Jeder zweite Top 10-Bestseller in Japan wird auf dem Handy geschrieben

jeder-zweite-bestseller-in-japan-wird-auf-dem-handy-geschriebenJeder zweite Top Ten –Bestseller wird in Japan nicht nur als E-Book verkauft, das E-Book wird auf dem Handy gelesen. Doch damit nicht genug: die meisten dieser „Cell phone novels“ werden von flinken Teenagerfingern tatsächlich auch auf dem „Keitei“ (=Handy) geschrieben! Eine entsprechende Blog-Meldung führte vor zwei Jahren noch zu dem erstaunten Kommentar: „Das muss ein Fehler sein! Jeder zweite Besteller wird auf Handys gelesen, okay, aber: geschrieben!?“ Doch im Land der über 100 Millionen Handys geht so manches…

Japan ist ein höfliches Land: in der Öffentlichkeit schreibt man lieber eine  SMS


Handys wurden in einem höflichen Land wie Japan von Anfang an auch zum Schreiben benutzt — um die Mitfahrenden in der Ubahn etwa nicht zu stören, chatten die Japanerinnen lieber per SMS. Und nicht nur das:

„Teenager haben schon in den frühen Neunzigers mit Pagern Nachrichten verschickt“, so Mizuko Ito, ein Wissenschaftler, der das japanische Handy-Verhalten erforscht. „Deswegen war Japan auch das erste Land der Welt, in dem flächendeckend mobil kommuniziert wurde, noch bevor Handys überhaupt populär wurden. Deswegen ist offenbar auch die mediale Kompetenz in Nippon besonders hoch.


Der typische Keitei-Stil: ein Satz pro Display-Zeile, inklusive Emoticons


Einen der berühmtesten goldenen Daumen hat etwa Kiki, die Gewinnerin des letztjährigen „Japan Keitei Novel Awards“. Ihr Erfolgsroman „I, Girlfriend“ gewann nicht nur 2 Millionen Yen in bar, sondern auch einen Verlagsvertrag, um das E-Book auch in einer Printfassung zu veröffentlichen. Der Roman ist im typischen Keitei-Stil geschrieben: Jeder Satz passt auf eine Zeile des Displays. Auch viele Emoticons gehören mit zum Handy-Stil. Der Literaturkritiker Genichiro Takahashi nannte den Roman das „erste Meisterwerk des Keitei-Genres“.

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Gegen manche Keitei-Helden ist die deutsche Heldin Lucy Luder nur Hanni&Nanni


Das Genre entstand im Jahr 2002, als der erste große Handy-Roman die Displays eroberte.  „Deep Love: Ayu’s Story“ von Yoshi erzählt den Überlebenskampf einer Teenager-Prostituierten in Tokio. Mit allem, was das Genre hergibt: Romantik plus Vergewaltigung, Drogensucht,  Selbstmordversuche. Die Welt der japanischen Handy-Romane ist dunkler und blutiger als man denken würde, sind doch die Leserinnen vor allem Mädchen im Schulalter. Doch gegen solche Stories ist die deutsche Handy-Roman-Heldin Lucy Luder fast eine Mischung aus Hanni und Nanni und den Drei Fragezeichen. Die „Hardboiled“-Schule ist aber äußerst erfolgreich:  Inzwischen wurden etwa von „Deep Love“ fast drei Millionen Exemplare der Printversion verkauft, es gibt eine Fernsehserie und, selbstverständlich, auch Mangas.

Die Buchversion wird auch gerne gekauft, aber vor allem als Souvenir für den Bücherschrank


Verlage wie  Starts, Goma oder Asuki Media Work setzen voll auf Keitei: ein Gutteil der E-Book-Dynamik des japanischen Marktes findet auf dem Handy statt. Das Keitei-Portal Maho no-Iland gehört zu den zehn meistbesuchten Websites in Japan und hat gegenwärtig mehr als 3, 5 Milliarden Pageviews pro Monat (also ne Menge!). Interessant ist aber auch die mediale Reihenfolge, die sich mittlerweile etabliert hat: ist ein Handy-Roman besonders erfolgreich, wird er anschließend auch gedruckt. Um noch mal ein paar Zahlen zu nennen: die „Boy meets Girl“-Geschichte „Koizora“ z.B. verkaufte sich auf dem Handy 25 Millionen mal, als Printfassung drei Millionen mal. Dabei geht es nicht nur um unterschiedliche Leseerlebnisse: Viele Leser kaufen sich nach der Lektüre auf dem Display ganz einfach eine teuer gestaltete Hardcover-Version als emotional aufgeladenes Souvenir.  Vielleicht wäre das ja auch eine interessante Perspektive für den deutschen Buchhandel :-)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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