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[Indie-Lounge] “Ich bin über eine Kiste voller Glück gestolpert” – Nicholas Vega im Interview

5 Aug 2014 0 Kommentare

Indie-Lounge lädt die besten Indie-Autoren ein. Erfolgreiche, bekannte und besondere Self-Publisher erzählen von sich, geben Tipps für Autorenkollegen und machen Lust auf ihre Bücher. (Kontaktadresse für Vorschläge & Anregungen: klaus.seibel[at]indie-lounge.net)
Volker Ferkau Nika Lubitsch Hanni Münzer Michael Meisheit Cathy McAllister Matthias Matting Sarah Saxx Poppy J. Anderson Monika-Dennerlein


Heute zu Gast in der Indie-Lounge: Nicholas Vega, Preisträger beim Indie-Autor-Preis 2014 auf der Leipziger Buchmesse. Der sympathische Autor schreibt All-Age-Literatur, genauer gesagt phantastische Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, was nicht unbedingt zum Mainstream gehört. Trotzdem hat sein Roman „Der Junge, der Glück brachte“ Rang #1 der Kindle-Charts gestürmt und sehr vielen Lesern glückliche Stunden beschert.


“Die Puzzleteile haben einfach zusammengepasst”


Nicholas, „Der Junge, der Glück brachte“ hat auch dir Glück gebracht. Dieses Buch war dein größter Erfolg. Wie bist du auf die Idee zu diesem Buch gekommen?

Am liebsten würde ich jetzt verkünden, dass es eine göttliche Eingabe war, die mich zum Schreiben des Glücksjungen bewogen hat (so richtig von Engelsstimmen geflüstert), aber nein, in der Regel sitzt mir nämlich so ein kleiner Dämon im Ohr, der ständig sagt: »Schreib doch mal etwas, das die Masse wirklich lesen will.«
Meistens entwickelt sich bei mir ein Plot über einen längeren Zeitraum. In diesem Fall kam der Impuls aber tatsächlich über Nacht. Ich erinnere mich, wie ich abends im Bett lag und plötzlich die Grundidee zur Geschichte da war. Am nächsten Tag habe ich mit dem Plot begonnen und das Exposé geschrieben. Drei Tage später konnte ich bereits mit dem ersten Kapitel anfangen. So schnell geht es bei mir in der Regel nicht.
Wer weiß, am Ende war es vielleicht doch so eine Art himmlische Inspiration.

Wie schafft man es, die Top-Ränge zu erobern? Was hast du getan, um dein Buch bekannt zu machen?

Das Buch ist ein kleines Wunder, weil es so ganz anders ist, als das, was man sonst auf den vorderen Plätzen der Amazon Kindle Charts findet. Je mehr ich über den Erfolg nachdenke, umso weniger kann ich ein Rezept abgeben. Es spielen einfach so viele Faktoren eine Rolle, ich habe eine Menge richtig gemacht, manches davon unbewusst. Die Puzzleteile haben einfach zusammengepasst. Blogger, die mich bis dahin nicht kannten, denen aber das Buch unglaublich gut gefallen hat, hatten sicher einen nicht unerheblichen Anteil am späteren Erfolg.
Das Buch war übrigens kein Selbstläufer vom Start weg. Im Gegenteil, nach dem ersten Tag fiel das Buch weit im Ranking. Ich konnte es mir nicht erklären und war regelrecht ratlos, da selbst mein Debüt am Anfang besser lief. Erst Tage später bekam die Sache eine Eigendynamik, die bei mir jetzt noch für Gänsehaut sorgt, wenn ich daran denke.
Unterm Strich muss man ganz klar sagen, dass ich über eine Kiste voller Glück gestolpert bin.


“Ich bin wie ein Chamäleon – meine Bücher sprechen unterschiedliche Zielgruppen an”


Dann hast du den dritten Preis beim Indie-Autor-Preis 2014 auf der Leipziger Buchmesse gewonnen. Welche Folgen haben solche Erfolge? Haben sich dann Verlage auf dich gestürzt?

