Home » Indie-Lounge

[Indie-Lounge] „Kern meiner Phantasie ist die Frage: Was wäre, wenn…?“ – Maria Poets im Interview

3 Nov 2014

Indie-Lounge lädt die besten Indie-Autoren ein. Erfolgreiche, bekannte und besondere Self-Publisher erzählen von sich, geben Tipps für Autorenkollegen und machen Lust auf ihre Bücher. (Kontaktadresse für Vorschläge & Anregungen: klaus.seibel[at]indie-lounge.net)
Volker Ferkau Nika Lubitsch Hanni Münzer Michael Meisheit Cathy McAllister Matthias Matting Sarah Saxx Poppy J. Anderson Monika-Dennerlein


Heute zu Gast in der Indie-Lounge: Maria Poets. Die Literaturübersetzerin hat schon mehr als vierzig Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, seit 2013 veröffentlicht sie nun auch eigene Romane als Selfpublisherin, und das sehr erfolgreich. Mit ihrem aktuellen Thriller „Berechnung“ stand sie zwei Wochen lang in allen Kindle-Kategorien auf Platz Eins. Maria Poets entwirft keine Figuren, sondern sie führt uns Menschen vor, die vertraut und fremd zugleich scheinen, und fasziniert damit viele Leser.

Maria, wie schön, dass du bei uns bist. Du schreibst, dass du in zwei Welten lebst, der Welt der Realität und der Welt der Fantasie. Aus diesen Fantasien entstehen deine Geschichten. Nun schreibst du Krimis und Thriller, und ich möchte dir jetzt keine Mord-Fantasien unterstellen. Wie meinst du das mit der Welt der Fantasie?

Du darfst mir ruhig Mordfantasien unterstellen, die habe ich tatsächlich auch ;-) Der Kern meiner Fantasien ist eigentlich immer die Frage: „Was wäre wenn?“ Was wäre, wenn ich unschuldig im Knast säße? Was wäre, wenn ich im Lotto gewinnen würde? Was wäre, wenn ich als heldenhafte Revolutionärin verfolgt würde? Was wäre, wenn ich mit einem Menschen, den ich absolut nicht leiden kann, in einem Fahrstuhl eingesperrt wäre?
Ich kann dann ziemlich intensiv in diese Was-wäre-wenn-Szenarien eintauchen und male mir alles im Detail aus. Das ist natürlich eine unschätzbare Fundgrube für meine Bücher. Schwierig wird es dann manchmal, wenn ich meine Fantasie der Realität anpassen muss. Aber genau dieses Spiel mit den Grenzen der Realität reizt mich: Könnte das wirklich so passieren?

Du hast einen eigenen Blog. Welche Rolle spielt dein Blog in deinem Gesamtkonzept – für dich und für deine Leser?

Eigentlich würde ich meinen Blog gerne intensiver pflegen, aber leider komme ich zurzeit nur selten dazu. Ich möchte meinen Leserinnen und Lesern Hintergrundmaterial zu meinen Büchern zur Verfügung stellen, ähnlich dem Bonusmaterial auf einer DVD. Außerdem soll der Blog ein Ort sein, an dem ich kürzere Texte veröffentliche, die nicht unbedingt ins E-Book-Format passen.


„Erfolg verschafft Freiraum, mal etwas abzulehnen“


Wie viel Zeit investierst du etwa pro Woche in Schreiben, in deinen Blog, Pflege deines Netzwerks?

Etwa dreißig Stunden in der Woche versuche ich, am Schreibtisch zu sitzen. Die Fantasiereisen dagegen finden ständig und überall statt.

Was hat sich in deinem Leben durch das Schreiben/deinen Erfolg verändert?

Wenig. Ich habe ja vorher schon selbständig als Übersetzerin gearbeitet, von dort zum selbst Schreiben ist es nur noch ein winziger Schritt. Der Erfolg verschafft mir den Freiraum, Übersetzungen abzulehnen (Frauenromane sind zum Beispiel überhaupt nicht mein Ding) und in Ruhe an meinen eigenen Projekten zu arbeiten. Das genieße ich sehr.

Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen:

Lest so viele Kreativ-Schreiben-Bücher, wie ihr könnt. Besucht Kurse. Lasst euch sagen, wie man ultimativ ein richtig gutes Buch schreibt. Und dann vergesst den ganzen Scheiß wieder und schreibt darauf los. Das, was von den ganzen Ratschlägen für euch und zu euch passt, ist trotzdem hängengeblieben. Sucht nicht nach einem Patentrezept, denn es gibt keines.


„Texte übersetzen heißt auch: Texte analysieren“


Was hat dir geholfen, im Schreiben besser zu werden?

