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[Indie-Lounge extra] „24 Autoren – 24 Stunden“ startet – Interview mit Michael Meisheit

12 Mrz 2015

24stunden-24autoren-leipziger-buchmesseHeute wurde auf der Leipziger Buchmesse das Ergebnis eines literarischen Experiments vorgestellt: „24 Stunden – 24 Autoren“. Der Titel dieses Buchs ist Programm: Vierundzwanzig der erfolgreichsten unabhängigen Autorinnen und Autoren haben sich zusammengefunden und in Eigenregie ihre Figuren, ihr Können und ihre Ideen zu einem Feuerwerk an spannenden, witzigen oder gefühlvollen Geschichten verbunden. Maßgeblichen Anteil an der Realisierung hatte Michael Meisheit, bekannt als Drehbuchautor der Lindenstraße und als erfolgreicher Buchautor unter dem Pseudonym Vanessa Mansini.

Klaus Seibel: Michael, wie ist die ausgefallene Idee zu einem gemeinsamen Buch entstanden?

Michael Meisheit: Sie lag in der Luft. Durch die letztjährigen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt haben sich eine ganze Reihe von Autoren persönlich kennengelernt und auch angefreundet. Über Facebook stehen wir im regelmäßigen Austausch und dass man „mal etwas zusammen machen müsste“, geisterte immer wieder durch die Runden. Im Sommer letzten Jahres hatte ich bereits die Idee von den 24 Stunden eingebracht, die direkt gut ankam. Nach der Buchmesse in Frankfurt haben wir dann Nägel mit Köpfen gemacht.

Bücher, in die mehrere Autoren eine kurze Geschichte einbringen, also Anthologien, gibt es häufig. „24 Stunden – 24 Autoren“ ist anders, ein echtes literarisches Experiment. Was ist der besondere Kick?

Zweierlei ist sehr ungewöhnlich und in meinen Augen so noch nicht da gewesen: Erstens hat jeder Autor seine bekannten Hauptfiguren aus anderen Werken mitgebracht, also existierende fiktionale Charaktere, die den Lesern vertraut sind und teilweise schon über viele Romane hinweg eine komplexe Persönlichkeit entwickelt haben. Dadurch lag es nahe, als Setting ein Hotel zu wählen, in dem all diese Figuren aus den unterschiedlichsten Gründen auftauchen konnten. Und der zweite Clou war: Jeder sollte in „seinem“ Genre schreiben, in dem Stil, den er und auch seine Leser gewohnt sind. So mixen wir in unserem Roman also Krimi mit Liebesroman, Fantasy mit Thriller, Science Fiction mit Humor. Wir wechseln auch munter bei der Erzählperspektive oder sogar in der Zeitform. Dadurch wird jedes Kapitel – auch wenn es sich in ein großes Ganzes einfügt – tatsächlich ein wiedererkennbares Werk des entsprechenden Autors.

Die Auswahl der Autoren war kein Zufall. Welche Kriterien gab es?

Abgesehen davon, dass wir eine gewisse Vielfalt an Genres und Autorenpersönlichkeiten haben wollten, gab es vor allem ein Kriterium: Es sollten erfahrene Selfpublisher sein, die mit ihren bisherigen Büchern bereits viele Leser gefunden hatten. Es ist kein Autor dabei, der nicht schon mit einem Buch in den Top 100 der Kindle-Charts gewesen ist. Viele sind sehr erfolgreiche Bestsellerautoren. Wir haben einmal zusammengerechnet, was jeder so bisher in seiner Karriere verkauft hat, und sind auf über sechs Millionen Bücher gekommen.

Vierundzwanzig erfolgreiche Selfpublisher, die bewusst unabhängig und oft auch Individualisten sind; sie kennen sich teilweise nur über Internet; sie schreiben normalerweise Bücher, die genauso verschieden sind wie die Autoren; und dann haben sie bloß zwei Monate Zeit. Aus diesen Zutaten ein gemeinsames Buch zu machen, klingt utopisch. Du hast die Sache in die Hand genommen. Was waren deine größten Herausforderungen?

Man wird es kaum glauben, aber die eher technischen Fragen waren weit schwieriger zu lösen als die inhaltliche Arbeit. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir jedem Autor größtmögliche Freiheit in seinem Kapitel gegeben haben. Jeder hatte eine Vorgabe in Bezug auf den roten Faden, aber was er daraus gemacht hat, wurde akzeptiert, wie es war. Es gab ein externes Lektorat und natürlich auch hier und da Vorschläge, etwas anders zu machen, aber niemand wurde gedrängt, dies auch umzusetzen – so lange die große Geschichte nicht fehlerhaft wurde. Und gerade, was die Abstimmung zwischen den Kapiteln anging, waren alle sehr eifrig und hatten erkennbar Spaß daran, noch einmal Figuren der anderen bei sich auftauchen zu lassen oder ähnliches. Schwieriger war es dann schon, sich auf ein Cover zu einigen, oder in welcher Gesellschaftsform wir das Projekt angehen. Gott sei Dank gibt es in Facebookgruppen aber die Möglichkeit, Abstimmungen abzuhalten – im Zweifel hat dann stets die Mehrheit entschieden.

Was waren die wichtigsten Kriterien für den Erfolg des Projekts?

