Home » Indie-Lounge

[Indie-Lounge]: “Wie man in die Top 10 kommt, entscheidet allein der Leser” – Hanni Münzer im Interview

1 Jul 2013 Klaus Seibel 6 Kommentare

Indie-Lounge lädt die besten Indie-Autoren ein. Erfolgreiche, bekannte und besondere Self-Publisher erzählen von sich, geben Tipps für Autorenkollegen und machen Lust auf ihre Bücher. (Kontaktadresse für Vorschläge & Anregungen: klaus.seibel[at]indie-lounge.net)
Volker Ferkau Nika Lubitsch Hanni Münzer Michael Meisheit Cathy McAllister Matthias Matting Sarah Saxx Poppy J. Anderson Monika-Dennerlein


Heute zu Gast in der Indie-Lounge: Erfolgsautorin Hanni Münzer. Ihre „Seelenfischer“ führten wochenlang die Kindle-Charts an und zeitweise belegte „Das Hexenkreuz“ direkt dahinter Platz 2. Ein toller Erfolg, der sie selbst und sicher auch manche andere staunen lässt. Hannis Thriller sind mit einem Schuss Liebe und einer Prise Humor gewürzt, und da sich die Autorin als „italophil“ bezeichnet, ist es kein Wunder, dass ihr erster Roman vorwiegend Rom zum Schauplatz hat. Das kommt bei ihren Lesern so gut an, dass ihre Download-Zahlen der 100.000er-Marke entgegenstreben. Band 1 und 2 der als Trilogie angelegten “Seelenfischer”-Reihe gibt’s via Amazon auch als Taschenbuch.


“Die Idee kommt, wenn sie es will”


Klaus Seibel: Hanni, ist dieser großartige Erfolg ein Grund, stolz zu sein?

Hanni Münzer: Stolz auf den Erfolg passt in dem Zusammenhang für mich eigentlich nicht. Ich staune. Der einzige Stolz, dem ich fröne, ist Mutterstolz. Stolz bin ich auf meinen Sohn und meine Tochter, nicht nur wegen ihrer Leistungen, sondern besonders, weil sich beide zu ganz tollen und wertvollen Menschen entwickelt haben. Das musste ich an dieser Stelle loswerden. Die lesen das.

Wie hast du dich gefühlt, als du dein Buch zum ersten Mal auf Platz 1 gesehen hast?

Weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur an fürchterliche Kopfschmerzen erinnern. Wir haben Platz 2 gefeiert und ich hatte einen Kater.

Wie kommst du auf deine Ideen?

Es liegt in der Natur der Idee, dass sie kommt, wenn sie will und nicht wenn ich es will. Popp, da ist sie. Es kann ein Satz sein, den ich irgendwo höre oder lese und den ich in Gedanken weiterführe, á la, was wäre wenn? Oder ich sehe einen Film und denke, das würde ich anders machen. Mein Mann guckt nicht gerne mit mir Filme, das heißt, ich habe inzwischen Redeverbot („Halt die Klappe, Hanni!“). Das kommt daher, weil ich vorlaut bin und gerne mein Wissen teile. Meist weiß ich schon im Voraus, was in der nächsten Szene passiert oder wer der Täter ist.

Schreibst du eher intuitiv oder nach einem klaren Konzept?

Am Anfang steht das Konzept, am Ende steht das Chaos. Dann überschlagen sich oft die Ideen. Dann bin ich mitten in der Geschichte, eine Art Schreibtrance, da kriege ich nichts anderes mehr mit. Da könnte mich eine Bombe wegpusten.

Wie viel Zeit investierst du etwa pro Woche in Schreiben, in Marketing, Pflege deines Netzwerks?

Ausgehend vom Tagespensum: Buch 70 Prozent, der Rest 20 Prozent. 10 Prozent kostet mich die Technik hier im katholischen Outback, wo ich lebe. Oft komme ich nicht ins Netz, Mails gehen nicht raus, das Telefon spinnt. Das passiert immer bei schlechtem Wetter. Wir hatten in letzter Zeit oft schlechtes Wetter… Dann fluche ich. Die Hölle ist mir sicher.


“Im Träumen bin ich Großmeisterin”


Was motiviert dich zum Schreiben?

Die Frage ist falsch gestellt, lieber Klaus. Da könntest du mich auch fragen, was motiviert einen zum Essen, Schlafen oder Lieben? Schreiben ist für mich ebenso eine Notwendigkeit. Es ist eine Art geistige Inkontinenz. Es muss raus fließen.

