Home » Indie-Lounge

[Indie-Lounge] “Ich will Geschichten erzählen ohne enges Raster für die Fantasie” – Matthias Herbert im Interview

31 Mrz 2014 1 Kommentar

Indie-Lounge lädt die besten Indie-Autoren ein. Erfolgreiche, bekannte und besondere Self-Publisher erzählen von sich, geben Tipps für Autorenkollegen und machen Lust auf ihre Bücher. (Kontaktadresse für Vorschläge & Anregungen: klaus.seibel[at]indie-lounge.net)
Volker Ferkau Nika Lubitsch Hanni Münzer Michael Meisheit Cathy McAllister Matthias Matting Sarah Saxx Poppy J. Anderson Monika-Dennerlein


Ob “Ein Fall für zwei”, “Alarm für Cobra 11″ oder “Soko Rhein-Main”: Matthias Herbert ist einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren Deutschlands. Mehr als eine Milliarde Menschen in 140 Ländern haben Serien aus seiner Feder gesehen – aber den Namen des Autors kennen bisher nur wenige. Das dürfte sich bald ändern: Denn jetzt geht Herbert als Self Publisher an den Start – und das gleich mit einem Fantasy-Epos, welches in dieser Größenordnung seines Gleichen sucht. Für die Indie-Lounge gibt der erfolgreiche Vielschreiber Einblicke in den Alltag eines Profis, der sich in beiden Welten auskennt: Drehbuch und Roman.


“Jeder kennt meine Serien, meinen Namen fast niemand”


Matthias, auf dein Konto gehen hunderte von Morden – inklusive anschließender Aufklärung. Aber du hast nicht nur Krimis geschrieben. Welche Filme stammen aus deiner Feder, bzw. zu welchen Serien hast du Beiträge geleistet?

Angefangen habe ich vor mehr als 25 Jahren mit „Ein Fall für zwei“. Danach hatte ich fast überall mal die Finger drin. Von „Doppelter Einsatz“ über „Alarm für Cobra 11“ bis „Soko Wismar“. „Für „Die Rettungsflieger“ habe ich etwa ein Drittel der Bücher beigesteuert. Und natürlich auch verschiedene Serien selbst entwickelt, „Soko Rhein-Main“ und „Schwarz greift ein“. Hm, das sind gleich zwei Serien, die in Frankfurt gespielt haben, fällt mir gerade auf.

Was würdest du als deinen größten Erfolg bezeichnen? Worauf bist du besonders stolz?

Stolz? Darauf, dass alle meine Kinder etwas geworden sind. Und dass ich im hohen Alter von 50 Jahren noch Schlagzeilen als Fußballtorwart gemacht habe („Held des Tages“). Ach so, die Rede ist vom Film. Hm. Da muss ich mal nachdenken. Also es gibt schon ein paar Filme, auf die ich dann doch stolz bin. Bei „Rosa Roth“ der Pilotfilm damals. Dann „Der Mörder mit der Maske“, ein 90er aus „Doppelter Einsatz“, bei dem ich selbst Gänsehaut bekommen habe. Und dann wäre da noch „Happy Birthday“, auch eine “Doppelter Einsatz”-Episode. Seit der schaut meine Frau übrigens keine Filme mehr von mir. Sie hat danach ein paar Tage schlecht geträumt …

Mit deinen Filmen erreichst du ein Millionenpublikum. Was bringt dich dazu, mit Büchern noch mal neu anzufangen?

Ich habe es spaßeshalber mal ausgerechnet. Wenn man alle Filme nimmt, die durchschnittliche Wiederholungszahl in Betracht zieht und nur einen niedrigen Zuschauerschnitt ansetzt, wurden Filme von mir trotzdem von mehr als einer Millarde Menschen gesehen. Soll heißen, wenn man in den letzten 25 Jahren relativ regelmäßig den Fernseher angemacht hat, musste man irgendwann über eins meiner Werke stolpern. Und trotzdem kennt kein Mensch meinen Namen als Drehbuchautor. Das nur so zur Wertschätzung des Filmerfinders. Aber das ist nicht der Grund, dass ich nach so langer Zeit wieder zur Prosa zurückgekehrt bin.

