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Kompakt & sprachbegabt: „deutsches“ Kindle 4 im Test

21 Okt 2011

Man spricht deutsch – das gilt jetzt auch für Amazons Kindle. Die Low-Cost-Version des Kindle 4 ist komplett lokalisiert worden, vom Menü bis zum Kindle-Store. Rein äußerlich gleicht das kompakte Gerät den schlichten Sony-Readern, denn die Qwerty-Tastatur ist weggefallen. Verzichten muss man auch auf Text-to-Speech und sonstige Audio-Funktionen. Ansonsten verbirgt sich unter der Haube bewährte Amazon-Qualität – vom Pearl-E-Ink-Display bis zur komfortablen Leseansicht mit zahlreichen Textfunktionen. An Content mangelt es ebensowenig, denn der Kindle-Store ist prall gefüllt mit aktuellen deutschsprachigen Titeln. Natürlich wäre alles noch schöner, wenn Amazon endlich den epub-Standard unterstützten würde. Doch ansonsten gilt: Für 99 Eurobekommt man mit der Basisversion des Kindle 4 den besten E-Ink-Reader in dieser Preisklasse.

Minimalistisches Design

Das klassische Kindle heißt jetzt Kindle Keyboard, denn das Keyboard fehlt bei der neuesten Modellreihe. In den USA gibt es das kompakte Kindle 4 auch mit Touch-Screen und 3G/UMTS, in Deutschland ging bisher nur die WiFi-Basisversion an den Start. Geliefert wird das Mini-Kindle platzsparend im schmalen braunen Karton mit großem Amazon-Logo. Neben dem Gerät selbst findet man darin noch eine Kurzanleitung und das USB-Ladekabel. Ein Steckdosenadapter ist nicht mit dabei. Vom äußeren versprüht das Kindle 4 wirklich minimalistischen Charme – es sind kaum noch Knöpfe zu sehen. Außer den Umblättertasten am rechten und linken Geräterand gibt es lediglich das Cursorpad direkt unter dem Display, eingerahmt von vier Funktionstasten (Back-Button, Keyboard-Taste, Menü-Taste, Home-Button). Mangels Audiofunktionen fallen natürlich Lautsprecheröffnungen wie Kopfhöreranschluss weg – übrig bleiben an der unteren Gerätekante nur noch Einschaltknopf und Mikro-USB-Port.

Das Kindle 4 spricht deutsch

Das matte, silbergraue Gehäuse schimmert metallisch und fühlt sich etwas kälter an als die Kunststoff-Einfassung des Kindle 3. Durch die aufgerauhte Rückseite liegt das Kindle 4 gut in der Hand, etwas schmaler und leichter ist es ja ohnehin. Im Ruhezustand sieht man bereits eine optische Veränderung – Amazon hat die Bildschirmschoner ausgetauscht. Statt Jules Verne, Oscar Wilde oder Jane Austen blickt man auf typografische Motive und klassische Schreibgeräte. Das Einschalten verläuft gewohnt rasant, man landet automatisch auf der zuletzt gelesenen Seite, bzw. im Hauptmenü. Beim ersten Start des Kindle 4 trifft man die Wahl der Menüsprache – neben Englisch (USA/UK) stehten Deutsch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Brasilianisch zur Verfügung. Neben der deutschen Menüführung gibt es auch endlich eine deutschsprachiges Benutzerhandbuch sowie den Duden als Standard-Wörterbuch.

Komfortable Lesefunktionen

Beeindruckend sind die Möglichkeiten, das Layout von E-Book-Seiten den persönlichen Bedürfnissen anzupassen. So sind nicht nur verschiedene Schriftgrößen einstellbar, sondern auch der Zeilenabstand („Klein, Mittel, Groß“), Zeilenbreite und Schriftfont („Normal, Schmal, sans serif“). Zu den nützlichsten Zusatzfunktionen gehören sicherlich die mitgelieferten Wörterbücher, neben dem Duden auch das New Oxford American English Dictionary. Mit den Richtungstasten lassen sich so Worterklärungen aufrufen, sobald man mit dem Cursor ein einzelnes Wort ansteuert. Kurzerklärungen werden am Fuß der Seite eingeblendet, über die Returntaste auf der Kindle-Tastatur gelangt man auf den kompletten Wörterbucheintrag. Um Stichwörter zu suchen oder Kommentare einzugeben, blendet man über die Keyboard-Taste eine virtuelle Tastatur ein. Die Auswahl der Buchstaben erledigt man über das Cursor-Pad – das geht natürlich langsamer als mit einem Touch-Screen oder einer realen Tastatur. Die Basisversion des Kindle 4 ist eben auf das wesentliche beschränkt, das Lesen selbst steht im Mittelpunkt.

