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[Indie-Lounge] “Wenn Ihr es ernst meint mit einer Geschichte, investiert etwas” – Michael Meisheit im Interview

1 Aug 2013 3 Kommentare

Indie-Lounge lädt die besten Indie-Autoren ein. Erfolgreiche, bekannte und besondere Self-Publisher erzählen von sich, geben Tipps für Autorenkollegen und machen Lust auf ihre Bücher. (Kontaktadresse für Vorschläge & Anregungen: klaus.seibel[at]indie-lounge.net)
Volker Ferkau Nika Lubitsch Hanni Münzer Michael Meisheit Cathy McAllister Matthias Matting Sarah Saxx Poppy J. Anderson Monika-Dennerlein


Heute zu Gast: Michael Meisheit alias Vanessa Mansini. Unter seinem bürgerlichen Namen hat er bereits eine erfolgreiche Karriere als Drehbuchautor hinter sich. Mehr als 300 Folgen der Lindenstraße und weiterer Sendungen stammen aus seiner Feder – oder richtiger: aus seinen Tasten. Drehbücher waren ihm nicht genug, so dass er jetzt auch Romane schreibt, die er als E-Books herausgibt, bisher sind es drei. Bevorzugt geht es darin um Drama, Humor, Familie und Liebe. Mit seinem Blog-Roman „Nicht von dieser Welt“eroberte er als Vanessa Mansini Platz #1 der Amazon-Charts. Was ein Blog-Roman ist, warum er ein weibliches Pseudonym wählt und wie es einem geht, wenn man auf dem Weg zum Platz #1 ist, verrät er uns jetzt.


“Pionierzeit des Self-Publishings braucht Experimente”


Klaus Seibel: Michael, wie kommt ein erfolgreicher Drehbuchautor auf die Idee, einen Roman zu schreiben, den er dann selbst als E-Book herausgibt?

Michael Meisheit: Es war ja anders. Der Drehbuchautor hatte schon seit vielen Jahren aus unterschiedlichen Gründen diverse Texte / Manuskripte auf seiner Festplatte liegen und entdeckte letztes Jahr die grandiosen Möglichkeiten des Selfpublishings. Sowieso begeistert von der schönen, neuen Welt des Internets (zumindest für Autoren) war schnell klar, dass die Pionierzeiten nach Experimenten riefen – und das war dann mein Debütroman „Soap“, der aber eigentlich schon zehn Jahre älter war. Ähnlich war es bei den anderen Büchern: „Irgendwas ist immer“ sind alte Kurztexte von der Community jetzt.de und „Nicht von dieser Welt“ ist ein Blogroman, der zwei Jahre öffentlich zugänglich im Netz stand.

Was hast du gedacht, als du „Nicht von dieser Welt“ auf Platz 1 bei Amazon entdeckt hast?

„Entdeckt“ ist vielleicht das falsche Wort. Ich habe in der Woche, in der es so rasant nach oben ging, irgendwann nur noch vor dem Computer / Handy gesessen und ungläubig die Verkaufszahlen / Kindlecharts angestarrt. An einem Freitag ging ich abends auf Platz 3 ins Bett, wachte nachts um zwei Uhr auf, um mich auf Platz 2 bestaunen zu können, und war dann sofort um 7 Uhr hellwach, als ich auf Platz 1 stand. Gedacht habe ich dann: „Schnell einen Screenshot machen, bevor es vorbei ist.“ Ich war sicher, dass es schnell vorbei sein würde, wenn ich vom Einstiegspreis auf meinen normalen Preis von 2,99 Euro gehen würde. Richtig unglaublich wurde es erst, als ich dann eine Woche später immer noch auf Platz 1 stand – mit 2,99 Euro…

Warum hast du ein Pseudonym gewählt und dann noch ein weibliches?

„Nicht von dieser Welt“ hat ganz klar ein weibliches Zielpublikum. Auch wenn das Buch sicher einige Eigenheiten hat, ist es schon klassische Genre-Literatur, bei der es bestimmte Erwartungen gibt, und eine davon ist nun einmal, dass sie von Frauen geschrieben wird. Ich habe tatsächlich diverse Male die Rückmeldung bekommen, dass Leserinnen das Buch nicht gekauft hätten, wenn sie gewusst hätten, dass ein Mann es geschrieben hat – wohlgemerkt Leserinnen, die das Buch sehr mochten.


