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[e-book-review] Irren im Flirren: Wolfgang Herrndorfs Wüsten-Thriller “Sand”

27 Jan 2012 Ralph Gerstenberg 1 Kommentar

Die wilden Siebziger Jahre stehen bei hiesigen Autoren hoch im Kurs. Nicht nur der deutsche Herbst. Christian Kracht etwa lässt seinen Ich-Erzähler in “1979″ nach Teheran reisen, mitten in die islamische Revolution. Wolfgang Herrndorfs neuer Roman könnte dementsprechend “1972″ heißen. Noch so eins von diesen medienereignisreichen Jahren. Im “schwarzen September” 1972 überfallen pälästinensische Freischärler das Olympische Dorf in München. Herrndorf allerdings erzählt von einer fiktiven Parallelaktion, die in der Sahara spielt. Doch von wegen Roman. So einfach ist es nicht. “Sand” sei ein “Wüstenverschwörungsunterhaltungsschundagententhriller”, findet unser Rezensent Ralph Gerstenberg. Und verleiht dem Buch das Prädikat “Lesenswert”…

Nach dem großen Erfolg seiner Roadnovel „Tschick“ hat sich Wolfgang Herrndorf keineswegs auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Jeden Tag habe er geschrieben, zumindest wenn es sein Zustand zuließ, kann man in dem sehr empfehlenswerten Blog des an einem Hirntumor erkrankten Autors lesen. Dort erfährt man auch, worum es sich bei seinem neuen Roman „Sand“ in etwa handelt, nämlich um „ein weites Feld zwischen Unterhaltungs-, Schund- und Gesellschaftsroman, von Thor Kunkel bereits mäßig erfolgreich beackert.“ Das trifft es in etwa. Das Genre des Agententhrillers könnte man vielleicht noch ins Spiel bringen, wie es der Verlag getan hat.

Das Buch beginnt in einem Ort am Rande der Sahara. Wir schreiben das Jahr 1972. Vier Menschen werden in einer Hippiekommune ermordet. Ein Verdächtiger ist bald gefasst. Aber ist er wirklich der Schuldige? Kommissar Polidorio, der zwei Drittel seines Salärs ins Bordell trägt, hat da berechtigte Zweifel. Zeitgleich taucht eine platinblonde Amerikanerin mit einer 357er Magnum im Gepäck in dem Wüstenort auf und gewährt einem Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, bei sich Unterschlupf. Ein Psychiater wirbt mit Schnupperpreisen, zwei amerikanische Literaturnobelpreisanwärter geben Partys und ein Atomspion endet in der Kloake.

Einiges ist recht unappetitlich, vieles unerfreulich und eine ganze Weile ist das Ganze reichlich unübersichtlich. Das drosselt zwar die auf Erklärungen und Gewissheiten ausgerichtete Lesespannung, doch wenn man das Rätselhafte und Vage als Zustand aushält, wird man durch absurd komische Dialoge und wunderbare Figurenzeichnungen belohnt. Dem Leser geht es ein wenig wie dem durch das Flirrende irrenden Amnestiker, der nach Plausibilität sucht und nicht weiß, welchen Informationen er trauen kann. Doppelbödig, teilweise parodistisch und sprachlich virtuos entwirft Wolfgang Herrndorf ein großangelegtes Verschwörungsszenario.

Wie das Ganze ausgeht? Nicht gut. Soviel sei an dieser Stelle schon mal verraten. Der Nihilismus in „Sand“ sei eine „direkte Reaktion auf die Freundlichkeit der Welt in „Tschick““, schreibt Wolfgang Herrndorf in seinem Blog.

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg

„Arbeit und Struktur“ heißt Wolfgang Herrndorfs Blog, den man unter www.wolfgang-herrndorf.de findet


Wolfgang Herrndorf, „Sand“
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Abb.: Flickr/patrickw1

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