Ich will Geschichten erzählen, bei denen meine Fantasie nicht in so ein enges Raster gezwängt wird. Das ist zwar auch eine Herausforderung, in einem bestimmten Format zu arbeiten und dort das Beste zu liefern, was möglich ist. Aber wenn man alles selbst bestimmen kann, ist es doch etwas anderes. Das geht beim Film niemals. Selbst wenn man ein Einzelfernsehspiel macht, reden einem noch mindestens 176 Leute rein und wissen alles besser.


“Memiana ist in wenigen Wochen auf 14 Bände gewachsen”


Deine Fantasy-Welt heißt Memiana. Wie bist du auf diesen Namen gekommen? Hat er eine besondere Bedeutung?

Ja, sicher. Memiana ist die Welt der Memo. Die Memo sind das kleinste Volk dort. Ich meine nicht, sie sind die Hobbits von Memiana, sondern sie zählen nur 15.000 Köpfe. Aber sie bestimmen, was geschieht. Nur bekommt das niemand der anderen mit, weil … Ach, das sollte man schon selbst lesen.

Was ist das besondere an dieser Welt? Was fasziniert dich daran?

Sie ist, hm, sagen wir mal: etwas anders. Die Technik ist archaisch und man hat keine komplexen Maschinen. Eisenzeit ohne Räder sozusagen. Es gibt dort keine Pflanzen und keine Nacht. Aber nicht, weil irgendwer mit einem krummen Zauberstab herumwedelt. Meine Welt gehorcht den physikalischen Gesetzen der Erde (soweit ich sie selbst kenne). Und das war mit die größte Herausforderung und auch die Faszination.

Wie bist du auf die Idee zu dieser Welt und dann zu dieser Reihe gekommen?

Da muss ich kurz lächeln. Was man im Interview nicht sieht. Schuld ist natürlich das Fernsehen, genauer „Genial daneben“. Da war einmal die Frage, warum eine bestimmte Schneckenart nach einem halben Jahr das Fressen einstellt. Weil sie soviel Chlorophyll angereichert hat, dass sie sich sozusagen von Licht und Wasser ernähren kann. Das hat mir gefallen. Am nächsten Tag habe ich die erste Skizze zu einer Welt ohne Pflanzen aufgeschrieben. Innerhalb vor drei Tagen war das auf 60 Seiten angewachsen, hatte eine Handlung und Charaktere. Und dann explodierte es und was mal ein einzelner Roman sein sollte, wuchs innerhalb weniger Wochen auf ein 14bändiges Werk an.


“Ein Romanautor macht sinnliche Wahrnehmung erlebbar”


Eine Besonderheit ist auf jeden Fall der gewaltige Umfang, weshalb man dein Werk schon jetzt als Fantasy-Epos bezeichnen kann. Wie groß ist deine Reihe?

Wie gesagt, es werden einmal 14 Bände und über 6000 Seiten. 8 Romane sind schon fertig. Für den Rest steht sehr genau fest, was darin passiert. Und das letzte Kapitel habe ich schon geschrieben und es liegt in einem Tresor in London … Ha. Joke.

Seit wann schreibst du daran?

Seit Mitte 2009.

Ist es anders, ein Drehbuch oder einen Roman zu schreiben? Worin siehst du Unterschiede?

