„Kindle Worlds“ ergänzt KDP: Amazon koppelt Fanfiction & Self-Publishing

„Kindle Worlds“ heißt Amazons neuestes Self-Publishing-Projekt – es richtet sich speziell an die Fanfiction-Gemeinde. Die Plattform erlaubt es erstmals, mit Fanfiction legal Geld zu verdienen, denn Amazon hat sich von Warner Bros. die notwendigen Lizenzen von zunächst drei in den USA populären Serien gesichert: „Gossip Girl“, „Pretty Liars“ sowie „Vampire Diaries“. Weitere sollen folgen. Kreative Fans, die entsprechende Spin-Offs mit mindestens 10.000 Worten produzieren, erhalten von den Einnahmen eine 35-Prozent-Tantieme. Die ersten Franchise-Fiktionen sind schon in Arbeit – Amazon hat bei Edelfedern wie Barbara Freethy oder Colleen Thompson insgesamt 50 Fanfictions rund um die lizensierten Figuren in Auftrag gegeben. Ab Juni 2013 wird man sie im Kindle Worlds Store erwerben können – ab dann können Self-Publisher auch ihre eigenen Storys auf der KDP-ähnlichen Plattform von Kindle Worlds einreichen.

Fanfiction ist urheberrechtlich vermintes Gelände

Voraussetzung ist dabei, dass man die jeweiligen „Content Guidlines“ und Franchise-Klauseln beherzigt. Fanfiction ist schließlich ein urheberrechtlich vermintes Gelände. Nicht nur die Autoren wachen argwöhnisch über alle Abwandlungen und Spin-Offs, die aus ihren Ideen entstehen. Die Unterhaltungsindustrie versteht erst recht keinen Spass, denn schließlich geht es auch um’s große Geld. Früher war das anders, denn da fand „Fanfic“ bzw. „FF“ vor allen in obskuren Fanzines statt – doch im Web haben populäre Figuren von Captain Kirk und Mr. Spock bis zu Vampirjägerin Buffy ein kaum noch überschaubares Eigenleben entwickelt. Das zeigt alleine ein Blick auf die Non-Profit-Plattform FanFiction.Net: mehr als zwei Millionen User sind dort aktiv, die Zahl der einzelnen Stories hat ebenfalls längst die Millionengrenze gesprengt.

Populärkultur war nie eine Einbahnstraße

Am beliebtesten sind Harry Potter (mehr als 600.000 Fanfictions), die Manga-Serie Naruto (330.000 Fanfictions) sowie die Twilight-Saga (200.000 Fanfictions). Auf den ersten Blick höchst erstaunliche Zahlen. Doch Populärkultur war eben noch nie eine Einbahnstraße: nicht nur X-Boxes oder Ikeamöbel werden gehackt und gemoddet, auch den Plots und Figuren der großen Serien rücken die User zu Leibe. „Sie sind Fans, aber sie sind nicht stumme Couchpotatoes, die Medien nur konsumieren. Die Kultur spricht zu ihnen, und sie sprechen in ihrer eigenen Sprache zurück“, beschrieb es etwa Autor & Kritiker Lev Grossmann vor einiger Zeit mal im TIME-Magazine. Der Cultural-Studies-Begründer Stuart Hall sah die Populärkultur sogar als die zentrale „Arena“, in der die Massen mit den Mächtigen um die kulturelle Deutungshoheit ringen.

„Feilt die Fahrgestell-Nummer heraus“

Gestärkt durch das Urheberrecht sitzt die Kulturindustrie bei diesem Powerplay allerdings am längeren Hebel – Kindle Worlds bildet da keine Ausnahme. Wird eine besonders gelungene Kindle-Fanfiction beispielsweise erfolgreich verfilmt, sieht der Amateur-Autor keinen einzigen Cent. Wer mit Fanfiction richtig Geld verdienen möchte, sollte insofern besser Kindle Worlds meiden und stattdessen den Rat von WIRED beherzigen: „Macht es wie E.L. James und feilt die Fahrgestell-Nummer heraus“. Mit anderen Worten: wandelt die Geschichte so ab, dass sie optisch, aber auch juristisch nicht mehr als Fanfiction gilt. Bei der an die Twilight-Saga von Stephenie Meyer angelegten Romanserie „50 Shades of Grey“ hat das ja bekanntlich sehr gut geklappt…

Abb.: Screenshot

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".