Home » E-Book-Reader

Kindlegate reloaded: Amazon stellt nach Protestwelle drahtlos gelöschte E-Books wieder her

25 Okt 2012 1 Kommentar

Alle Jahre wieder gibt’s offenbar Kindle-Löschungstage: diesmal hatte es eine norwegische Amazon-Kundin namens Linn erwischt. Auf Grund von angeblichen Verstößen gegen die AGB’s verschwanden dabei bei Nacht und Nebel nicht nur die Daten in der Cloud, sondern drathtlos via Whispernet auch die E-Books auf dem Kindle-Reader selbst, das User-Account wurde geschlossen. Selbst andernorts hinterlegte Back-Ups lassen sich dann mit dem Reader nicht mehr lesen – denn der DRM-Schutz kommerzieller E-Books erlaubt den Zugriff nur in Verbindung mit einem gültigen Account. Auf mehrmaligen Protest gegen diese Maßnahme bekamm Linn letztlich die Empfehlung, in Zukunft bei einem anderen Anbieter zu kaufen („We wish you luck in locating a retailer better able to meet your needs“). Was genau Amazon ihr vorwarf, konnte die Kundin auch nicht erfahren, es blieb bei vagen Hinweisen auf die Nutzung verschiedener Accounts mit einem Gerät.

Man kauft keine E-Books, sondern die Lizenz zum Lesen

Dutzende von Linn über mehrere Jahre hinweg legal erworbene E-Books waren somit eingestampft und nicht mehr nutzbar. Aus Sicht von Amazon schien diese Maßnahme allerdings voll auf dem Boden des Gesetzes zu stehen – denn man kauft schließlich keine E-Books, man kauft eine eingeschränkte Lizenz zum Lesen, die eben unter bestimmten Umständen auch widerrufen werden kann. Amazon behält sich nämlich das Recht vor, „Dienstleistungen zu verweigern, Accounts zu schließen, Inhalte zu entfernen oder zu ändern oder Bestellungen zu stornieren.“ Doch schon in der Vergangenheit hat dieser Standpunkt dem Unternehmen in der öffentlichen Debatte nur wenig genützt. Als etwa im Sommer 2009 von zahlreichen Kindle-Readern ausgerechnet Ausgaben von George Orwells Roman „1984“ verschwanden, brach ein Sturm der Entrüstung los. Das Wall-Street-Journal sprach augenzwinkernd von einem “Orwellian Moment”. Viele Nutzer empfanden die Löschungsaktion als Einbruch in ihre Privatsphäre – so als würde ein Buchhändler nachts bei seinen Kunden einbrechen und Bücher stehlen.

PR-Desaster wie beim „Orwell“-Skandal

Auch das aktuelle Kindlegate entwickelte sich in wenigen Tagen zum PR-Desaster – vor allem wegen der Intervention des norwegischen Bloggers Martin Bekkelund. Auf seiner Seite bekkelund.net dokumentierte er nicht nur die Löschattacke selbst, sondern auch den absurden Briefwechsel zwischen Linn und Michael Murphy, dem Customer-Relations-Chef des britischen Kindle-Store (einen skandinavischen Kindle-Store gibt es noch nicht). „Für mich als einen Autor, der sich schon seit Jahren mit DRM, Privacy und Kundenrechten beschäftigt, zeigt dieses Beispiel DRM von seiner schlimmsten Seite“, schreibt Bekkelund. „Wenn Amazon denkt, du bist ein Betrüger, werfen sie dich raus uns nehmen dir alles weg. Wenn du damit nicht einverstanden bist, endest du als Outlaw.“ Linns Outlaw-Dasein war allerdings nur kurz – inzwischen hat Amazon das betreffende Kunden-Account kommentarlos wieder freigeschaltet.

„Amazon kann jede Datei von jedem Kindle entfernen“

Für Amazon-Kunden bleibt aber auch diesmal ein übler Beigeschmack. Wie gut aufgehoben ist die private E-Book-Bibliothek auf dem Kindle-Reader? Überhaupt nicht, meint etwa Digital-Rights-Aktivist Cory Doctorow: „Ich schätze mal Amazon ist grundsätzlich dazu fähig, jede Datei von jedem Kindle zu entfernen, und wahrscheinlich auch die Fähigkeit, jede Datei auf jedem Kindle zu lesen.“ Wer wirklich auf Nummer sicher gehen will, müsste also nicht nur die E-Books separat speichern, sondern auch den DRM-Schutz entfernen, etwa mit Hilfe von Bibliotheks-Verwaltungssoftware Calibre und entsprechenden Plugins. Auch das verstößt natürlich gegen Amazons Lizenzbedingungen. Doch hier wiegen wohl Doctorows Argumente schwerer: „Lesen ohne Überwachung, Publizieren ohne nachträgliche Zensur, Bücher besitzen, ohne Rechenschaft über die Nutzung ablegen zu müssen: diese Rechte sind älter als Copyright.“

Abb.: tom-b/Flickr

Ein Kommentar »

  • Jürgen Schulze schrieb:

    Ach, dujemine,
    Millionen von zufriedenen Kunden und bei einem klappt mal etwas nicht.
    Und schon wird der Untergang von Amazon herbeigebetet…
    Manche Dinge taugen nicht einmal zu einem Shitstümrchen…