“Am Anfang fiktiver Blog – dann später Blogroman”


„Nicht von dieser Welt“ ist ein Blog-Roman. Was darf man darunter verstehen?

Ursprünglich war der Text tatsächlich ein fiktiver Blog, den ich über gut sechs Monate regelmäßig geschrieben und veröffentlich habe. Die Geschichte entwickelte sich mit aktuellen Bezügen, Links zu anderen Seiten, reagierend auf Feedback von Lesern usw. Es war ein Experiment mit den neuen Möglichkeiten, die das Internet uns Autoren bietet. Und es hat wahnsinnigen Spaß gemacht. Nur leider haben es nicht allzu viele Leute damals gelesen. Deswegen dachte ich, dass man es doch mal als eBook versuchen kann.

Das hat sich dann auch richtig gelohnt. Wie viel Zeit neben deiner Drehbuchtätigkeit investierst du etwa pro Woche in Schreiben, in Marketing, Pflege deines Netzwerks?

Ironischerweise habe ich in dem Jahr, in dem ich mich nun als Romanautor versuche, noch gar nichts geschrieben. Also nichts Neues. Überarbeitungen okay. Aber mein erster eigens für diese neue „Karriere“ geschriebener Text existiert noch gar nicht. Ich habe als Drehbuchautor allerdings auch viel zu tun, so dass es bisher gar nicht anders ging. Dazu kommt eine Familie mit zwei kleinen Kindern. So ist es schwer zu schätzen, wieviel Zeit ich für Marketing und derlei abknapse, aber eine Stunde am Tag wird es sicher sein plus viele kleine Postings hier, Mails da usw. Und in „heißen Phasen“ natürlich auch mal einige richtige Arbeitstage mit Überarbeitungen, Blogbeiträgen usw.

Was motiviert dich zum Schreiben?

Es macht Spaß. Geschichten erzählen ist für mich der tollste „Beruf“ der Welt. Das setze ich in Anführungszeichen, weil ich es sicherlich auch machen würde, wenn ich kein Geld damit verdienen könnte.

Wirst du den Mix Drehbuchautor – E-Book-Autor beibehalten, oder verschiebt sich da etwas durch deinen E-Book-Erfolg?

Der Mix wird generell beibehalten, aber es kann gut sein, dass sich etwas verschiebt. Neben meinen festen Drehbuchjobs habe ich in der Vergangenheit sehr oft interessante und leider auch nicht unbedingt aussichtsreiche Drehbuchprojekte angenommen, die dann durchaus Spaß machten, aber in der Regel versandet sind. Solche Projekte werden nun sicher zugunsten neuer Romanprojekte reduziert werden.


“Wer besser schreiben will, muss schreiben”


Gibt es ein Geheimnis für deinen Erfolg? Wie schafft man es, in die Top 100 oder sogar in die Top 10 zu kommen? Hat deine Drehbuch-Vorgeschichte dir dabei geholfen?

Mein Geheimnis ist, dass ich eine Menge Glück gehabt habe. Ich glaube schon, dass man mit professioneller Arbeit, einer tiefen Kenntnis der Amazon-Kindle-Welt und vor allem einem guten Stoff einen Platz in den Top 100 zumindest kurzzeitig hinbekommen kann. Aber alles, was da darüber hinausgeht, ist gerade für Anfänger – zu denen ich mich immer noch zähle – pures Glück. Allerdings habe ich eins deutlich gesehen: Die Bedeutung von Titel, Cover und Klappentext kann gar nicht überschätzt werden.

Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen:

Wenn Ihr es ernst meint mit einer Geschichte, dann investiert etwas. Lektorate und professionelle Coverdesigner kosten ein paar Euro mehr, aber das ist gut angelegtes Geld. Gerade bei Amazon hat man die einmalige Möglichkeit, sein Buch direkt neben den großen Verlagen und weltbekannten Autoren zu präsentieren. Wenn der Leser dann schon am selbstgebastelten Cover sieht, dass man selbiger eben nicht ist bzw. die Bewertungen mehrfach auf die katastrophale Rechtschreibung hinweisen, verspielt man dieses Geschenk leichtfertig.

Qualität ist ein großes Thema bei E-Books. Wie sicherst du die Qualität deiner Bücher?

Bei „Soap“ habe ich bis auf das Cover-Design erst einmal alles selbst ausprobiert bzw. mir allein von der „Crowd“ helfen lassen. Während ich die Hilfe der Communities immer noch für eine geniale Errungenschaft des Internets halte und sie weiter nutzen werde, gebe ich in Zukunft alle technischen Sachen in die Hände von Profis. Es gibt sehr gute Dienstleister, auch z. B. für das Setzen oder die Konvertierung von Texten. Das schont nicht nur die Nerven und die Tischkante, sondern führt zu einer hohen Qualität der Ergebnisse. Und es gibt einem mehr Zeit zum Schreiben.

Was hat dir geholfen, im Schreiben besser zu werden?

Schreiben. Schreiben hat mir geholfen. Ich bin sicher in der glücklichen Lage, dass ich schon sehr früh professionell schreiben konnte für etwas, das dann schnell und vor allem garantiert umgesetzt und gesendet wurde. Das ist ein Privileg. Das hat nebenbei dazu geführt, dass ich von eigenen Fehlern enorm lernen konnte. Gott sei Dank nicht nur, wenn sie gesendet waren, sondern auch im Drehbuchstadium, denn die Drehbücher gehen durch zahlreiche Hände. Kritik zählt hier zum ganz normalen Arbeitsablauf. Insofern denke ich, dass kein Kurs oder Ratgeber der Welt mehr hilft, als etwas zu schreiben und sich dafür Feedback zu holen. Das gilt auch und gerade für Selfpublisher – denn hier kann man sich z.B. Testleser übers Internet suchen. Und falls man schon etwas veröffentlicht hat und viel Kritik erntet, dann sollte man das als Geschenk annehmen und daraus so viel ziehen wie nur möglich.


“Selfpublisher sollten als normale Autoren wahrgenommen werden”


Du bist mit deinen E-Books unabhängiger Selfpublisher. Was findest du besonders gut dabei? Was stört dich?

Bisher finde ich alles gut! Nein, im Ernst. Es sind aufregende Zeiten. Mich reizt und fasziniert, dass alles neu ist. Dass man das Gefühl hat, ein Pionier zu sein. Natürlich ist es großartig, dass man sein eigener Chef ist. Aber es gibt auch eine tolle Community mit vielen anderen klugen und kreativen Leuten, die Ähnliches erleben und ähnlich begeistert sind. Und als Sahnehäubchen gibt es mit dem entsprechenden Glück auch noch gute Verdienstmöglichkeiten, obwohl ich – auch für mich – den Erfolg von „Nicht von dieser Welt“ nicht als Maßstab nehmen würde. Was ich nicht so sehr mag, ist die Erwartungshaltung, mit der so mancher nun in diesen Bereich kommt. Natürlich wird die durch Erfolgsgeschichten geschürt, aber wer meint, irgendeinen Text zusammenzukloppen und zu veröffentlichen ist der Garant für Ruhm und Reichtum, könnte falscher nicht liegen. Am selben Tag wie „Nicht von dieser Welt“ sind noch 60 andere eBooks allein bei Amazon erschienen. Keins davon hat sich auch nur in der Top 1000 festsetzen können, selbst nicht die von Verlagen. Soll heißen: Die Mehrzahl aller Bücher geht unter. Das ist die Norm. Und man braucht entweder Glück vergleichbar mit einem Lottogewinn oder schon professionelle und schweißtreibende Arbeit, damit es anders aussieht.

Was könnte dir die Arbeit als Selfpublisher erleichtern?