Folgst du mit deiner Tätigkeit als Autorin einem großen Plan? Ist es „nur“ ein schönes Hobby? Hast du ein Ziel oder einen Traum?

Im Planen bin ich eine Niete, im Träumen ein Großmeister. Mein bisheriger beruflicher Werdegang war nie langweilig. Neben Sport, um die Life-Balance (tolles Wort) zu halten, habe ich angefangen zu schreiben. Neben Lesen, meiner zweiten Leidenschaft, habe ich früher Gedichte oder hier und da eine Laudatio für Freunde oder Familie gefertigt. 1999 habe ich mich dann erstmalig an ein ganzes Buch gewagt. Berühmt-berüchtigt war ich in meiner Ex-Firma für meine „Harald-Schmidt/Herbert-Feuerstein“ Mails. Da habe ich es manchmal krachen lassen. Meine Kollegen haben einiges konserviert und manches davon ist später in meinem Abschieds-Memory Buch wieder aufgetaucht. Auweia. Alles was man schreibt, lebt für immer.

Was hat sich in deinem Leben durch das Schreiben/deinen Erfolg verändert?

Es war vorher schon spannend und ist es geblieben. Da ich seit Februar von Zuhause aus arbeite, hat sich für meinen Mann mehr geändert. Er sieht mich jetzt öfter. Ich weiß aber nicht, ob er das so gut findet. Ich frage lieber gar nicht erst nach.

Wie schafft man es, in die Top 100 oder sogar in die Top 10 zu kommen? Welche Faktoren sind deiner Meinung nach für deinen Erfolg wichtig gewesen?

Das sind jetzt wieder zwei Fragen, Klaus, die ich auseinander klamüsern muss:
Erste Frage: Wie man in die Top 100/Top 10 kommt, entscheidet allein der Leser. Niemand sonst. Das ist meine Überzeugung. Freilich, die Geschichte muss fesselnd und gut erzählt sein, das Cover muss ansprechend sein und zum Thema passen. Auch die Kurzbeschreibung ist wichtig. Sie muss das Thema in wenigen Worten prägnant und spannend rüberbringen. Aber da erzähle ich nichts Neues. Das ist Handwerk. Zweite Frage: Den Erfolg von „Die Seelenfischer“ kann ich mir selbst nicht erklären. Die einen Leser schreiben, vergleichbar mit Dan Brown, andere schreiben, es wäre ein Rosamunde Pilcher. Es wird hollywoodreife Action moniert, die nächsten finden es langweilig. Den einen ist es zu viel Erotik (männo, eine Szene), den anderen zu wenig (danke). Also muss es die Mischung aus allem sein, der den Mainstream trifft.


“Nutzt die Kritik der Leser, um besser zu werden”


Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen:

Vor der Veröffentlichung: Lasst nicht nur Freunde oder Bekannte beta-lesen (die sind meist betriebsblind), sondern auch Leute, die euch nicht direkt nahestehen. Seid offen für Kritik! Hört zu! Seid selbstkritisch. Nehmt die Rezensionen ernst, ganz besonders die 1 und 2 Sterne. Kritik ist nicht dazu da, dass man sich über sie ärgert. Nutzt sie, um besser zu werden!

Qualität ist ein großes Thema bei E-Books. Wie sicherst du die Qualität deiner Bücher?

Siehe die vorhergehende Frage. Ich habe mir strenge Kritiker an Bord geholt, die mich auch schon mal besenklopfen. Zum Beispiel gehören jetzt zwei famose Rezensenten zu meinem Leserkreis. Einer davon hat dem „Seelenfischer“ mit zwei Sternen ganz hübsch das Fell über die Schuppen gezogen. Diese Frau musste ich haben! Die redet Tacheles mit mir. Sehr gut.

Was hat dir geholfen, im Schreiben besser zu werden?

Oje, Klaus, das könnte jetzt peinlich werden. Ehrliche Antwort: Nichts! Keine Kurse, keine Ratgeber, keine Internetforen. Aber ich lerne mit Freuden von meinen Lesern. Jeden Tag. Ich bin ein Autoren-Lehrling, die Leser sind meine Meister.

Du bist unabhängige Selfpublisherin. Was findest du besonders gut dabei? Was stört dich?

