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Ist das nett, oder muss das weg? Blogger Schlecky Silberstein rechnet per Print-Buch mit dem Internet ab

21 Aug 2018

internet-muss-wegUnter Deutschlands Bloggern gilt Online-Comedian Schlecky Silberstein alias Christian Brandes als der „nette Influencer von nebenan“. Nun hat der beliebte „Beeinflusser“ ein Buch drucken lassen (eine E-Book-Version gibts aber auch…), und redet darin Tacheles: „Das Internet muss weg“, lauten Titel und zentrale These, im Untertitel wird noch draufgelegt: „Eine Abrechnung.“ Im Fadenkreuz der Kritik steht dabei allerdings nicht „das“ Internet in toto, sondern seine modernste und populärste Erscheinungsform: die sozialen Medien, wie sie uns täglich auf den Touchscreens der Mobilgeräte entgegen blinken.

Millionen Tote durch soziale Medien?

Silberstein versteht sich im übrigen auch nicht als Internet-Experte, sondern als „Insider“ mit mehr als zehn Jahren Blogger-Erfahrung. Irgendwann in dieser Zeit ist aus dem guten Internet das böse Internet geworden — genauer gesagt, als die Social Media Maschine kommerzialisiert wurde. Das grundsätzliche Gefahrenpotential von Facebook & Co. vergleicht der bloggende Silbersurfer mit dem des … Buchdrucks. Kein Witz. Gedruckte Propaganda habe schließlich kurz nach Gutenberg zum Glaubensstreit und dann zum Dreißigjährigen Krieg geführt, mit Millionen von Toten, fast die Hälfte der Einwohner Mitteleuropas sind also schon mal einem sozialen Medium zum Opfer gefallen.

Heute sei die Gefahr sogar noch größer, warnt Silberstein, denn die Social-Media-Industrie habe das Belohnungszentrum unseres Gehirns gehackt. Wir seien süchtig nach Status-Updates, Likes und Direktnachrichten. Um uns am mobilen Screen zu halten, würden die Internet-Konzerne Extremismus und Hass-Sprache noch zusätzlich fördern, denn Wut verkaufe sich besser als Nettigkeiten. Der Autor outet sich hier als gebranntes Kind — seine eigene Mutter mutierte im Bestreben nach mehr „Gefällt mir“-Klicks ihrer „Freunde“ zum Internet-Troll und unterstützte plötzlich Pegida, Putin und Trump.

Verarschung, Vermarktung, Verzeihung…?

Dass jemand wie Silberstein, der erklärtermaßen „einzig und allein vom Internet lebt“ nun so netzkritisch auftritt, hat wohl auch mit dieser direkten Betroffenheit zu tun. Zum Maschinenstürmer berufen fühlt sich der Berliner Blogger aber keineswegs. Nachdem er detailliert, zutreffend und durchaus lesenswert die Funktionsweise der „größten Verarschungsmaschine aller Zeiten“ — und zugleich natürlich auch der größten Vermarktungsmaschine aller Zeiten — seziert hat, mag er die Netzgemeinde aber nicht mal zum Austausch des Smartphones gegen ein Tastenhandy oder zum Wechsel von Facebook oder Twitter zu non-kommerziellen Alternativen wie Diaspora oder Mastodon ermuntern. Nur dazu, das Internet „bewusster“ zu nutzen, etwa mit mehr Offline-Zeiten und produktivem Nichtstun, mehr direkter Kommunikation in Echtzeit („Vier-Augen-Gespräch“) und mehr Bedacht auf Datensicherheit.

Eigentlich droht der dritte Weltkrieg, weil in den Köpfen der Massen nur noch Gehacktes vor sich hin fermentiert, aber vorläufig sollen wir mehr oder weniger so weiter machen wie bisher? Hmmmm. Ist das nun eine „Abrechnung“, oder wird hier nur die Getränkerechnung einer Orgie für die Steuer abgeheftet? Ich bin da etwas ratlos. Aber vielleicht haben wir es ja einfach mit einer generationstypischen Mischung aus Faulheit und Fatalismus zu tun. „Mittelschwere Abhängigkeit“, so bekennt Schlecky Silberstein (Jahrgang 1981) am Ende, falle ihm selbst leichter als völlige Abstinenz — Komikerkollege Harald Juhnke klickt im Trinker-Himmel jetzt bestimmt gerade auf „Like“.