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[Indie-Lounge] „Ich treffe mit meinen Gedanken den Nerv der Menschen“ – Kirsten Wendt im Interview

27 Mai 2015

Indie-Lounge lädt die besten Indie-Autoren ein. Erfolgreiche, bekannte und besondere Self-Publisher erzählen von sich, geben Tipps für Autorenkollegen und machen Lust auf ihre Bücher. (Kontaktadresse für Vorschläge & Anregungen: klaus.seibel[at]indie-lounge.net)
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kirsten-wendt-interview-indie-loungeHeute zu Gast in der Indie-Lounge: Kirsten Wendt.Die Bestseller-Autorin aus Niedersachsen liebt Glossen und Kurzgeschichten, schreibt aber auch Liebesromane und Psychothriller, letztere meistens unter Pseudonym. Unter ihrem richtigen Namen ist Kirsten dagegen vor allem bekannt als Sachbuchautorin, die über Migräne und Übergewicht berichtet – und ihren Lesern zeigt, wie man beides los wird. Das tut sie in seltener Offenheit und schreckt dabei auch nicht vor Vorher-nachher-Fotos zurück.


„Auf das Top-Ranking bin ich gar nicht stolz“


Klaus Seibel: Kirsten, Menschen lieben Medaillenspiegel, Bundesligatabellen, Bestsellerlisten. Was war bisher dein bestes Ranking? Worauf bist du besonders stolz?

Kirsten Wendt: Mit meinem besten Ranking kann ich nur für mich alleine angeben, weil es sich dabei um ein geheimes Pseudonym handelt. Mit diesem Titel stand ich lange in den Top 10 der Amazon Kindle Charts. Darauf bin ich aber nicht stolz; ich finde es einfach nur witzig. Ich mag den Gedanken, dass ich ohne Verlagsunterstützung genug Geld verdiene, obwohl ich trotzdem gerne bei bestimmten Buchprojekten einen großen Verlag im Rücken hätte. Stolz auf meine Leistung wäre ich erst, wenn ich wichtige Literaturpreise gewinnen würde. Auf solche Dinge stehe ich total.

Du schreibst Sachbücher über den Umgang mit Migräne und zu viel Gewicht. Wie bist du darauf gekommen?

Ich litt jahrzehntelang unter Migräne, die mein Leben stark beeinträchtigte. So ähnlich war es auch mit dem (Über-)Gewicht. Letzteres tut zwar nicht so weh wie Migräne, nervt aber trotzdem. Beide Themen gehören bei mir glücklicherweise der Vergangenheit an, betreffen aber viele Menschen. Darum habe ich darüber geschrieben. Und schön, dass ich diesen Talkshow-Klassiker gleich mal zu Beginn loswerden kann: Das steht alles in meinem neuen Buch!

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„Die Low-Carb-Diät hat auch meine Migräne besiegt“


Wenn ich an einem Regal mit Frauenzeitschriften vorbeigehe, habe ich das Gefühl, es gibt jede Woche mindestens einhundert Diäten. Warum sollte jemand deine wählen?

Einen Diätratgeber im herkömmlichen Sinn habe ich nicht geschrieben. Vielmehr berichte ich in meinem ersten Dickerchenbuch, wie ich mit der Dukan-Diät innerhalb eines Dreivierteljahres 40 Kilo abgespeckt habe. Bei dieser Diät handelt es sich um eine Low-Carb-Variante, die speziell für starkes Übergewicht entwickelt wurde. Für mich war sie nicht nur wegen meiner Figurprobleme ein Segen, sondern ich verlor damit auch völlig unerwartet die Migräne.
Nach der Veröffentlichung von „Ich kann auch schlank“baten mich viele Leser um Informationen darüber, wie es mir weiterhin ergangen ist. Jeder Mensch im Kilokampf kennt den Jo-Jo-Effekt; darum wollten verständlicherweise alle wissen, ob ich mein neues Gewicht halten konnte. Davon berichte ich unter anderem in meinem neuen Buch „Nie mehr zu dick“.Inzwischen lebe ich nicht mehr streng nach Dukan, sondern bastle mir eine eigene Low-Carb-Welt zusammen, womit ich übrigens noch weiter abgenommen habe. Heute bin ich endlich zufrieden und bemühe mich, dass alles so bleibt, wie es ist. Trotzdem: Schlank zu bleiben, ist nicht immer toll und easy, sondern bedeutet auch den ständigen Konflikt mit dem inneren Schweinehund.
Nachmachen muss es mir niemand. Ich bin davon überzeugt, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, um abzunehmen. Meine Methode ist eine davon, und über die berichte ich.