Ich finde daran alles gut und stören tut mich gar nichts. Selbständigkeit erfordert vor allem auch Selbstdisziplin. Ohne geht es nicht. Man ist von A-Z für alles selbst verantwortlich und allein-verpflichtet. Darüberhinaus sind Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ein hohes Gut, vor allem, wenn man eine Frau ist. Es gibt Länder auf dieser Welt, da sieht es ganz anders aus. Vor allem verschnupft mich, dass, wenn es um die Rechte, bzw. Nicht-Rechte der Frauen geht, sich plötzlich alle drei monotheistischen Großreligionen verdächtig einig sind. Sonst nicht. Ah, ich sehe, Klaus wedelt mit den Armen („Halt die Klappe, Hanni!“). Schon gut, ich zügele mich…

Stimmt gar nicht. Ich liebe ungezügelte Antworten
Was könnte dir die Arbeit als Selfpublisher erleichtern?

Dass meine Region endlich auch die Segnungen von DSL entdeckt und ich nicht länger mit einer schwankenden Mobilfunk-Antenne auf meinem Fensterbrett leben muss. Es ist mir nicht möglich, ein Mobi-Format bei KDP hochzuladen. HTML ist das höchste der Gefühle. Ansonsten alles gut. Fällt dir was ein, Klaus?


“Holzbuch sorgt immer noch für 90 Prozent Verbreitung”


Das verrate ich ein andermal . Jetzt gehört der Tag dir.
Ein Verlag nimmt einem Autor viel Arbeit ab, verspricht bessere Qualität und eine größere Verbreitung. Könnte dich ein Verlag locken und womit (außer mit vielen Millionen ?

Sagen wir mal so: Die größere Verbreitung ist das Argument schlechthin. Jeder Autor will gelesen werden. Als Selfpublisher schöpft man bei Amazon höchstens 10-15% der Möglichkeiten ab. Der Rest ist immer noch Holzbuch. Aber zur Qualität habe ich eine feine Anekdote. Als ich 2002 die “Seelenfischer“ zum ersten Mal Verlagen angeboten habe, tendierte die Resonanz fast zu null. Zwei Antworten verdienen Erwähnung: In dem einen Anschreiben wurde ich mit Herr Münzer angeredet. O.k., kann ja mal passieren, aber im Betreff stand: Ihr Buch „Der Seelenfisch“. Fisch! Also, das hat mir dann schon gestunken … Dem zweiten Rückschreiben lag ein tolles Exposé bei. Leider war es nicht meines. „Der verlorene Bruder.“ Ich habe es dann mit einer kurzen Erklärung zurück an den Verlag gesandt. Prompt, drei Monate später, kam es wieder zurück: „Leider passt Ihr Buch nicht in unser Verlagsprogramm …“ Doppelte Ablehnung. Armer Bruder. Falls der Verfasser von „Der verlorene Bruder“ dies liest, weiß er jetzt immerhin, was 2002 aus seinem Exposé geworden ist. Der Bruder ging verloren …

Wenn dich ein neuer Leser kennen lernen möchte, welches deiner Bücher würdest du ihm als Start in deine Bücherwelt empfehlen?

Band 1 der Trilogie: „Die Seelenfischer“(Fischer nicht Fisch!)

Deine bisherigen Leser warten schon auf Nachschub. Worauf können sie sich freuen? Was ist dein nächstes Projekt?

Band 3 der „SEELENFISCHER-Trilogie“, „Die Akte Rosenthal“ ist fertig und erscheint am 30.08.2013. Vor Weihnachten kommen noch drei weitere Bücher, ein Roman, der die Geschichte der mutigen Widerstandskämpferinnen im 2. Weltkrieg erzählt, das ist mein Lieblingsprojekt, dann ein Thriller mit Amore, der wieder in Italien spielt und ein Fantasy-Buch unter Pseudonym. Ich war fleißig

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Bei jenen, die meine Bücher schon gelesen haben, möchte ich mich von Herzen bedanken. Und ich freue mich über jeden künftigen Leser, der mir seine Meinung mitteilt. Die Meinung meiner Leser ist für mich essentiell. Der Leser hat das Wort!

Hanni, ich danke dir herzlich für deine Antworten. Mit deiner erfrischenden Art wirst du sicher noch viele Leser begeistern – und vor Weihnachten gibt es ja noch einiges, worauf man sich von dir freuen kann. Wer mehr über Hanni Münzer wissen will, kann sie gerne auf ihrer Webseite www.hannimuenzer.de besuchen.

6 Kommentare »

  • Michael Meisheit schrieb:

    Sehr sympathisch. Ich musste viel nicken und viel schmunzeln. Danke für das Interview!