Software-Update verhindert Ghosting-Effekte

Im direkten Vergleich zum Kindle 3 fällt dabei schnell auf, dass die Textdarstellung nicht ganz so scharf erscheint und die Buchstaben etwas heller ausfallen. Im Hintergrund machen sich zudem leichte Ghosting-Effekte bemerkbar, es bleiben also nach dem Umblättern Spuren der vorherigen Seite sichtbar. Ähnlich wie beim neuen Kobo Touch findet im Lieferzustand nämlich nicht nach jedem Umblättern ein kompletter Screen-Refresh statt. Erst nach jeder sechsten Seite bemerkt man das typische schwarze Hintergrundflackern. Der Verzicht auf den Screen-Refresh beschleunigt das Umblättern und spart Strom. Doch das minderwertige Layout nervt nach einiger Zeit spürbar. Zum Glück lässt sich das Problem mittlerweile beheben – dazu muss man allerdings das Kindle Software-Update 4.0.1 installieren. Im Menü „Einstellungen“ lässt sich dann (nach nochmaligem Drücken der Menü-Taste) in der Rubrik „Seite aktualisieren“ die Option „E-Ink-Anzeige mit jdem Umblättern aktualisieren“ einschalten.

Synchronisation & Social Reading via WiFi

Hat man bereits E-Books auf einem anderen Kindle bzw. über die Kindle-App gekauft, kann man via WiFi gleich die Synchronisations-Fähigkeiten des Kindle 4 nutzen – so ist die Bibliothek dann schnell gefüllt. Auch elektronische Zeitungs- und Zeitschriften-Abos werden auf das neue Gerät übertragen. Anstreichungen, Anmerkungen und Bookmarks stehen natürlich auf dem neuen Kindle ebenfalls zur Verfügung. Wer die Social-Reading-Funktionen wie etwa das „Higlighting-Feature“ und das Twittern & Facebooken seiner Lesefrüchte nutzen will, muss diese im Einstellungen-Menü konfigurieren. Zudem kann man über die Aktivierung der „öffentlichen Notizen“ auch Markierungen und Notizen von Personen anzeigen, denen man auf kindle.amazon.com folgt. Man sollte sich natürlich bewusst sein, dass man bei Nutzung aller Features sehr viele Informationen über den persönlichen Leseprozess preisgibt. Immerhin sind im Lieferzustand alle Social-Media-Kanäle ausgeschaltet, man entscheidet also selbst, wo die Grenzen der Privatsphäre verlaufen.

Shoppen im deutschen Kindle-Store

Der deutsche Kindle-Store präsentiert sich auf dem E-Ink-Display sehr aufgeräumt. Unter dem Stichwort “Browse” gibt es die Optionen German Books, English Books, Newspapers und Magazines. Im deutschen Bereich warten mehr als 45.000 Titel, aufgeschlüsselt nach Rubriken wie „Belletristik“, „Biografien & Erinnerungen“, „Business & Karriere“ etc. Geordnet sind die Titel der einzelnen Themenbereiche Amazon-typisch nach dem Bestseller-Ranking. Unter dem Punkt „Kindle Bestseller“ findet man deutschsprachige Titel, an erster Stelle zur Zeit etwa der Berlin-Gothic-Thriller von Jonas Winner. Abgeschlossen wird die Startseite des Kindle-Stores mit den Rubriken „Kindle Post“, wohinter sich zukünftig deutschsprachige Amazon-Pressemitteilungen zum Thema E-Reader und E-Books verbergen, sowie E-Book-Empfehlungen, die sich an bisherigen Einkäufen des jeweiligen Nutzers bei Amazon orientieren.

Fazit: es lohnt sich

Mittlerweile umfasst die Produktpalette von Amazon inklusive Kindle Fire sechs Geräte, von denen allerdings erst drei in Deutschland lieferbar sind: neben der hier getesteten Basisversion die Kindle-Keyboard-Modelle mit WiFi bzw. 3G/UMTS. Die Preise für die klassischen Kindle-Reader sind mit der Einführung des Kindle 4 nochmal deutlich gesenkt worden, sie sind jetzt für 119 bzw. 159 Euro erhältlich. Das macht die Kaufentscheidung etwas schwierig. Der Abstand der WiFi-Version des Mini-Kindle 4 zur WiFi-Keyboard-Version beträgt schließlich nur 20 Euro. Man muss also wissen, was man wirklich braucht. Vom reinen Leseerlebnis her unterscheiden sich das alte und das neue Kindle nicht. Wer auf Audio-Funktionen verzichten kann und auch nicht intensiv Twittern oder lange Anmerkungen oder Notizen eingeben möchte, ist dürfte mit der kompakten Version für 99 Euro optimal ausgestattet sein. Kein anderes Lesegerät bietet zur Zeit ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis.

Kindle WiFi (ohne Keyboard) Specs


Display

6 Zoll Pearl-E-Ink, 600x800 Pixel, 16 Graustufen

Gewicht:

170 Gramm

Schnittstellen

USB, WLAN

Interner Speicher

2 Gigabyte, benutzbar: 1,25 Gigabyte

E-Book-Formate

Kindle-Book, PDF, etc. (kein epub!)

Audio-Features

keine

Preis

99 Euro (Amazon.de)