Du schreibst nicht distanziert oder wissenschaftlich über Diät und Migräne, sondern ehrlich und persönlich. Ist das dein Rezept, das deine Sachbücher erfolgreich gemacht hat? Was sagen deine Leserinnen dazu? Und – hast du auch Leser?

Der Identifikationsfaktor ist ein großer Pluspunkt. Ich scheine mit meinen persönlichen Berichterstattungen den Nerv vieler Menschen zu treffen, die mir erzählen, dass ihnen meine Gedanken im Buch wie ihre eigenen vorkommen. „Endlich sagt mal jemand, wie es wirklich ist.“ So klingen typische Leserinnenbriefe – aber auch die der männlichen Leser. Ich habe nämlich zwar überwiegend weibliche Leser, aber es gibt durchaus auch Männer.
Ob ich mit einer weniger ehrlichen Erzählweise genauso erfolgreich wäre, weiß ich nicht. Am liebsten wäre ich natürlich noch viel erfolgreicher, aber dafür müsste ich vermutlich besonders beim Diätthema lügen, dass sich die Balken biegen. Mich nerven durchtrainierte Promis, die mir weismachen wollen, dass es ein Klacks ist, schlank und sportlich zu sein. Darum habe ich mich für die edle Seite entschieden und riskiere mit den ungemütlichen Aspekten einer Diät den Verlust von Leserzahlen. Über Verdauungsprobleme und Selbstzweifel spricht man halt nicht so gerne. Ich auch nicht, aber es gehört nun mal dazu.


„Liebesromane schreiben macht gute Laune“


Was ist dir dabei besonders schwer und was besonders leicht gefallen?

Besonders schwer ist mir die Veröffentlichung von Vorher-nachher-Fotos gefallen. Ständig wurde ich danach gefragt; da musste ich jetzt mal Butter bei die Fische geben. Die Nachher-Bilder sind nicht das Problem, aber Vorher … Das stellt schon ein echtes Problem für mich dar. Leicht hingegen fällt mir die heitere Sichtweise. Ich mag es, wenn man einfach mal über etwas lachen kann. Mir ist es allerdings unheimlich wichtig, dass sich niemand verletzt fühlt. Insgesamt ist die Kernaussage des Buchs – nämlich dass es immer nur darum geht, sich selbst wohlzufühlen – trotz des humorvollen Grundtons eher ernst und vor allem ehrlich.

Neben Sachbüchern schreibst du auch Liebesromane. Ist das für dich die Entspannung von der „Sache“?

Liebesromane zu schreiben macht einfach gute Laune. Wenn ich mich dabei in meinen Hauptprotagonisten verlieben kann, ist alles in Butter. Nur dieses ewige Hin und Her zwischen den Liebenden stört mich entsetzlich. Ich neige zur überstürzten Erzählweise und muss mich beherrschen, dass die Herrschaften nicht zu schnell miteinander im Bett landen.

Was fällt dir leichter, die „Sache“ oder die „Liebe“?

Die „Sache“ fällt mir leichter. Ich glaube, ich bin ganz gut im Formulieren und Sätze feilen, während manch anderer vor Fantasien strotzt. Das ist bei mir leider nicht so. Mein fantastischer Horizont ist begrenzt, und ich muss oft scharf nachdenken, um mir Fallhöhen und Irrwege auszudenken.

Du bist seit Anfang 2012 freiberufliche Autorin. Was hast du vorher gemacht?

Ich war als Vertrieblerin im Innen- und Außendienst beschäftigt. Gelernt habe ich ursprünglich den Beruf der Rechtsanwaltsgehilfin, bin später ins Sekretariat gerutscht und erst dann Salesmanager geworden. Man kann aber auch einfach Verkäufer dazu sagen, ist nämlich das Gleiche.


„Der Austausch mit Autoren-Kollegen ist wichtig“


Du hast dir den Schritt in die Selbstständigkeit als Schriftstellerin gründlich überlegt. Was waren für dich die wichtigsten Erfahrungen auf diesem Weg?