  • Nika Lubitsch schrieb:

    Absolut professionell und dann auch noch so sympathisch. Vielen Dank für das schöne Interview! Besonders gut fand ich die Geschichte mit den unverlangt eingesandten Manuskripten. Man merkt, dass man nicht allein ist auf dieser Welt, sondern ein tausendfaches Autorenschicksal teilt. Ich freue mich über den Riesenerfolg von Hanni Münzer. Er ist absolut verdient, denn sie schreibt toll! Allerdings – ein Frage hätte ich dann noch. Hanni – vier Bücher noch dieses Jahr? Wie machst Du das????? Brauchst Du keinen Schlaf?

  • Hanni Münzer schrieb:

    Lieber Michael!

    Herzlichen Dank für Deine netten Worte! Dir und Deiner weiblichen Seite, Vanessa, wünsche ich weiterhin einen außerirdischen Erfolg!

    Fröhliche Grüße sendet Dir Hanni

  • Hanni Münzer schrieb:

    Liebe Nika!

    Sapperlot, ich habe mich gerade sehr über Deinen Kommentar gefreut. Danke schön! Ich muss das Kompliment zurückspielen, liebe Nika, “Der siebte Tag” hat mir saugut gefallen. Mehr Deiner Werke habe ich noch nicht geschafft, derzeit schlage ich mich mit Rechercheschinken aller Art herum. Ja, freilich haben die meisten Indies Verlags-Anekdoten in petto. Da merkt man halt, dass man als unbekannter Autor am Ende der Nahrungsmittelkette steht. Wir sind die Maus, der Käfer und der Wurm. Mein Mann hat Deinen Beitrag übrigens auch gelesen und sich sofort mit Dir solidarisch erklärt. “Vier Bücher, Du spinnst, Hanni!” Yep. Das kommt daher, weil ich eigentlich ein fauler Mensch bin, der gerade zufällig etwas mehr arbeiten muss. Nächstes Jahr will ich dann meine Faulheit ausleben.
    Liebe Nika, ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg, Inspiration, Optimismus und Gesundheit. Ich freue mich schon auf Dein nächstes Buch. Fröhliche Grüße sendet Dir Hanni

  • Manuela Tengler schrieb:

    Wow! Ein Interview, das mir als Leserin und als Qindie-Selbpublisherin unter die Haut geht. Ich kann vieles 1:1 übernehmen und denke, da tickt jemand wie ich: Schreiben geht nur mit Haut und Seele. Von daher kann ich den großen Output verstehen und wünsche Hanni weiterhin viel, viel Erfolg. Die Verkaufszahlen sind natürlich klasse und absolut verdient, denn – ja, das ist das Schöne beim Selbpublishing. Der Leser entscheidet. Kein Lektor, der sich dem bereits feststehenden Programm unterwerfen muss, kein Verlag, der in erster Linie die knallharten Zahlen im Blick hat, sondern schlicht und ergreifend derjenige, für den wir letztendlich ja schreiben.

    Ich wünsch mir, dass der Online-Betrieb bald superschnell wird. Ist ja die Hölle, wenn man arbeitstechnisch online aktiv sein muss und an solchen Umständen scheitert. Meine Deathlines wären ernsthaft gefährdet, wenn ich nicht zu 99,99 % jederzeit online gehen könnte. Horrorvorstellung!

    Alles Liebe und danke für dieses motivierende Interview! Weiter auf Vollgas!

  • Hanni Münzer schrieb:

    Liebe Manuela!

    Dito Wow! Dein Beitrag motiviert mich ungemein, denn nicht nur die Anerkennung von Lesern zu erhalten, sondern auch von Kollegen wie Dir, Nika und Michael, das ist Gänsehaut pur. Es stimmt, ich bin eine Getriebene. Meine Geschichten sind wie kleine Vampire, sie saugen alles aus mir heraus, bis sie sich in Buchstaben verwandeln. Heißt es darum Herzblut?
    So wie Nika schreibt, dass Selfpublishing die ideale Form des Schriftstellerdaseins ist, kann man es nicht besser ausdrücken. Auch wenn mein Internet oft an Prostata leidet, so bin ich dem Erfinder des Internets (leider war es das Militär) doch dankbar, dass es erfunden wurde. Es hat den Weg in eine neue Ära des Verlegens geöffnet: Der Leser entscheidet!
    Liebe Manuela, ich danke Dir sehr für Deine guten Wünsche, die ich Dir zu 200% zurücksende. Dazu eintausend Kokosnussküsse unter der Seufzerbrücke, mit viel Nebel über dem Canale Grande, damit Euch die Schreiberin des Dogen nicht erwischt.
    Alles Liebe auch für Dich weiterhin und natürlich, Vollgas!