Es ist ein Riesenunterschied. Lustigerweise kapieren das auch so viele Kollegen nicht und werfen ständig in Debatten Filme und Bücher zusammen. Das ist für den Rezipienten vielleicht möglich, wenn er ausschließlich die Handlung betrachtet. Aber nicht für den Autor. Ein Drehbuch unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von einem Roman. Für ein Drehbuch reicht manchmal ein einziger Einfall. Der Rest ist erzählerische Routine. Für einen Roman brauche ich auf jeder Seite mindestens einen Einfall. Und zwar am besten einen originellen. Damit ist es dann aber noch nicht getan. In einem Drehbuch kann ich schreiben: Haus Otto, außen/Tag. Otto fährt mit seinem Wagen vor und steigt aus. Straße Pauline außen/Tag. Ottos Auto parkt vor dem Haus Paulines.
DAS kann ich ja mal in einem Roman versuchen. Im Film setzt der Regisseur das, was ich schreibe, für die Primärsinne um. Er zeigt es und bringt es zu Gehör. Aber als Romanautor muss ich genau diese sinnlichen Wahrnehmungen erlebbar machen. Ich muss mir das, was der Regisseur einfach so am Straßenrand mitnimmt, in allen Einzelheiten ausdenken. Dann lasse ich das meiste davon weg und muss es trotzdem so beschreiben, dass der Leser etwas sieht und hört, obwohl alles nur Papier ist.


“Ich wollte eine möglichst hohe Publikationsfrequenz”


Du bist Schreib-Profi mit jahrzehntelanger Erfahrung und großen Erfolgen. Um einen präzisen Ausdruck, Dramaturgie und Spannungsbögen muss man sich bei dir keine Sorgen machen, das ist dir in Fleisch und Blut übergegangen. Man sollte denken, dass Verlage hier unbedingt zugreifen würden. Warum gehst du jetzt den Weg über Self Publishing und nicht über einen Verlag?

Als ich mit Memiana angefangen habe, waren kopulierende Vampire noch der letzte Schrei und alles gierte danach. Nicht mein Ding. Zumindest nicht beim Schreiben. Obwohl ich sicher nicht Zielgruppe bin, habe ich Twilight gerne gelesen. Was ich gar nicht lese und was im Zuge der Herr der Ringe Filme aber sehr angesagt war und noch ist, ist diese ganze Epigonendichtung, die das Tolkien-Universum plündern. „Low Fantasy“ wie auch George R. R. Martin sie in seiner Welt bietet, war in Teutonien absolut nicht angesagt. Das wusste ich aber und deshalb hat noch nie ein Verlag etwas von Memiana gesehen. Fantasy hat ja den Vorteil, dass sie nicht so aktuell ist, dass sie schlecht würde, wenn man sie lagert. Einen Verlag davon zu überzeugen, so einer niederen Kreatur wie einem Drehbuchautor zu vertrauen und ihn mit einer 14bändigen Reihe zu beauftragen, war außerdem ziemlich aussichtslos. Dazu kam dann eine sehr positive Entwicklung auf dem E-Book-Markt. Nachdem dort sehr lange das „Jeder darf, ob er kann oder nicht“ dominierte, wagten sich nach und nach auch namhafte Autoren daran, selbst zu publizieren. Und für so ein Monumentalwerk wie Memiana wollte ich gerne eine hohe Publikationsfrequenz, also nicht ein neuer Harry Potter alle anderthalb Jahre, sondern verlässlich und konsequent alle 3 Monate der nächste. Aber ohne Magie, falls ich das noch nicht erwähnt habe …

Wie empfindest du es, nicht mehr Teil einer langen Entstehungskette zu sein, sondern alles selbst in die Hand nehmen zu können – oder auch zu müssen?

Auf der einen Seite befreiend, auf der anderen sehr fordernd. Denn man muss sich wirklich um alles kümmern und alles kontrollieren, auch wenn man andere beauftragt. Dann muss man eben die auch noch kontrollieren, ob alles so ist, wie man sich das vorgestellt hat. Oder wie es einem erzählt wurde.


