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Krautfunding: 5 Thesen zur Dankeschön-Ökonomie made in Germany

6 Jun 2011

Im deutschsprachigen Web ist eine neue Gründerzeit angebrochen – Crowdfunding heißt das Buzzword der Stunde. Flattr war nur der Anfang. Die bunten Spenden-Buttons haben den Weg geebnet für zahlreiche Projekt-Plattformen, die auf die Kraft der Crowd setzen. Auf Inkubato, Startnext oder mysherpas wird mit den Mitteln von Web 2.0 und Micropayment die digitale Ökonomie auf den Kopf gestellt. Wenn im Widget der Spendenbalken schwillt, geht es nicht um „eins, zwei, drei – meins“, sondern um den Nutzen für die Community. Die Gesetze des digitalen Fundraisings ermöglichen unterschiedlichste Vorhaben, vom Theaterfestival über Independent-Musik bis hin zu Buchpublikationen. Crowdfunding gibt den Kreativen mehr Unabhängigkeit von Verlagen, Labels und Kulturinstitutionen. Zugleich aber dank Social Media auch direkteren Kontakt zum Publikum.

Krautfunding- das E-Book ist da

Zahlreiche Fallbeispiele zu Crowdfunding made in Germany finden sich in meinem E-Book „Krautfunding – Deutschland entdeckt die Dankeschön-Ökonomie“, das diese Woche erschienen ist (siehe krautfunding.net). Die PDF-Version ist via Pay-With-A-Tweet kostenlos erhältlich, die Kindle-Version bei Amazon.de zum Preis von 3,99 Euro, die epub-Version gegen eine PayPal-Spende in beliebiger Höhe. Neben dem Einsatz von Crowdfunding im Online-Journalismus geht es in „Krautfunding“ vor allem um Kultursponsoring, Pre-Order-Modelle in der Musik- und Buchbranche sowie um die Bedeutung von Crowdfunding für Startups. Ein Thema, das immer wieder auftaucht, ist die Kulturflatrate. Wenn sich Crowdfunding durchsetzt, könnten bisherige Verteilungskämpfe im Kulturbetrieb nämlich der Vergangenheit angehören. Dem E-Book vorangestellt sind die folgenden 5 Thesen zum Crowdfunding in Deutschland:

Neue Spielregeln für die digitale Ökonomie

Crowdfunding ändert die Spielregeln der digitalen Ökonomie radikal. Das Fundraising-Prinzip als neues Paradigma revolutioniert Motivationen und Verhaltensweisen der Marktteilnehmer. Der Anbieter wirbt nicht mehr für den Kauf eines Produktes, sondern für die freiwillige Unterstützung bei der Realisierung (Pre-Order-Modell) bzw. bei der Aufrechterhaltung des Angebots. Für den Kunden ist nur noch der Nutzen entscheidend, nicht mehr der Preis. Geschäftsmodelle sind nicht mehr von der Zahl der Konsumenten abhängig, sondern von der Zahl der Prosumenten, die sich aktiv für eine Sache einsetzen – sowohl durch Spenden wie auch virtuelle „Mund-zu-Mund-Propaganda“ in ihren sozialen Netzwerken.

Crowdfunding als Vertriebsmodell

Crowdfunding ist das erste funktionierende Vertriebsmodell, mit dem sich das Potential digitaler Güter voll ausschöpfen lässt. Je größer die Crowd, und je besser ihre Vernetzung, desto größer sind die Erfolgschancen für neue Produkte. Die Distributionsmaschine Internet ermöglicht maximale Reichweite bei minimalem Kostenaufwand. Durch die Entkopplung von Nutzung und Bezahlung ist der vollkommene Verzicht auf Kopierschutz und DRM möglich, was für die Anwender zudem maximale Usability garantiert. Zugleich entfällt für den Nutzer die Abwägung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses vor dem Kaufakt. Das einzige Risiko geht in Zukunft der Produzent ein – nämlich das Risiko, das sein Produkt keinen Gefallen findet.

Crowdfunding pusht Direktpublishing

Crowdfunding verstärkt den Trend in Richtung Direkt-Publishing. Es definiert nicht nur die Rolle des Publikums neu, sondern auch die des individuellen Content-Produzenten. Crowdfunding bringt beide in einen unmittelbaren Zusammenhang, ohne dass noch Vermittlungsinstanzen wie Music-Labels, Verleihfirmen oder Verlage notwendig sind. Die „Micro-Patronage“ lebt gerade von der „persönlichen“ Beziehung zwischen mäzenatischem User und dem via Web 2.0 aus der virtuellen Nähe erlebbaren Künstler. Durch die aktive Einbeziehung der potentiellen Nutzer bereits bei der Entwicklung von Produkten bietet Crowdfunding jedoch auch für Unternehmen neue Möglichkeiten der Marktforschung & Vermarktung.

Clevere Variante der Kulturflatrate

Crowdfunding ist die intelligentere Variante der Kulturflatrate.
Schon jetzt funktionieren Crowdfunding-Geschäftsmodelle besonders gut in Verbindung mit nicht-exklusiven Lizenzen wie etwa Creative Commons. Besonderes Potential hat dabei das „Street Performer Protocol“. Ähnlich wie bei Pre-Order-/Subskriptionsmodellen ermöglicht die Crowd dabei die Vorfinanzierung von Werken. In diesem Fall geht allerdings nach dem Erreichen eines vom Künstler/Produzenten definierten Spendenbetrags das Werk in die digitale Allmende über. Die „Befreiung“ von Werken, d.h. der zu erwartende Nutzen für die Allgemeinheit, ist für Crowdfunder ein besonderes wirksames Incentive.

Aus Crowdfunding wird Krautfunding

Mit dem Start von deutschen Micropayment-Lösungen und Projekt-Plattformen wird Crowdfunding zum Krautfunding. Gesellschaftliche Anknüpfungspunkte für die Verankerung in unserer lokalen Netzkultur bieten neben der allgemeinen Rückbesinnung auf die Bedeutung öffentlicher Güter das weit verbreitete Genossenschaftswesen und die Tradition der Selbsthilfe. Krautfunding bildet die digitale Entsprechung zu analogen Tendenzen wie Rekommunalisierung und der Renaissance des Genossenschaftsgedankens. Die solidarische Ökonomie im Web 2.0 ist ein zentraler Bereich das bürgerschaftliche Engagements der Zukunft. Krautfunding befreit uns aus der Falle der „Konsum-Bürgerschaft“, bei der gesellschaftliche Teilhabe sich auf die Kaufentscheidung am Supermarkt-Regal beschränkt. Entscheidend ist nicht mehr die reine Nutzung eines Produkts, sondern das darüberhinaus gehende Commitment via Micropayment/Social Media.