Eine genaue Erklärung des Algorithmus’ von Amazon. Abgesehen davon, dass Amazon sich verdammt wenig in die Karten gucken lässt, gibt es bereits eine Menge Erleichterungen, gerade durch die Community. Arbeiten könnte man noch an der öffentlichen Wahrnehmung, also dass man als Selfpublisher auch in den Medien weniger als Exot (oder Verrückter), sondern einfach als ganz normaler Autor wahrgenommen wird. Es gibt einige positive Entwicklungen, aber außerhalb des Internets auch noch viel starres Denken. Und großartig wäre eine Möglichkeit, mit seinen Printversionen in die Buchhandlungen zu kommen. Das ist im Moment noch sehr, sehr kompliziert, weswegen der Selfpublishermarkt fast ein reiner eBook-Markt ist.

Ein Verlag nimmt einem Autor viel Arbeit ab, verspricht bessere Qualität und eine größere Verbreitung. Könnte dich ein Verlag locken und womit (außer mit vielen Millionen &#x263A?

Klar kann mich ein Verlag locken. Aber es müsste schon ein Gesamtpaket (Verbreitung UND viele Millionen) sein, dass meine derzeitigen Möglichkeiten klar toppt und mir entsprechende Freiheiten lässt. Ich bin ja nicht in diese Welt eingestiegen, weil ich dann doch wieder nur das machen will, was andere für markttauglich halten.

Wenn dich ein neuer Leser kennen lernen möchte, welches deiner Bücher würdest du ihm als Start in deine Bücherwelt empfehlen?

„Soap“. Ganz klar. „Nicht von dieser Welt“ mag ich zwar sehr, aber es ist schon ein Roman, der durch den Blog einen speziellen Hintergrund und auch Schwächen hat. „Soap“ ist runder, stimmiger.

Deine bisherigen Leser warten schon auf Nachschub. Worauf können sie sich freuen? Was ist dein nächstes Projekt?

Sobald ich dann doch mal die Zeit finde, wird es neue Projekte geben. Die Ideen sind bereits reichlich vorhanden. aber richtig festgelegt habe ich mich noch nicht. Wahrscheinlich werde ich aber in einem meiner bisherigen Linie treu bleiben: Es wird in irgendeiner Hinsicht wieder ein Experiment sein.

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Danke! (Das ist jetzt nur ein Wort, aber wenn es um meine Leserinnen und Leser geht in der Tat mein größtes Anliegen. Denn was ich in den letzten Monaten erlebt habe, auch an positivem Feedback, ist nur durch Leser möglich, die offen und neugierig sind und sich auf das einlassen, was ich mache. Dafür gebührt mein tausendfacher Dank.)

Michael, ich danke dir herzlich für deine Antworten. Du machst Mut zum Experimentieren. Man muss nicht immer alles so machen, wie es bisher üblich war, und die Leser sind durchaus offen für Neues. Ich wünsche dir viele Ideen und dass du uns bald mit neuen Experimenten überraschst.

Wer mehr über Michael Meisheit erfahren möchte: mehr Infos gibt’s auf seiner Webseite: michaelmeisheit.de. Wen es interessiert, der findet dort auch Zahlen, wie viele Verkäufe ungefähr welches Ranking bedeuten.

Autorenfoto M. Meisheit: Steven Mahner

3 Kommentare »

  • Johannes Flörsch schrieb:

    Erst einmal herzlichen Glückwunsch! Es ist immer noch, wie ich finde, eine ganz eigene und aufregende Angelegenheit, von den Erfolgen im eBook-Markt zu lesen. Machen Sie weiter so!

    Nettes Interview, freundliche Gesprächspartner, aufschlussreiche Infos! Nochmals: Dankeschön!

  • Hanni Münzer schrieb:

    Lieber Michael!

    Herzlichen Dank für dieses Interview. Immer, wenn ich etwas von Dir lesen darf, lerne ich etwas dazu. Danke, dass Du Deinen Erfahrungsschatz mit uns teilst.
    Dir weiterhin viel Inspiration, Schaffenskraft und vor allem Zeit für Deine neuen Projekte.
    Herzliche Grüße sendet Dir
    Hanni

  • Links und Lesetipps | Ebookautorin.de schrieb:

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