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Kindle als Aboprämie wählen heißt Buchbranche quälen?

7 Aug 2013

Darf man mit dem Branchenteufel Amazon kooperieren, obwohl man ihm grundsätzlich kritisch gegenübersteht? Viele Zeitungsverlage tun das, viele Buchverlage erst recht – und verdienen daran nicht schlecht. Ausgerechnet DIE ZEIT musste nun aber verbale Prügel beziehen – bietet sie doch als Aboprämie ausgerechnet einen Kindle-Reader. Arrrg! Der Buchgenossenschaft eBuch, der über 600 unabhängige Buchhändler angehören, platzte der Kragen. In einem offenen Brief (Wortlaut u.a. bei buchmarkt.de) rügte sie jetzt die „peinliche Diskrepanz zwischen Worten und Taten“. Kurz zuvor habe die Wochenzeitung noch Amazons Monopol-Strategie kritisiert, nun werbe man mit dem Slogan: „DIE ZEIT empfehlen und Kindle wählen“. Für eBuch-Vorstand Michael Pohl ist der Fall klar: „Da reißt ein von Werbeeinnahmen breitgewordener Hintern lustvoll ein, was schmale, hungrige Journalistenhände zu einem präzisen Argumentationsgebäude fleißig aufgeschichtet haben.“

„Wir schreiben unseren Lesern nicht vor“

Für ZEIT-Verlagsleiterin Stefanie Hauer ist der Fall ebenso klar – der Vorwurf sei unverhältnismäßig, so die jetzt vom Börsenblatt veröffentlichte Replik: „Wie unsere Leser Bücher oder auch die ZEIT lesen, können wir ihnen nicht vorschreiben. Wir bieten als ZEIT-Verlag alle Ausspielkanäle an, sei es Print oder die digitale Form über den Kindle oder das iPad“, heißt es dort. Deswegen sei es konsequent, dass man auch Lesegeräte wie das Kindle als Aboprämie einsetze. Nicht wirklich durchdacht scheint der Kollaborations-Vorwurf aber auch aus einem ganz praktischen Grund – denn Amazon bietet bisher die komfortabelste Möglichkeit, elektronische Versionen deutscher Tageszeitungen drahtlos zu abonnieren und direkt in einer perfekt auf einen E-Reader abgestimmten Form auf dem E-Ink-Display zu lesen. Die meisten Buchhandelsportale bieten bisher dagegen vor allem eins: Bücher.

eBuch trommelt gegen „Branchenfremde“

Nüchtern betrachtet ist auch die Buchgenossenschaft, die in Bad Hersfeld (ähnlich wie Libri oder Amazon) ein eigenes Zentrallager für ihre Mitgliedsbuchhandlungen betreibt, vor allem eins: ein Markteilnehmer, dessen Position von kreativen Branchennewcomern bedroht wird, ohne dass Alternativen erkennbar sind. Mal abgesehen von Protestnoten. Im letzten Jahr watschte eBuch bereits mit einem offenen Brief MVB ab. Denn die Marketingtochter des Börsenvereins hatte einen großen Deal mit dem Online-Portal der Supermarktkette NETTO eingefädelt. Damals zeitigte der Protest sogar „Erfolge“ – der Vertrag wurde schnell wieder gekündigt, komplette Whitelabel-Shops für „Branchenfremde“ sind seitdem ausgeschlossen. Genial!

Genial: Buchbranche disintermediiert sich selbst

Verhindert wird die „Disintermediation“ dadurch natürlich auch in diesem Fall nicht – E-Store-Lösungen gibt’s von vielen Anbietern. Wer nur boykottiert, disintermediiert sich jedoch selbst, und überlässt das Geschäft freiwillig den anderen Playern. DIE ZEIT agiert da zum Glück deutlich cleverer, sie nutzt die Vertriebschancen, die sich über Amazons Kindle-Store ergeben. Und darf auch sonst entspannt sein – schließlich hat das Blatt, anders als die Buchhändler bei eBuch und anderswo, den Übergang ins digitale Zeitalter inzwischen gemeistert, ohne allzuviel Federn lassen zu müssen. Die Auflage der ZEIT erreichte kürzlich mit mehr als 500.000 Exemplaren sogar ein historisches Allzeit-Hoch. Der Buchhandel dagegen trudelt weiter in Richtung historischer Allzeit-Tiefs, leider auch rhetorisch.

Abb.: Screenshot