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Jonathan Franzen attackiert Amazon: „Jeff Bezos sieht nach apokalyptischem Reiter aus“

16 Sep 2013 1 Kommentar

Amazon steht theoretisch im Branchenbuch ungefähr so weit vorne wie die Apokalypse, allerdings ist letztere nicht gelistet. Jonathan Franzen zufolge sollte man aber zumindest mal den Verweis „siehe Amazon“ einfügen: „Jeff Bezos von Amazon mag zwar nicht der Antichrist sein, doch er sieht ziemlich nach einem der Reiter der Apokalpyse aus“, heißt es in einem aktuellen Essay für den britischen Guardian, Überschrift: „What’s wrong with the modern World“. Whow! Einen gewissen Nimbus als Technologie-Kritiker & Chronist des Abstiegs der Middle Class hatte sich der Autor von gefeierten tl;dr-Romanen wie „Korrekturen“ oder „Freiheit“ ja schon erarbeitet. Im Guardian schießt der Mittfünfziger nun eine volle Breitseite gegen den „Technokonsumerismus“ unserer Tage – vor allem aus Sicht der Gutenberg-Galaxis.

„Amazon möchte eine Welt, in der Bücher entweder self-published sind oder von Amazon verlegt werden, mit Lesern, die abhängig sind von Amazon-Reviews, und mit Autoren, die für die Promotion selbst zuständig sind“, liest man da, was ja zunächst mal sehr gut die Disruption der Branche beschreibt. Für Franzen bedeutet der Amazon-Schock jedoch weitaus mehr: Desorientierung der Leser, sowie die Vermassung, Verflachung und Entwertung von Inhalten. „Was passiert mit den Menschen, deren Liebe zur Literatur entstanden ist, als Publizieren noch eine gewisse Qualität sicherstellte, und die literarische Reputation noch mehr bedeutete als die Dezibel-Zahl der Self-Promotion?“ Und weiter geht’s im typischen Stil des „Digital ImmigRant“: „Amazon ist auf dem besten Wege, die Autoren zu jenen perspektivlosen Malochern zu machen, die von Subunternehmern in den Logistik-Lagern beschäftigt werden, wo für immer weniger Geld und ohne soziale Sicherheit geschuftet werden muss“.

Die Ökonomie der Working Poor lässt grüßen – denn die systemimmanent erzeugte Abwärtsspirale von sinkenden Löhnen, sinkendem Konsum und sinkenden Umsätzen macht Franzen zugleich verantwortlich für die gestiegene Nachfrage nach billiger Trash-Lektüre, wie sie der Kindle-Store bietet: „Wenn man wenig Geld verdient, möchte man kostenlose Unterhaltung, und wenn das Leben hart ist, braucht man sofortige Triebbefriedigung („Overnight free shipping!“). Doch zugleich muss Franzen auch zugeben: selbst wenn das gedruckte Buch verschwindet, unabhängige Buchhandlungen schließen, Romanciers zu Self-Promotion gezwungen und die „Big Six“ der großen US-Verlage von Amazon „gekillt und verdaut“ werden – „es sieht nur nach einer Apokalpyse aus, wenn die meisten deiner Freunde Schriftsteller, Verleger oder Buchhändler sind.“ Wobei man hier noch getrost hinzufügen darf: traditionelle Schriftsteller, traditionelle Verleger, traditionelle Buchhändler.

Ob Franzen, der in seinem Essay dann auch noch Twitter-Nutzung mit Kettenrauchen vergleicht, de facto als traditioneller Autor durchgehen kann, darf man jedoch getrost bezweifeln. Denn der Guardian-Essay ist nichts anderes als geschickt im Web platzierte Self-Promotion für sein neues Buch „The Kraus-Project“ (vorbestellbar via Amazon). Dahinter verbirgt sich eine ausführliche Auseinandersetzung mit den satirisch-grantelnden Artikeln von Altmeister Karl Kraus, erschienen in der legendären „Fackel“. Die erste Folge dieses am Ende finanziell ruinösen Self-Publishing-Projekts hieß nicht zufällig „Die demolirte Literatur„. Klingelts? Franzens Essay überträgt die im Wiener Fin-de-Siècle entwickelte These von medial gesteuerten Kulturverfall & Gedächtnisverlust in die Ära Amazon – nicht nur durch viele Kraus-Zitate, sondern auch durch Kraus-Rhetorik, siehe die apokalyptischen Reiter. Das absurde (aber auch wieder passende) Ergebnis: in der Blogosphäre ist viel von Jonathan Franzens Amazon-Rant die Rede, aber wenig von Karl Kraus. „Journaille!“, hätte der dazu gesagt.

Abb.: Viktor Vasnetsov, Die Vier Reiter der Apokalypse (Ausschnitt), 1887 (Wikimedia Commons).

Ein Kommentar »

  • Die Apokalypse im Netz | TokNok Deutschland schrieb:

    […] Apropos Buch, Ansgar Warner vom Fachportal „e-books-news.de“ vermutet, dass sich hinter dem Essay „nichts anderes verbirgt als geschickt im Web platzierte Self-Promotion für sein neues Buch“. […]