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Kernschmelze bei Frankfurter Rundschau: Nur Multimedia & Lokales bleibt erhalten

erklaerung-frankfurter-rundschauDas Zeitungssterben geht auch in Deutschland weiter – jetzt hat es die Frankfurter Rundschau erwischt. Die Abozahlen gingen 2010 im zweistelligen Bereich zurück, in wenigen Jahren verlor die Zeitung ein Drittel ihrer Leser. Nun zog Herausgeber Alfred Neven DuMont die Notbremse. Die Rubriken Wirtschaft, Feuilleton und Sport werden jetzt in Berlin produziert. Aus dem dortigen Redaktionspool stammt bereits die Politikberichterstattung der FR. In Frankfurt selbst bleibt nur eine Rumpfredaktion für Lokales und die Multimedia-Redaktion. Theoretisch ein gewisser Hoffnungsschimmer – doch praktisch können Web-Auftritt, E-Paper & iPad-Ausgabe bisher die Verluste im Printbereich nicht ausgleichen.

“Ich hab noch einen Mantel in Berlin“

„Ich hab‘ noch einen Mantel in Berlin“, ätzte die taz, Gewerkschaften und Journalistenverbände protestierten vehement gegen betriebsbedingte Kündigungen. Die Süddeutsche Zeitung dagegen urteilte eher nüchtern, von „echter publizistischer Eigenständigkeit“ der FR könne nun streng genommen keine Rede mehr sein. Das traditionsreiche Blatt bezieht sämtliche überregionalen Themen demnächst aus demselben Redaktionspool wie auch die anderen DuMont-Titel Berliner Zeitung, Kölner Stadtanzeiger und Mitteldeutsche Zeitung. Doch eine wirkliche Alternative für die Printausgabe der FR gibt es wohl nicht – das war schon seit einiger Zeit allen Beobachtern klar. Im letzten Quartal 2010 sackte die verkaufte Auflage im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 10 Prozent auf 129.786 ab. Im Krisenjahr 2009 war das Anzeigengeschäft sogar um 20 Prozent eingebrochen. Das Problem ist allerdings: die FR hat bereits einen harten Sanierungskurs hinter sich, mittlerweile gibt’s im Frankfurter Stammhaus nur noch 190 Mitarbeiter. Von diesen Stellen sollen nun noch einmal 40 bis 50 gefährdet sein.

“Zentrales Zukunftsfeld des Journalismus“?

Für die Leserbindung dürfte der erneute Aderlaß fatal sein – schließlich drängt sich immer stärker der Eindruck auf, bei der FR handele es sich nur noch um eine Lokalausgabe der Berliner Zeitung.
Immerhin konnte Herausgeber Neven DuMont in einer heute veröffentlichten Erklärung feststellen: „In Frankfurt werden die digitale Berichterstattung, die Angebote für Internet und iPad von Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau konzentriert. Und damit ein zentrales Zukunftsfeld des Journalismus.“ Für die FR könnte das sogar die einzige Zukunft bedeuten. Viele regionale Zeitungen in den USA sind diesen Weg in den letzten Jahren bereits gegangen. Doch eine konsequente Print-to-Online-Strategie à l’ameréricaine würde wohl noch härtere Schnitte bedeuten: Ausgliederung der Multimedia-Redaktion, Entlassung aller restlichen Mitarbeiter und die Einstellung der Print-Ausgabe. Das größte Problem dabei: vorher müsste man genügend Abonnenten der gedruckten Zeitung zum Wechsel auf die digitale Version motivieren. Laut IVW hat die FR zur Zeit kaum mehr als 150 laufende E-Paper-Abos, die Zahl der iPad-Abos wird bisher gar nicht öffentlich gemacht.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".