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Kindle ist kein Name, und auch kein Getränk: Wie Tolstoi auf dem Nook via Strg-F gesäubert wurde

4 Jun 2012 Ansgar Warner 2 Kommentare

Da staunte er nicht schlecht, ein amerikanischer Vielleser und Blogger namens Philip: gerade erst hatte er Lew Tolstois gewichtigen 1000-Seiten Wälzer „Krieg und Frieden“ aus seinen arthritischen Händen gelegt, um die Lektüre auf dem handlicheren Nook-Reader von Barnes&Noble fortzusetzen. Doch plötzlich stolperte er über ein merkwürdiges Wort am falschen Ort. “It was as if a light had been Nookd in a carved and painted lantern….”, stand da. NOOKD!? Wenige Seiten später tauchte das merkwürdige Wort erneut auf, und dann noch einmal. „Nach der dritten Begegnung holte ich das Hardcover wieder hervor und suchte nach dem Originaltext“, berichtet Philip auf seinem Blog. Und siehe da: dort stand nicht „Nookd“, sondern „kindled“. Was im betreffenden Kontext auch Sinn macht, denn „to kindle“ bedeutet so viel wie „anzünden“ oder „anfachen“. Zugleich ist „Kindle“ natürlich auch der Name des wichtigsten Konkurrenzprodukts von Barnes&Nobles “Nook”. Was war hier passiert!?

Das Erstaunen wich der Empörung. Hatte Barnes&Noble hier mit Absicht alle „Kindle“-Stellen durch Suchen und Ersetzen mit „Nook“ überschrieben? Das wäre natürlich ein Skandal in der Größenordnung von Amazons großer Löschungsaktion aus dem Sommer 2009: damals waren ausgerechnet Ausgaben von George Orwells „1984“ drahtlos von Kindle-Readern gelöscht worden. Das wurde von der Web-Community nicht zu unrecht als Zensur empfunden. Wandelt Barnes&Noble nun also auf Amazons Spuren, und verbannt den Produktnamen der Konkurrenz aus allen Texten der Weltliteratur? “Man bekommt Angst vor der Manipulation aus ökonomischen, politischen oder religiösen Gründen. Man beginnt an der Integrität nicht nur von ‘War and Peace’ zu zweifeln, sondern überhaupt von jedem E-Book”, beklagt sich Philip. Ist das der Fluch der E-Books, vor denen uns die Reichssiegelbewahrer der Gutenberg-Galaxis immer gewarnt haben? Gemach, gemach. Die Lösung des Rätsels dürfte weitaus banaler sein. Schließlich handelt es sich bei „War and Peace“ um ein Werk aus der Public Domain, dessen Nook-Version von einem Drittanbieter namens „Superior Formatting Publishing“ für 99 Cent verkauft wird.

Besonders „superior“ scheint man dort beim Formatieren der zuvor bereits für das Kindle erstellten E-Book-Version des Tolstoi-Klassikers gerade nicht vorgegangen zu sein. Offenbar, so vermutet nicht nur Web-Experte Jonathan Zittrain, wollte man möglichst bequem alle Hinweise auf den Kindle-Reader im Vorwort oder in Verlagsanzeigen am Ende des Buches an die Nook-Version anpassen. Doch an die Folgen von Strg-F für den Roman selbst hat man dabei natürlich nicht gedacht: Kindle ist kein Name, und auch kein Getränk, sondern ein Verb, das im Englischen schon seit dem Mittelalter benutzt wird. Letzlich sind natürlich auch die Produktdesigner des Kindle-Readers mitverantwortlich. Für sie war nicht nur die Wortbedeutung von „to kindle“, sondern auch dessen Verankerung in der klassischen Literatur ein Argument. Gerne zitierten sie zum Beweis Voltaire: „The instruction we find in books is like fire. We fetch it from our neighbours, kindle it at home, communicate it to others and it becomes the property of all.“ Apropos „Property of all“: Tolstois „War and Peace“ gibt’s bei Project Gutenberg auch umsonst, inklusive 8 x Original-„kindle“.

(via ars technica & futureoftheinternet.org)

Abb.: Flickr/Blume Fou

2 Kommentare »

  • Vanades schrieb:

    Die Produktdesigner von Amazon haben zwar vielleicht eine tolle englische Idee gehabt, aber keinene internationalen Check gemacht, denn hin und wieder stutze ich und denke, es ist die schäbische Verniedlichungsform von Kind und die Assoziation ist dann vielleicht nicht so ganz passend. ;-)

  • Quo vadis, eBook? | ZwischenZeilen schrieb:

    [...] um die Aufteilung des Marktes? Oder ist das gar Zensur? Wie es letztendlich dazu kam kannst Du auf eBook-News nachlesen. Share and [...]