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Kostenlose Cloud-Kopie: Was die Buchbranche von Amazons Auto-Rip für CD’s lernen kann

11 Jan 2013

„Was sagen Sie dazu: Sie haben vor 15 Jahren ein Buch gekauft, und 15 Jahre später erwirbt der Buchhändler die Lizenz für diesen Titel, und stellt Ihnen eine kostenlose E-Book-Version zur Verfügung, und das auch noch ganz automatisch und für umsonst?“ So ähnlich könnte man Amazons neues Auto-Rip-Feature in die Sprache der Gutenberg-Galaxis übersetzen. Klingt wie ein Märchen? Ist im Musik-Sektor aber seit heute Realität – zumindest in den USA. Amazon.com kopiert in Zukunft nicht nur bei jedem Neukauf einer CD die kompletten Tracks in den persönlichen Cloud-Player. Das Unternehmen wertet zudem die Kundendaten von vergangenen Einkäufen bis zurück ins Jahr 1998 aus, um die Musikbox mit MP3-Kopien aufzufüllen. Amazon hat zu diesem Zweck die entsprechenden Lizenzen für knapp 50.000 Alben erworben, weitere sollen folgen. Besonderer Anreiz für den Käufer: viele der neu angebotenen CDs mit Auto-Rip-Feature sind günstiger als das enstprechende MP3-Album.

Vor dem Siegeszug von iTunes gehörten Compact Disks neben gedruckten Büchern zu Amazons wichtigsten Versandartikeln. Dann kam das MP3-Format, und vor allem iTunes plus iPod – mit der Kombination aus Download-Portal und mobilen Playern krempelte Apple die Musikbranche mindestens so stark um wie Amazon später die Buchbranche mit dem Kindle-Reader. In den USA wurden 2011 erstmals physische Datenträger von MP3-Downloads und Streaming überholt, mittlerweile sank der Marktanteil von CDs, Vinyl & Co. bereits in die Nähe von 40 Prozent. Nicht nur Amazon stemmt sich gegen den Niedergang des vor kurzem noch äußerst lukrativen Geschäftsmodells: die Filmbranche hat mit der „UltraViolet“-Initiative ihr eigenes Auto-Rip gestartet. Beim Kauf vieler DVDs und Blueray-Discs erhalten Kunden mittlerweile einen kostenlosen Streaming- und Downloadgutschein.

Gerade eine erfolgreiche Multimedia-Plattform wie das Kindle Fire beschleunigt natürlich zugleich den Trend zum rein virtuellen Konsum, insofern pflegt Amazon mit Auto-Rip eine Art pragmatische Schizophrenie. Doch im Kampf gegen Apple ist letzlich jedes Mittel recht – solange es funktioniert. Auf iPhone und iPad konkurriert Amazon nicht nur über die Kindle-App mit iBooks, dem iTunes für Bücher. Auch das eigentliche iTunes wird attackiert, nämlich über die im Sommer 2012 gestartete Cloudplayer-App. Ein Abgleich mit der iTunes-Medienbibliothek bringt die Amazon-Versionen der entsprechenden Titel kostenlos in den Cloudplayer, inklusive eines Qualitäts-Upgrades auf 256 Kbps, egal ob es sich um online gekaufte oder von Datenträgern gerippte Dateien handelt.

Die Logik dieser Strategie liegt auf der Hand – wenn ohnehin CDs im Handumdrehen ausgelesen und kopiert werden können, sollte man den Kunden dort abholen, wo er ist. Der Verzicht auf einen wirksamen Kopierschutz war dabei nur der erste Schritt, Amazon geht mit seinem erweiterten Cloud-Service jetzt ganz einfach den nächsten. Für die Musik- wie auch die Buchbranche könnte sich das als ein äußerst lehrreiches Exempel erweisen: stellt man Komfort und Kundenzufriedenheit an die erste Stelle, und bietet man den Kunden einen deutlichen Mehrwert, lassen sich durchaus noch gepresste Silberscheiben oder gedrucktes Papier zwischen Buchdeckeln verkaufen. CDs oder Bücher machen aber in Zukunft nur noch dann Sinn, wenn man MP3s oder E-Books nicht als die Chance missversteht, den Konsumenten für identische Inhalte doppelt abzukassieren.

Abb.: Flickr/Ex und Hop (by-nc-2.0)