“Zum Start gab es ein dreiwöchiges Alternate Reality Game”


Viele Self Publisher gehen in kleinen Schritten voran, lernen Marketing und bauen sich über Jahre eine Leserschaft auf. Du gehst auch hier einen anderen Weg und engagierst ein professionelles Marketingteam, das eine Menge auf die Beine stellt, wovon die meisten Autoren nur träumen können. Welche besonderen Aktionen sind zum Start deiner Reihe gelaufen?

Die Agentur hat ein bundesweites und aufwändiges Alternate Reality Game über drei Wochen durchgezogen, im Netz und in der wirklichen Welt, das einige Leute ziemlich in Atem gehalten hat. Der Ansatz war, auf diese Weise Blogger direkt anzusprechen und zu integrieren und so ein breites Interesse an Memiana hervorzurufen.

Dein erstes Buch ist gerade erst erschienen. Noch konnte sich die Arbeit nicht in Verkäufen und Rezensionen auswirken. Wie wird es weitergehen?

Bis jetzt ist es so, dass ich eher das Gefühl habe, für ziemlich viel Geld ein paar Leuten ein richtig gutes Abenteuer geschenkt zu haben. Bemerkt habe ich noch keine Folgen. Das wäre aber auch ziemlich viel verlangt, eine knappe Woche nach dem Erscheinen von Band 1. Wie es weitergeht? Nun, die Agentur wird jetzt alles daran setzen, im Netz einen gewissen Hype zu kreieren und dafür zu sorgen, dass man über Memiana spricht. Und Band 1 kauft. Es ist ja auf jeder Plattform zu haben. Sobald es dann dort wahrgenommen wird, sollte idealerweise ein gewisser Selbstläufereffekt dazu kommen.

Die ganze Kampagne läuft aber nur im Netz. Ebook-Leser sind ja sehr netzaffin und warum sollte man etwas in eine Zeitung schreiben? Von der aus kann man ja keinen virtuellen Buchladen erreichen. Die Veröffentlichungstermine aller Bände sind fix und alle sind vorbestellbar.

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Ich lasse lieber meine Geschichte für mich sprechen. In der sagte einer der Charaktere:
„Menschen sind Menschen, und Menschen sind gierig. Menschen sind selten mit dem zufrieden, was sie haben, Menschen wollen immer mehr. Manche Menschen sind selbst mit dem Mehr nicht zufrieden und sie wollen alles.“

Memiana ist völlig anders – aber dann ist es das auch wieder nicht. Auf Memiana geht es am Ende genauso um Sex, Drugs & Crime wie auf der Erde. Um Habgier, Rache, Eifersucht. Wie immer, wenn ich anfange, eine Geschichte zu erzählen. Nur diesmal spielt sie eben in einer völlig anderen Welt, wie man sie noch nie gesehen hat. Und es lohnt sich, mehr als nur einen Blick darauf zu werfen.

Kaum ein Werk ist mit so großer Professionalität erarbeitet worden und an den Markt gegangen. Wahrscheinlich gibt es weltweit kein vergleichbares Projekt dieser Größenordnung, das dann auch mit solchem Aufwand gestartet wurde. Wie sind sehr gespannt, wie es weitergeht. Auf jeden Fall wird das Fantasy-Genre um eine gewaltige Geschichte bereichert, und sicher wird auch das Self Publishing durch die Professionalität deines Vorgehens um eine Facette vielfältiger. Ich wünsche dir viele begeisterte Leser, die sich durch deine Bücher in eine neue Welt voller Spannung und Phantasie entführen lassen.

Hinweis: Mehr über Memiana findet man auf www.memiana.de. Wer eine ganz neue Welt kennenlernen will, sollte unbedingt mal dort vorbeischauen.

Ein Kommentar »

  • Michael Meisheit schrieb:

    Spektakulärer Ansatz, Herr Kollege (im doppelten Sinne). Bin sehr gespannt, ob und wie das laufen wird. Das wäre auf jeden Fall der nächste Schritt im Bereich Selfpublishing!