Ob es ein Erfolg (beim Leser) wird, werden wir ja erst noch sehen. Fürs Gelingen war auf jeden Fall entscheidend, dass wir 24 sehr professionelle Persönlichkeiten zusammengebracht haben, die Deadlines einhalten können, es gewohnt sind, schnell zu reagieren, selbst Aufgaben zu übernehmen und einfach sehr offen sind für Neues. Das ist ja eigentlich die Definition eines erfolgreichen Selfpublishers. Und als jemand, der aus der Arbeit bei Fernsehserien gewohnt ist, mit einem Team von Kreativen zu arbeiten, muss ich sagen, dass es erstaunlich reibungslos geklappt hat, vermeintliche Einzelkämpfer zu einer effektiven Autorengruppen zusammenzuschmieden.

Ein Verlag würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil man das Buch in kein Genre einordnen kann und der Mix abenteuerlich ist. Worauf muss sich der Leser einstellen?

Der Leser kann sich freuen. Wir wussten ja selbst nicht, wie das fertige Buch werden würde, aber haben nun alle einen spannenden Effekt beim Lesen festgestellt, den auch erste Testleser betätigt haben: Der häufige Wechsel der Perspektive und auch der Genres hat einen besonderen Unterhaltungswert, eben weil man denselben Tag immer wieder aus der Sicht anderer Figuren erleben kann, die alle auch noch ihren eigenen Hintergrund mitbringen. Es ist ein sehr kurzweiliges Buch, das für Krimileser auf jeden Fall funktioniert, aber mit Leichtigkeit und Humor auch in andere Welten entführt. Ich selbst habe dabei echt einige Entdeckungen bei Kollegen gemacht und mir gleich ihre anderen Bücher zugelegt …

Parallel zu dem Buch haben die Autoren ein hundertseitiges Messemagazin erstellt und einen großen Stand mit vielfältigem Programm organisiert. Solch eine Leistung war man bisher nur von Verlagen gewohnt. Müssen Verlage jetzt zittern, weil man sich ganz offensichtlich auch ohne sie professionell aufstellen kann?

Zittern vielleicht nicht, aber es findet derzeit ein Paradigmenwechsel statt. Der Autor kann sehr viel mehr selbst machen. Er hat durch „kurze Wege“ und fehlende Bürokratie sogar deutliche Vorteile gegenüber eher schwerfälligen Verlagen. Und erstmals auch die Möglichkeit, jenseits von Vorschüssen und Spiegelbestsellerliste vom Schreiben zu leben – die Autoren des Gemeinschaftsprojektes und des Standes sind allesamt Beispiele dafür. Trotzdem eint auch uns: Wir wollen vor allem schreiben und nicht so sehr mit Messeveranstaltern über die richtigen Parkausweise diskutieren oder einen Crashkurs in Messebau absolvieren. Verlage, die klug genug sind, Autoren auf Augenhöhe mit guten Angeboten (und viel Freiraum) zu begegnen, könnten eigentlich von der derzeitigen Situation eher profitieren. Aber es kommt natürlich immer darauf an, wie offen man für neue Wege ist …

Das gemeinsame Buch wird von Amazon beworben, es gibt sogar eine besondere Veranstaltung. Warum gerade mit Amazon?

Alle am Projekt teilnehmenden Autoren haben hauptsächlich durch Amazon Erfolge feiern können. Es ist also sozusagen der natürliche Lebensraum für dieses Buch. Amazon hat auch heute noch die größte Reichweite bei den für uns so wichtigen eBook-Lesern und vor allem das beste Angebot an Selfpublisher. Die Plattform bietet in Sachen Sichtbarkeit Möglichkeiten, die es sonst nirgendwo gibt. Und Amazon Deutschland pflegt mit uns Autoren eine Zusammenarbeit auf besagter Augenhöhe – es kommen Angebote, die einem wirklich weiterhelfen.

„24 Stunden – 24 Autoren“ ist exklusiv über Amazon zu bekommen, genauso wie viele andere Bücher der beteiligten Autoren. Schade für die Leser, denen Bestseller quasi vorenthalten werden, weil sie einen anderen Reader haben. Ist hier Änderung in Sicht? Was steht einer Änderung im Weg?

Änderung daran ist vor allem dann möglich, wenn andere Anbieter vergleichbar gute Angebote an Selfpublisher machen würden. Aber viele Shops haben nicht einmal Ansprechpartner für unabhängige Autoren geschweige denn, dass man über sie Werbemaßnahmen für die eigenen Bücher bekommen kann. Derzeit ist etwas Bewegung in die Sache gekommen, besonders Apple entwickelt sich interessant und das wird von uns Autoren auch wohlwollend beobachtet oder gar getestet. Denn auch für uns wäre es natürlich toll, wenn es Alternativen zu Amazon gäbe – Konkurrenz belebt das Geschäft.

Eine Gruppe der besten unabhängigen Autoren hat mit ihrem gemeinsamen Buch und dem Stand ein beeindruckendes Zeichen gesetzt. Wie wird es jetzt weitergehen? Was wünschst du dir für die Zukunft?

Erst einmal wünsche ich mir, dass möglichst viele Leserinnen und Leser uns an unserem Stand auf der Leipziger Buchmesse („Lieblingsautoren“, Halle 5, B206) besuchen und mit uns ins Gespräch kommen. Man wird dort auch „24 Stunden – 24 Autoren“ als Taschenbuch erstehen können und mal sehen, wer es schafft, es von allen Autoren signiert zu bekommen. Für die Zukunft hoffe ich, dass es weiterhin eine so schöne und für alle fruchtbare Vernetzung der unabhängigen Autoren gibt – dann sind noch viele, viele spannende Projekte vorstellbar, mit der wir die Buchwelt ein wenig auf den Kopf stellen können …

Michael, einen herzlichen Dank für deine Antworten. Und mögen deine Wünsche in Erfüllung gehen.