Leseland ist abgebrannt: Über Kindle-Effekte & Peak Print

peak-print-amazon-kindleMehr als 450.000 E-Reader gibt es schon in den Händen deutscher Leser, will MediaControl jetzt festgestellt haben. Und alleine im Jahr 2010 wurden mehr als vier Millionen E-Books verkauft. Einen wichtigen Anteil daran haben Buchhandelsgrößen wie Thalia und Libri, die seit letztem Jahr mit WiFi-fähigen Geräten wie Oyo respektive LumiRead drahtloses E-Book-Shopping zum neuen Standard machten. Trotz aller Erfolge im letzten Weihnachtsgeschäft: Besonders hoch klingt die von MediaControl genannte Reader-Zahl nicht, selbst wenn man in Rechnung stellt, dass es dabei tatsächlich nur um „dedizierte“ Lesegeräte geht, also vor allem solche mit lesefreundlichem E-Ink-Display.

Product-Awareness im Test

Was deutsche Kunden wirklich unter „E-Reader“ verstehen, zeigte eine TNS-Emnid-Studie im letzten Jahr – an erster Stelle stand Apples iPad, und zwar bereits vor dem Verkaufsstart. Mittlerweile dürfte die Zahl der abgesetzten Exemplare von Apples Tablet auch hierzulande bereits die Millionengrenze überschritten haben. Mehr als eine Million iPad-Besitzer haben also bereits direkten Zugang zu Apples iBooks-Store, mit stark wachender Tendenz. An zweiter Stelle beim „Product Awareness“-Test kam Amazons Kindle, das als „Kindle 3“ parallel zum iPad-Start mit zuvor unerreichten Preis-Leistungsverhältnis von sich reden machte. Mangels deutschem Kindle-Store war das „K3“ bisher kaum ein ernstzunehmender Faktor. Das jedoch dürfte sich in diesem Jahr ändern: Amazon steht endgültig ante Portas.

Nach Peak Oil droht nun Peak Print

Dank deutscher Buchpreisbindung wird der neu angefachte Wettbewerb vor allem über die Gerätebasis ausgetragen. Spannung ist dabei garantiert. Denn das aktuelle Kindle ist nicht nur dem pannenträchtigen Oyo mehr als eine Nasenlänge voraus. Alleine schon Amazons bisherige Erfolgsgeschichte in den USA müsste bei deutschen Buchhandelsketten die Alarmglocken läuten lassen. Der „Kindle-Effekt“ hat in nur wenigen Jahren Branchengrößen wie Borders und Barnes&Noble in die Krise gestürzt. Umsätze in den „Brick&Mortar“-Shops gingen zugunsten des Online-Handels stark zurück, die neu hinzukommenden E-Book-Umsätze aber kassierte zu 90 Prozent Big Brother Amazon. Wirtschaftswissenschaftler stellen fest, dass auf dem Buchmarkt die „Zirkulation physischer Güter“ ihr historisches Maximum überschreitet. Nach Peak Oil nun also auch Peak Print. Doch was heißt das für Deutschland?

Kindle-Effekt als kulturelle Revolution

Sicherlich gibt es bei uns neben „Take Off-“Faktoren viele verlangsamende Momente. Die „zünftigen“ Denkstrukturen der Gutenberg-Galaxis wirken fort. Verlage treten bei der Print-to-Online-Strategie auf die Bremse. Autoren scheinen Trends vom Self-Publishing bis hin zum kollaborativen Schreiben bisher komplett zu verschlafen. Doch das muss nicht so bleiben. Der „Kindle-Effekt“ lässt sich auch als kulturelle Revolution beschreiben, die vorherrschende Denkschablonen sprengt. Amazon-Chef Jeff Bezos scheint darauf von Anfang an spekuliert zu haben – „to kindle“ heißt schließlich soviel wie anfeuern oder anfachen. Der zündende Funke wirkt. E-Books haben sich in den USA neben Hardcover & Paperback nun sogar in den altehrwürdigen Bestseller-Listen der New York Times verankert, Bestseller-Autoren veröffentlichen exklusiv auf Amazons Lesegeräten, Nachwuchstalente erobern neue Genres wie etwa die „Single-Kurzformate“. Noch viel wichtiger für die deutschen Zustände dürfte aber eins sein: Die Leser haben bereits Feuer gefangen.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".