Hauptsächlich meine Tätigkeit als Übersetzerin. Natürlich habe ich vorher schon Bücher über kreatives Schreiben etc. gelesen, aber beim Übersetzen hatte ich dann jeden Tag wunderbare (oder auch nicht so wunderbare) praktische Übungsbeispiele. Einen Text von einer Sprache in die andere zu übertragen, bedeutet immer auch, den Originaltext genau zu analysieren, dabei habe ich viel gelernt, wie und warum ein Text „funktioniert“ – oder eben nicht.
Natürlich hilft es auch, andere Bücher ganz genau zu lesen: Warum gefällt mir das eine Buch, das andere aber nicht? Mittlerweile lese ich völlig anders als früher, ich tauche kaum noch in die Geschichte ein, sondern analysiere beim Lesen ständig, welche Techniken der Autor, die Autorin angewendet hat. Manchmal ist das lästig, aber auf jeden Fall lehrreich.

Du bist unabhängiger Selfpublisher. Was findest du besonders gut dabei? Was stört dich?

Mir gefällt die Unabhängigkeit, die Entscheidungsfreiheit und die Schnelligkeit, mit der ich ein Buch veröffentlichen kann – denn natürlich will ich, wenn ich ein Buch fertig habe, möglichst schnell wissen, ob es meinen Leserinnen und Lesern gefällt. Manchmal stört mich der hohe Zeitaufwand, der mit dem Selfpublishing verbunden ist. Einerseits macht es mir Spaß, mich um alles selbst zu kümmern (Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung), aber oft würde ich die Zeit lieber fürs Schreiben nutzen.


„Autorenbetreuung bei Amazon Publishing ist klasse“


Du hast deinen Krimi „Mordswald“ mit Amazon Publishing veröffentlicht. Kannst du uns kurz erklären, was das ist?

Amazon Publishing ist der Verlag, den Amazon im Frühjahr 2014 gegründet hat. Die Bücher werden digital und als Print-on-Demand-Ausgabe veröffentlicht, manche auch als Audible. Mein Titel „Mordswald“ wird gerade ins Englische übersetzt. Für die ersten Titel hat Amazon Publishing bereits veröffentlichte Titel gekauft. Inzwischen nehmen sie aber nur noch unveröffentlichte Bücher.

Wie sind deine Erfahrungen damit? Würdest du es wieder tun?

Vor allem geht es ziemlich chaotisch zu … der Verlag ist ja noch ganz neu, da ist vieles noch nicht so eingespielt. Gewöhnungsbedürftig war auch, dass ich einen Teil des Geldes aus den USA bekomme und dafür wieder einmal diese leidigen Steuerformulare ausfüllen musste. Grrr. Klasse finde ich die wirklich herzliche und gute Autorenbetreuung.
Ob ich es noch einmal machen würde … hm. Da es die Printausgabe nur bei Amazon zu kaufen gibt und nicht im stationären Buchhandel, sind die Taschenbuchverkäufe ausgesprochen mager. Im Moment sehe ich noch nicht, welche großen Vorteile es mir bringen soll. „Mordswald“ an Amazon Publishing zu verkaufen war ein Testballon für mich, auf jeden Fall eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.


„Mein nächster Thriller ist schon in Arbeit“


Wenn dich ein neuer Leser kennen lernen möchte, welches deiner Bücher würdest du ihm als Start in deine Bücherwelt empfehlen?

Lach. Bei vier Büchern von einer Bücherwelt zu sprechen, halte ich für etwas übertrieben. Wer Spannung mag, sollte „Berechnung“ lesen. Wer Gegenwartsliteratur bevorzugt und es etwas ruhiger mag, dem empfehle ich „Veras Welt“. Aber Obacht: Die beiden Bücher sind grundverschieden.

Deine bisherigen Leser warten schon auf Nachschub. Worauf können sie sich freuen? Was ist dein nächstes Projekt?

Ich habe gerade mit der Arbeit an meinem neuen Thriller angefangen, und wieder wird eine Frau auf der Flucht sein – mehr verrate ich noch nicht. Einen Namen hat das Kind noch nicht, aber für die Entscheidung habe ich ja auch noch neun Monate Zeit. ;-) Wobei ich es natürlich gerne auch früher herausbringen möchte, aber mit Frühgeburten ist das ja so eine Sache …

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Danke, Ihr seid prima! Die vielen Kommentare und Mails – positive wie negative – motivieren mich, noch besser zu werden. Ich hoffe, ich kann euch noch viele schlaflose Nächte bereiten!

Maria, ich danke dir ganz herzlich für dieses Interview. Im Namen aller Leser wünsche ich dir weiterhin reichlich lebendige Fantasie, damit du noch viele gute Bücher schreiben kannst. Wer mehr über Maria erfahren will, findet sie im Internet auf mcpoets.com.