Killer-Idee mit 5000 Worten: „Kindle Singles“ füllen Lücke zwischen E-Mag und E-Book

kindle-singles-ebookSingle statt Longplay: Auf der Suche nach neuem Content für das Kindle stößt Amazon in die mediale Grauzone der Mittelstrecken-Texte vor. Im Kindle-Single-Store gibt’s seit Ende Januar schon mehr als ein Dutzend Beispiele für Artikel, Reportagen und Kurzromane. „Bevor es E-Reader gab, mussten Autoren sich oft entscheiden: entweder mussten ihre Text kurz genug sein für einen Zeitschriftenartikel, oder lang genug für den Buchmarkt“, beschreibt man das bisherige Dilemma bei Amazon. Solche Probleme gibt’s bei E-Books natürlich nicht – man kann sie in jeder Länge verwerten.

Geschäftsidee aus dem Vinyl-Zeitalter

Wie bei vielen Ideen von Amazon ist auch die E-Book-Single nichts wirklich neues – nur hat sie bisher niemand konsequent vermarktet. Tatsächlich haben ja manche Verlage schon mit dem Verkauf einzelner Kapitel experimentiert. Ähnlich wie beim Verkauf einzelner Musicfiles statt kompletter Alben hoffte man dabei, durch niedrigere Einzelpreise den Verkauf zu stimulieren. Im Vinyl-Zeitalter war diese Strategie anfangs sogar das einzige Mittel, aktuelle Hits massenhaft unter die Leute zu bringen, da sich viele Kunden noch keine LPs leisten konnten. Bei Amazon denkt man aber offenbar an ein ganz neues Genre von in sich abgeschlossenen Werken: es geht um die literarische „Killer-Idee“, die gut recherchiert, argumentativ perfekt ausgeführt und ansprechend illustriert in ihrer „natürlichen Länge“ publiziert werden soll. Rein technisch gesehen mit einem Umfang zwischen 5000 und 30.000 Worten, bei einem Preis von 99 Cent bis 4,99 Dollar.

Wo bleiben die deutschen E-Book-Singles?

Besonders gut zu eignen scheint sich die neue Mittelstrecken-Disziplin für Non-Fiction – die meisten Kindle-Singles gehörten jedenfalls zum Bereich Ratgeber oder Reportage. Da gibt es etwa einen Titel wie „The Business of Media: A Survival Guide“ oder „The Dead Women of Juarez“. Mit dem Label Atavist ist unter den Content-Lieferanten im Kindle-Single-Store ein E-Verlag, der sich zu 100 Prozent auf diesen Bereich konzentriert – nicht nur auf dem Kindle. Die multimedial aufbereiteten Versionen der ersten Atavist-Titel für iPhone & iPad durchbrechen auch vom Look&Feel her die Grenze zwischen E-Mag und E-Book. Geht man nur von der Länge eines Textes aus, gibt’s natürlich auch in Deutschland längst „E-Book-Singles“. So dürfte etwa Stéphane Hessels Pamphlet „Empört Euch!“ mit nur 32 Seiten eindeutig zu diesem Genre gehören. Nach dem Motto „Je kleiner das Display, desto kürzer der Text“ sind viele E-Text-Angebote für Handy & Smartphone schon lange Single-verdächtig. Neben aktuellen „Klassikern“ wie Lucy Luder sind dort zwischenzeitlich auch ebenso knappe wie kryptische Theorie-Texte von Virilio oder Deleuze gelandet.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

4 Gedanken zu „Killer-Idee mit 5000 Worten: „Kindle Singles“ füllen Lücke zwischen E-Mag und E-Book“

  1. Pingback: POSTED PLANET
  2. Das Konzept gibt es in Deutschland bereits seit 2008: Die Plattform XinXii.com bietet Autoren die Möglichkeit, Kurztexte aller Art wie z.B. Anleitungen, Rezepte, Kurzgeschichten, Skripte, Exposés, Präsentationen oder Vorlagen hochzuladen und Käufern als Download anzubieten – für einen Verkaufspreis ab 0,99 Cent und ohne die Vorgabe einer Mindestanzahl von x Zeichen oder Seiten.

    1. Ja, grundsätzlich gilt das wohl für alle Self-Publishing-Plattformen, die von Amazon inklusive. Die Frage ist natürlich: wird das als „Single-Format“ oder wie auch immer wirklich explizit als Produkt über alle Kategorien/Genres vermarktet? Das wiederum ist auch bei Amazon neu, bei Xinxii gibt’s so eine Rubrik leider noch nicht (abgesehen von Kurzgeschichten, aber das ist eben beschränkt auf Belletristik…)

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