Man weiß nie, was die Leser wollen – und was sie nicht wollen. Die Bücher, die mir selbst am besten gefallen und für die ich am härtesten gearbeitet habe, werden verschmäht. Und wenn ich denke: Diesen Mist liest kein Mensch, wird es gekauft. Leider habe ich die Formel noch nicht gefunden, auf Knopfdruck wahlweise Mist oder Qualität zu produzieren. Ich finde es schwierig, als selbstständiger Autor zu planen, denn dabei gerät der kreative Aspekt in den Hintergrund. Außerdem betrachte ich mich als Neuling. Mir fehlt noch die Routine, mit der ich andere Arbeiten durchgeführt habe. Da arbeite ich hart an mir.
Undenkbar wäre für mich, keinen Kontakt zu Kollegen zu haben. Dieser Austausch ist immens wichtig und besonders im Selfpublishing wertvoll. Die Erfahrungen mit Menschen, die ich fast ausnahmslos im Internet kennenlerne und erst zu einem späteren Zeitpunkt im realen Leben treffe, sind fast immer positiv. Eine der wichtigsten Erfahrungen ist somit das Vertrauen in andere Menschen und mich selbst.

Woran hast du erkannt, wann es der richtige Zeitpunkt war, diesen Schritt zu tun?

Das habe ich sofort gemerkt. Ich arbeite gerne zu den unmöglichsten Uhrzeiten, was in meinem alten Job nicht ging. Nachts, am Wochenende oder im Urlaub. Dafür bin ich jetzt als Privatperson und Mutter flexibler und muss mich nicht um Urlaubsanträge und Krankmeldungen kümmern. Ich liebe diese Flexibilität, obwohl ich als Selbstständige viel mehr arbeite als zu Angestelltenzeiten. Keinem Chef mehr unterstellt zu sein, habe ich von der ersten Sekunde an genossen.

Hand auf’s Herz: Würdest du ihn wieder gehen? Gab es auch Zeiten, in denen du diesen Schritt bereut hast?

Ich würde es immer wieder so machen, auch wenn man deutlich mehr Kompromisse eingehen muss, als ich es mir vorgestellt habe. Immer nur Herzensbücher zu schreiben, funktioniert bei mir leider nicht. Bereut habe ich den Schritt noch nie, weil es viele Wege gibt, die man beschreiten kann.

Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen:

Bleib offen für Kritik und Anregungen – aber sei trotzdem selbstbewusst genug, um deiner Linie treu zu bleiben. Klingt schlau, nicht? Ich wäre froh, wenn ich mich in puncto Selbstbewusstsein immer daran halten würde.
In deinem neuesten Buch „Nie mehr zu dick“ geht es wieder ums Gewicht.

Warum sollten die Leserinnen von „Ich kann auch schlank“ dieses neue Buch lesen?

In meinem neuen Buch geht es nicht nur ums Hier und Jetzt, sondern auch um Erlebnisse in Kindheit, Jugend und danach. Ich fühlte mich einfach immer zu dick, obwohl ich es früher gar nicht war. Vielen Frauen geht es ähnlich. Die ständige Angst, aus der Form zu geraten oder es bereits zu sein, kann einem dauerhaft die Laune verderben. Es kommen im Buch auch zwei nette Kolleginnen zu Wort. Wiebke Lorenz, die mit ihrem aktuellen Thriller „Bald ruhest du auch“ die Bestsellerlisten anführt, hat einen lesenswerten Artikel beigesteuert. Und Bettina Meiselbach, deren Blog „Happy Carb – Mein Low-Carb-Weg zum Glück“ im Netz Furore macht, schenkte mir ebenfalls ein schönes Kapitel und sensationelle Low-Carb-Rezepte. Es kommt selten bei meinen eigenen Büchern vor, aber ich mag „Nie mehr zu dick“ richtig gerne. Es ist ein gutes und rundes Buch geworden.

Was wird nach diesen Büchern kommen? Was ist dein nächstes Projekt?

Mein nächstes Projekt ist eine Serie mit dem Titel „Liebe rückwärts“. Der Liebesroman spielt in den Neunzigerjahren, und ich bringe mich mit Musik von Snap! und Kool & The Gang in die richtige Stimmung.

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Ach, da würde ich gerne Dinge sagen, die mir wirklich wichtig sind – dafür brauche ich weniger als 100 Worte: Seid nett und friedlich zueinander. Achtet auf euch, eure Kinder und die Umwelt. Und kauft bitte meine Bücher.

Kirsten, ganz herzlichen Dank für deine offenen und ehrlichen Antworten. Ich wünsche dir noch viele gute Ideen, mit denen du das Leben deiner Leserinnen und Leser bereichern kannst.

Wer mehr über Kirsten und ihre Bücher erfahren möchte, kann sie gerne auf ihrer Homepage kirstenwendt.de besuchen.