Jenseits der rot-grünen Klappbrille: Augmented Reality als clevere Kombination alter und neuer Medien

augmented-reality-printmedien-3d-sz-magazin3D ist wieder da. Die bereits vor fünfzig Jahren im Kino erprobte Erlebnistechnik kommt als High-Tech-Variante zurück – neben der Leinwand auch auf Displays von Fernsehern und Spielekonsolen. Die Printmedien surfen auf dieser Welle mit. Sie drucken 3D-Bilder und verteilen rotgrüne Klappbrillen. Doch die Zukunft des Lesens dürfte wohl eher der Augmented Reality gehören. Leser des SZ-Magazins konnten diese Form der virtuell erweiterten Lektüre nun erstmals per Smartphone erleben.

3D in der Zeitung: technisch veraltet, aber gut für Anzeigenerlöse

Als Hollywood in den Fünfziger Jahren den Kampf gegen das neue Medium TV zu verlieren schien, galt 3D eine Zeit lang als probates Mittel, das Kinoerlebnis wieder konkurrenzfähig zu machen. Doch 3D geriet bald wieder in Vergessenheit, die Filmindustrie setzte lieber auf Cinemascope. Die Wiederkehr von 3D passiert heute fast gleichzeitig in allen Medien. Blockbuster wie Avatar können Couchpotatoes bereits per Shutter-Brille auf 3D-Fernsehern genießen, Nintendo bringt brillenlose 3D-Spielkonsolen heraus, selbst Urlaubsfotos und Filme erobern die Tiefe des Raums. Den Printmedien scheint angesichts der nächsten technischen Revolution mulmig zu werden. Auf das zweidimensionale Klickibunti des Internets konnten Zeitungen, Zeitschriften und Magazine noch einigermaßen reagieren. Mit mehr Weißraum zwischen den Texten, weniger Buchstaben in den Texten, und mehr Bildern neben den Texten. Doch was nun? Ganz einfach, man druckt rot-grüne Doppelbilder. „3D heißt das Zauberwort der multimedialen Zeit. Wir führen Sie in einer Beilage durch diese faszinierende Welt. Brille auf und los“, hieß es etwa in der Mittwochsausgabe der Berliner Zeitung. Auch BILD springt auf diesen Trend auf. Unter dem Motto „BILD-Leser sehen mehr“ wird die optisch aufgepeppte Ausgabe vom 28. August zusammen mit einer rotgrünen Klappbrille aus Pappe geliefert. Mit Multimedia hat das wenig zu tun, mit erfolgreicher Anzeigenakquise wohl sehr viel. Technisch war die Gutenberg-Galaxis schon Ende der Achtziger Jahre viel weiter, als etwa CHIP eine holographische Folie auf das Cover klebte.

Augmented Reality am Kiosk – das Smartphone macht’s möglich

Die Süddeutsche Zeitung hat jetzt mit einer zeitgemäßeren Verknüpfung von alten und neuen Medien experimentiert: Augmented Reality. In absehbarer Zukunft wird unsere Realität angereichert durch digital eingeblendete Informationen, sei es mit Hilfe eines Head-Mounted-Displays, sei es mit Hilfe einer High-Tech-Kontaktlinse. In Fall des SZ-Magazins reichte dazu ein Smartphone mit eingebauter Kamera aus, ergänzt durch einen AR-Browser namens junaio, den man kostenlos via App Store oder Android Market herunterladen kann. Das Prinzip ist immer gleich: Die Umgebung wird von einer Kamera aufgenommen und analysiert. Eine Möglichkeit von AR ist die reine Kommentierung. Sobald etwa bestimmte Symbole, Bilder oder auch Gesichter von der Software erkannt werden, bekommt der Betrachter die passenden Daten auf das Display geliefert. Etwa den Nährwert von Lebensmitteln, den Namen des Künstlers oder die Vita des Gesprächspartners. Das SZ-Magazin demonstrierte diesen Aspekt von AR in Form eines virtuellen Reiseführers. Richtete man das Smartphone auf bestimmte Hotspots in Berlin, Hamburg oder München, bekam man exklusive Ausgehtipps der Redaktion.

Auf dem virtuellen Magazin-Cover outet sich Sandra Maischberger

Genauso gut kann man mittlerweile Realität und digitale Animationen mischen. Mit seinem Magic Book hat Mark Billinghurst diese Möglichkeit bereits Anfang der Nuller Jahre vorgeführt. Sah man ohne Head Mounted Display nur rätselhafte rechteckige Symbole, zeigte der Blick durch die klobige Hightech-Brille beispielsweise dreidimensionale Figuren. Beim SZ-Magazin blieb alles noch 2D, doch auch hier bildete dieser Teil des Experiments das eigentliche Highlight. Der Blick auf das Smartphone-Display bot nämlich ein deutlich verändertes Bild. So konnte man etwa sehen, wer auf dem Magazin-Cover sein Gesicht hinter den Händen verbirgt – in einer kurzen Filmsequenz outet sich Sandra Maischberger. Im Innern des Magazins tauchten zudem neben dem Gesicht von Lena Meyer-Landrut Sprechblasen auf, eine grüne Wiese verwandelte sich in einen Parkplatz, und das Kreuzworträtsel war plötzlich fertig gelöst.

AR heißt in letzter Konsequenz: Lesen ohne materielle Vorlage

„Statt nur über Augmented Reality (AR) zu berichten, haben wir ein Heft entwickelt, das die neue Technologie für unsere Leser erstmals in einem journalistischen Format erlebbar macht“, klopft sich dementsprechend Dominik Wichmann, Chefredakteur des SZ-Magazins auf die Schulter. Tatsächlich dürfte aber AR den 3D-Bildern bei BILD, Berliner Zeitung und selbst bei ARTE deutlich überlegen sein. Zum einen, weil es sich tatsächlich um eine Innovation handelt, und nicht um die Wiedervorlage längst bekannter Technologie. Zum anderen, weil das Papiermedium selbst dafür überhaupt nicht verändert wird – der informative Zusatz ist rein virtuell. Man muss mit AR in Zukunft auch kein 3D-Bild mehr drucken, um in der Zeitung eins zu sehen. Ein entsprechendes Display vor dem Auge reicht aus. Für gedruckte Zeitungen, aber genauso für gedruckte Bücher heißt das langfristig nichts gutes. Setzen sich AR-Brillen oder AR-Kontaktlinsen erst einmal durch, ist eigentlich gar keine materielle Vorlage mehr nötig. Wenn sich ein Bild einblenden lässt, wo keins ist, lässt sich natürlich auch eine ganze Zeitung oder ein ganzes Buch einblenden. Was man vielleicht noch braucht, sind ein paar leere Seiten für das haptische Empfinden und ein bisschen Papierrascheln.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".