lutherbibel-robot

Junker Jörg reloaded: Roboter kritzelt in Wittenberg die Luther-Bibel auf Papierrollen

lutherbibel-robotWer so schreibt, der bleibt: In der Lutherstadt Wittenberg kritzelt derzeit der mächtige Arm eines Industrieroboters mit einer vergleichsweise winzigen Schreibfeder Schwabacher Lettern auf endlos lange Papierrollen … und zwar den Text der gesamten Lutherbibel, vom Alpha bis zum Omega, alle 66 Bücher von der Genesis bis zur Offenbarung des Johannes, was noch bis September dauern wird. „Sie (d.h. die Maschine) demonstriert anschaulich die physische Leistung des Bibelübersetzers Martin Luther. Aber die Arbeit verblüfft auch, weil eine programmierte Mechanik den spirituell aufgeladenen Text wie aus dem Stegreif reproduziert“, schreibt der Berliner Tagesspiegel dazu.

Schreib-Marathon zum Lutherjahr 2017

Die Installation namens „bios[bible]“, beigesteuert vom Karlsruher Kollektiv Robotlab, ist Teil der Ausstellung „Luther und die Avantgarde“, denn, klar, 2017 ist ja Lutherjahr, vor 500 Jahren nahm die Reformation ihren Anfang mit Luthers an die Wittenberger Kirchentür gehämmerten 95 Thesen. Bald darauf kritzelte Martin aka „Junker Jörg“ auf der Wartburg die wirkungsmächtige Neuübersetzung des Neuen Testaments aufs Papier, später kam mit Hilfe von Melanchthon und anderen auch eine deutsche Fassung des Alten Testamentes dazu. Ein guter Anlass, sich mal performativ mit dem Urtext des christlichen Abendlandes auseinanderzusetzen.

Bibel als „Basic Output Input System“ des Abendlandes

„bios[bible]“ hat übrigens auch im Namen einen sehr nerdigen Technikbezug. Die Robotlaboranten erklären auf ihrer Website: „Basic input output system (bios) bezeichnet in der Computertechnologie das Bauteil, das die Vermittlung zwischen Hard- und Software koordiniert, und somit die unverzichtbare, grundlegende Software beinhaltet, mit der jeder Computer erst starten und Informationen verarbeiten kann. Es beinhaltet demnach jenes erste Programm, jene erste ursächliche Schrift, worauf jedes weitere Programm aufbaut.“

Bücher zum Rollen & Scrollen

Folgerichtig hat der kalligraphierende Roboter, der erstmals vor zehn Jahren öffentlich loskritzelte, zwischenzeitlich auch schon mal den hebräischen Urtext des Alten Testamentes auf die (Tora-)Rolle gebracht, und zudem diverse Bibel-Übersetzungen, inklusive der von Luther. Inzwischen ist schon eine ganze Bibliothek von Schriftrollen entstanden, zugleich ein schöner Rückwärts- und Vorwärts-Verweis darauf, dass „Bücher“ eben nicht immer ein Stapel von Blättern zwischen Pappdeckeln sein müssen, sondern auch aus einzelnen Papyrus-, Pergament- oder Papierrollen bestehen können, und neuerdings sogar aus durchscrollbaren HTML-Dokumenten.

Über Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „Junker Jörg reloaded: Roboter kritzelt in Wittenberg die Luther-Bibel auf Papierrollen

Kommentare sind geschlossen.