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“Kleines Internet für Haptiker”: Post-Hauptpost-Punk aus der Hamburger Zentralbibliotheque

20 Jan 2014 Ansgar Warner 3 Kommentare

„Die Zentralbibliothek ist mit einer Auswahl von über 500.000 Medien die größte Einrichtung der Bücherhallen Hamburg. Untergebracht ist sie im ehemaligen historischen Hauptpostamt gegenüber vom Hauptbahnhof.“ So kann man’s auch sagen. Viel besser gefällt mir aber die akustische Bibliotheksführung, die man auf Andreas Doraus brandneuem Album „Aus der Bibliotheque“ erhält, produziert zusammen mit der “Liga der gewöhnlichen Gentlemen”.

Wissenswertes vom Hühnerposten

Gleich der erste Song mit dem Titel Hühnerposten ist nämlich der vielfrequentierten Bücherhalle am Hühnerposten gewidmet (wer das ungewöhnlich findet: die Hamburger haben auch ne Bücherhalle am Mümmelmannsberg, in Steilshoop oder Sülldorf…) : „Ein Postamt sollte dieser Backsteinbau sein, und Wilhelm der Zwote weihte ihn ein, Pickelhaube, Bart und eisiger Blick, er 1907 das Band zerschnitt. 1900 entstand der gotische Bau, errichtet von Geheimrat Zschopau, neben dem Bahnhof, direkt an den Gleisen, diente er gleichwohl nicht dem verreisen“, singt zum elektrischen Tangotakt eine Stimme, die fast immer noch so klingt wie in den 1980ern, als Dorau mit seiner Schulband und dem Song „Fred vom Jupiter“ eher zufällig zum NDW-Star wurde. Das Etikett stimmte aber eh nie wirklich, was Dorau macht, ist eher Indie-Elektropop in der Tradition des Post-Punk. Passenderweise werden seine Alben auch beim Hamburger Independent-Label Indigo verlegt.

“In Zeilen vertieft sind sie wunderschön…”

Selten geht die These vom Pop als Archiv der Alltagskultur wohl so eindeutig auf wie bei Andreas Dorau. Die detailverliebte Welthaltigkeit des neuen Albums reicht von der systemischen Logik des Flaschenpfands bis hin zum Periodensystem der Elemente. Mit besonderer Berücksichtigung des Bibliothekswesens. „Taschenbücher, Periodika, Musik und DVDs, alles ist da, Noten, Filme, Lexika, in der Leihbibliotheeeek“, geht der Refrain von „Hühnerposten“. Okay, E-Books hat er vergessen. Es gibt ja längst die eBuecherhalle, und sogar flächendeckendes WLAN. Vielleicht wird der E-Kram aber auch überschätzt: “Die Bücherhalle ist das kleine Internet für Haptiker”, so Dorau über einen seiner Lieblingsorte. Hören wir ein Stück weiter rein: „Die Postbeamten zogen aus, und tausende Bücher kamen ins Haus [das war übrigens erst im Jahr 2004...], jeder Mensch kommt hier auf seine Kosten, in der Bücherhalle am Hühnerposten. Mädchen oftmals Mittwochs hingehen, in Zeilen vertieft sind sie wunderschön, Rentner, hier sich die Zeit vertreiben, sie recherchieren um Beschwerden zu schreiben“. Ich musste erstmal eine Weile überlegen, wo ich zuletzt via (okay, Highbrow-)Populärkultur einen Blick in den Lesesaal werfen konnte – wahrscheinlich waren es die damals noch laptoplosen Scharounschen Leselandschaften der Westberliner Stabi, als ich zum X-ten Mal Wim Wenders Kinoklassiker „Himmel über Berlin“ (1987) geschaut habe.

“Unter Menschen und trotzdem allein…”

Im Jahr 2014 hat sich der Nutzeralltag im Vergleich zu den Achtziger Jahren dann doch stark verändert – Doraus Lyrics sind da voll up to date: „Automaten an der Drehtür, zahlt man die Versäumnisgebühr, das ist jedesmal ein großer Mist, wenn die Leihfrist überschritten ist, obwohl man online verlängern kann, ist man manchmal zu spät dran, doch kein Grund die Haare zu raufen, weil sie von dem Geld neue Bücher kaufen.“ Klingt manieriert, weil gereimt? Manchmal reimen ja auch Bibliothekare – in Berliner Leihbibliotheken hieß es früher auf der Rückseite von Leihscheinen: „Leihfrist übersehen kommt teuer zu stehen“. Damals war man noch „Nutzer“ und bekam einen Nutzerausweis, am Hühnerposten heißt das mittlerweile „Kundenkarte“. Eins sind Bibliotheken, nein, Entschuldigung, Bücherhallen aber geblieben (und bleiben es hopefully auch noch eine Weile): eine Art heterotoper, dritter Orte, an denen andere Regeln gelten als im Rest der Stadt. Und im Unterschied zu anderen heterotopen Orten wie etwa Friedhöfen ist es dort zwar geräuscharm, aber deutlich lebendiger: „Man ist unter Menschen, und trotzdem allein, kräht jemand rum, heißt es leise sein, dieser Unterschied zur wirklichen Welt, ist was mir besonders gefällt.“ Ja, mir auch.

Andreas Dorau, Aus der Bibliotheque, erschienen am 17.1.2014 bei Indigo, erhältlich als CD/MP3-Album oder auf Vinyl. Oder live reinhören z.B. am 25.01.2014 im Berliner Bi Nuu (“50 Jahre Andreas Dorau Show mit vielen Gästen”).

3 Kommentare »

  • Aus der Bibliotheque | digithek blog schrieb:

    [...] der Bibliotheque” und ist der Hamburger Bücherhalle am Hühnerposten gewidmet (via e-book-news.de): “„Taschenbücher, Periodika, Musik und DVDs, alles ist da, Noten, Filme, Lexika, in der [...]

  • Markus schrieb:

    Zum WLAN, ist für zahlende Mitglieder natürlich gratis. Login per Daten von der Kundenkarte. Feine Sache.
    Ein praktisch öffentliches WLAN ist recht selten in HH, habe schon oft bei Spaziergängen durch HH mit meinem Kindle nach offenen WLAN Netzen gescannt, doch fast alle Netze sind geschlossen.

    Bin momentan in Prag, hier gibt es an jeder Straßenecke gratis WLAN. Man verweilt,genießt einen Kaffee,ein Stück Kuchen und stöbert im Netz nach neuen Lesefutter.

  • RG schrieb:

    Ich “liebe” AD seit seinen Anfängen und bin genau so alt wie er, na ja, ein paar Tage älter. Und ich freue mich immer wieder wenn er etwas Neues ausgebrütet hat. Aus der Bibliotheque ist mal wieder absolut Klasse! Mein persönlicher Favorit ist Tannenduft, genial wie die Geschichte von Honka (Massenmörder) da verewigt wird.