Spacewar gewonnen. Die Neunjährigen liegen auf dem Rasen im Park, ihre Dynabooks miteinander verbunden, so dass sie beide ein Viewscreen vor Augen haben, in dem Beths triumphierendes Raumschiff nun alleine durch das All treibt.“

Abb.: Flickr/James F Clay (cc)