Diese Auszeichnung war für mich das i-Tüpfelchen und ich sehe sie als Wertschätzung meiner Arbeit. Eine ausländische Agentur hat mir gleich nach dem Messewochenende zum Preis gratuliert und das Manuskript zum Buch angefordert. Bereits davor gab es mehrere Anfragen und Interessensbekundungen von ausländischen Verlagen und Agenturen, aber niemand braucht jetzt denken, dass ich demnächst Fremdsprachenunterricht nehmen müsste. Der sprichwörtliche Rubel rollt erstmal nicht. Manche Anschreiben sind ein Mix aus Google-Translator-Deutsch und Denglisch (»Wenn es möglich, bieten wir ein lese examplar… Unser post adres stehen unten….«).
Aber einen Fantasy-Autor können Illusionen und falsche Zauber nicht schrecken.
Von deutschen Verlagen kam keine Reaktion, was mich nicht verwundert, da meine damalige Literaturagentur das Manuskript (als der »Der Junge, der Glück brachte« Richtung Top20 marschierte) mehr als zwanzig Verlagen angeboten hat, es aber nur Absagen gab. Meine Bücher passen in keine Schublade, das ist ein K.o.-Kriterium. Ich bin der Agentur übrigens sehr dankbar, denn sie war bereit, ein Risiko mit meinen Storys einzugehen. Das wurde leider nicht belohnt.

Laufen nach solchen Erfolgen die nächsten Bücher wie von selbst?

In meinem Fall nicht. Das liegt sicher auch daran, dass ich wie ein Chamäleon bin. Keine meiner Geschichten ist wie die andere, alle meine Bücher sprechen irgendwo unterschiedliche Zielgruppen an. Das ist ungünstig, wenn man sich einen Autorennamen aufbauen will. Es fällt mir schwer, mich nach den marktbeherrschenden Me Toos zu richten. Dabei müssen Klone nichts Schlechtes sein, im Gegenteil, ein guter Me Too wird von Lesern geliebt und kann einem unbekannten Autor zu einem »kleinen« Ruhm verhelfen. Aber was Genreliteratur angeht, sind meine Bücher eher wenig repräsentativ.

Was würdest du wieder so machen? Und was anders?

Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann und aus Fehlern zu lernen, ist wichtig. Momentan lerne ich, mit dem zufrieden zu sein, was ich erreicht habe. Ganz ehrlich, es gelingt mir nicht sehr gut. Meine Frau meint, wenn ich so weitermache, hätte ich eine äußerst kurze Lebenserwartung …

Du hast noch einen Brotjob. Soll das so bleiben, oder hast du weitergehende Pläne?

Als Vollzeitautor würde ich vor lauter Existenzängsten keinen Monat überleben. Die Million auf dem Konto und das Haus am Strand sind schöne Träume. In der Realität arbeite ich bereits in meinem Traumberuf, bin noch immer glücklich verheiratet und habe zwei gesunde Kinder. Was darüber hinausgeht, ist ein Bonus des Lebens.


“Meine Bücher sollen sich qualitativ nicht von Verlagsbüchern unterscheiden”


Wie viel Zeit investierst du etwa pro Woche in Schreiben, in Marketing, Pflege deines Netzwerks?

Gerade so viel, dass ich keinen Ärger mit meiner Frau und meinem Arbeitgeber bekomme. Entsprechend investiere ich das, was von einer 40-h-Arbeitswoche und vom Familienleben übrig bleibt. Ich bin ein Zauberer, ich kann die Zeit dehnen.

Was motiviert dich, so viel Zeit zu investieren?

Ich schleppe die Schicksale unzähliger Helden mit mir herum, die muss ich alle irgendwann zu Papier bringen. Das hat ein bisschen was von Beichten. Es muss einfach raus. Wer einmal das Wort Ende unter eine Geschichte gesetzt hat, kann das verstehen. Der hinzugekommene Zuspruch meiner Leser stellt dieses Gefühl auf eine neue Ebene. Aber bei aller Leidenschaft für das Schreiben, ich spiele dennoch lieber Fußball mit meinen Jungs.

Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen:

Verschaff dir keine Ausreden! Schreibe jeden Tag mindestens eine Seite. Sollte am Ende nur ein Satz stehen, dann ist das auch okay. Fang nicht wegen Geld mit dem Schreiben an, dann wirst du Spaß haben. Geld kann ein Nebeneffekt des Schreibens sein.

Qualität ist ein großes Thema bei E-Books. Wie sicherst du die Qualität deiner Bücher?

Meine Bücher sollen sich qualitativ nicht von Verlagsbüchern unterscheiden, dafür ackere ich wie bekloppt und gehe finanziell in Vorleistung. Neben einem bezahlten Lektorat überarbeite ich ein Manuskript zuvor in mehreren Durchgängen.


“Die Marktchancen einzuschätzen ist schwierig”


Was hat dir geholfen, im Schreiben besser zu werden?

Ich versuche von denen zu lernen, die wirklich schreiben können.
Zugegeben, das hat die Nebenwirkung, dass man Romane eher analysiert als genießt.
Ganz besonders dankbar bin ich den Mitgliedern meiner ehemaligen Schreib-AG, die meine Texte damals ordentlich durch den literarischen Fleischwolf gedreht haben.
Die Stilfibel und Sol Steins Ratgeber liegen nach wie vor griffbereit auf dem Nachtschränkchen. Vor Jahren habe ich sogar Sol Steins Trainingsprogramme »WritePro Fiction« und »Fiction Master« durchgezogen. Kennt die eigentlich noch jemand?

Was empfindest du als die größte Herausforderung für einen Selfpublisher?

Die Chancen des Marktes richtig einzuschätzen.
Das Heil für alle gibt es nicht. Wer sich auf das Abenteuer Selfpublishing einlässt, sollte das mit Sinn und Verstand tun. In einem Markt, wo nicht immer Inhalte, sondern vor allem Klicks zählen, opfert mancher allzu schnell seine Ehrlichkeit. Auf jede Hanni, jede Poppy, jede Emily kommen Tausende, für die der Markt vor allem Frust und Ernüchterung bereithält. Viele Autoren kämpfen um die wenige Sichtbarkeit. Da nicht zum Arschloch zu werden oder sich zum Kasper zu machen, ist für einige eine echte Herausforderung.
Die gute Nachricht: Erfolge werden nicht gemacht, sie passieren einfach. Auch in Zukunft schaffen es neue Autoren bis ganz nach vorn, weil ihre Bücher den Nerv der Leser treffen. Dahinter kommt immerhin eine ganze Reihe Autoren, die auf der (prozentual kleineren) Gewinnerseite stehen.
Übrigens ist es keine Schande, sich einzugestehen, wenn Selfpublishing nichts für einen ist.

Was könnte dir die Arbeit als Selfpublisher erleichtern?

Noch schaffe ich es, auf jede Leserpost zu antworten.
Okay, vielleicht erfindet ja bald jemand ein Schriftstellerbier mit hochprozentiger Muse.

Ein Verlag nimmt einem Autor viel Arbeit ab, verspricht bessere Qualität und eine größere Verbreitung. Würdest du bei einem neuen Buch einen Verlag vorziehen oder es doch wieder selbst herausbringen? Warum?

Im Kinder-/Jugendbuchbereich halte ich die Vermarktungsmöglichkeiten durch einen Verlag für vorteilhaft. Also ja, falls ein namhafter Jugendbuchverlag anfragt, wäre ich offen für Gespräche. Aber ich glaube, eher gibt Jeff Bezos zu, dass KDP nur eine Übung war …

Wenn dich ein neuer Leser kennen lernen möchte, welches deiner Bücher würdest du ihm als Start in deine Bücherwelt empfehlen?

Wer auf High Fantasy steht und wissen will, was passiert, wenn sich das Böse aufmacht, um das Gute zu besiegen, der liest »Demor – Einfach bösartig«. Wer sich mehr für Young Adult Romantasy interessiert, darf gern in »Glaslügen« reinlesen. Leser, die mit Holzbein und Augenklappe auf die Welt gekommen sind, können in »Piratenland« anheuern und wer tiefsinnige Fantasy, abseits des Mainstreams sucht, greift zu »Der Junge, der Glück brachte«.

Deine bisherigen Leser warten schon auf Nachschub. Worauf können sie sich freuen? Was ist dein nächstes Projekt?

Den Herbst dürfen vor allem diejenigen herbeisehen, denen bereits »Der Junge, der Glück brachte« gefallen hat. Da erscheint im gleichen Stil mein neuer All-Age Roman. Diesmal geht es u.a. um ein Kinderhospiz, das geschlossen werden soll. Selbstverständlich entführe ich den Leser dabei erneut in eine phantastische Welt.

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Lord Demor sagt: »Das mit der Weltherrschaft läuft noch.«
Der Wanderer sagt: »Kann mal jemand diesen Schreiberling stoppen? Aye!«
Käpt´n Bierbart sagt: »Lasst euch das eine Warnung sein: Ich kannte mal einen Kerl, der tatsächlich alle Schmöker von diesem Nicholas Vega gelesen hat. Beim Quallenmann, der arme Leser sah am Ende irgendwie mitgenommen aus!«
Ich sage: »Danke! Ohne euch gäbe es dieses Interview nicht.«

Nicholas, herzlichen Dank für deine offenen Antworten. Wir wünschen dir sehr viel Energie, dass du neben deinem Job noch lange die Zeit zum Schreiben von Geschichten findest, mit denen du deine Leser verzauberst.

Wer mehr über Nicholas Vega und seine phantastische Bücherwelt erfahren möchte, darf ihn gerne auf seiner Homepage Immerheim – Fantasy Books Unchained besuchen.

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