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Im Zeichen des Schmetterlings: J. Vellguth, Der letzte Liebesbrief [Leseprobe]

29 Jun 2018

liebesbrief-introNell wünscht sich nichts sehnlicher, als ihre Tante Bernadette endlich wieder glücklich zu sehen. Als sie bei ihrem Umzug einen versteckten Liebesbrief an Bernadette findet, wittert sie ihre Chance. Voller Elan begibt sie sich auf eine verschlungene Reise in die Vergangenheit. Dabei trifft sie auf den attraktiven Fotografen Sam, der einfach viel zu gut ist, um wahr zu sein: er ist erfolgreich, berühmt und … er hat seine Muse verloren. Erst ein berührender Liebesbrief in den Ruinen eines alten Gebäudes und das Funkeln in den Augen einer ganz besonderen jungen Frau lassen ihn hoffen, dass seine Inspiration noch nicht ganz erloschen ist. Doch je länger er Nell folgt, desto deutlicher wird, dass noch wesentlich mehr hinter ihrer Geschichte steckt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. In ihrem neuen Roman „Der letzte Liebebrief“ entwirft J. Vellguth eine herzergreifende Liebesgeschichte über alte Narben, wahre Schönheit und die Bedeutung von Familie. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


J. Vellguth: Der letzte Liebesbrief

Kapitel 1


Symphony – Clean Bandit, Zara Larsson
Nell blickte durch die Löcher im Maschendraht und betrachtete das ehemals zweistöckige Gebäude dahinter. Staubgrauer Backstein und Stuckreste bröckelten langsam von der maroden Fassade des alten Herrenhauses. Es war im Stil der Jahrhundertwende gebaut, hatte Erker, einen kleinen Turm und Schnörkel schmückten die hohen Fenster.
Würzig-grünes Efeu und Brombeerbüsche fraßen sich die Wände empor und unaufhaltsam auch einen Weg ins Innere des Gebäudes. Samtgoldene Nachmittagssonne legte sich wie eine Decke über das alte Anwesen und sickerte warm durch die Efeuranken auf die Steine.
Über allem hing der schwere, süße Duft von wilden Rosen und Wind rauschte in den Blättern des angrenzenden Waldes. Es musste einmal wunderschön hier gewesen sein. Und auf eine seltsame, zerbrochene Art war es das immer noch.
Sie blinzelte und riss sich von dem Anblick los, schließlich hatte sie eine Mission. Halb vergessene Erinnerungen wollten zu neuem Leben erweckt werden – hoffentlich.
Ein aufregendes Prickeln breitete sich über ihre Arme aus, als sie die Finger durch den Draht steckte und nach oben sah. Leider war der Zaun zu hoch, um darüber zu klettern, aber irgendwie musste sie hineinkommen. Langsam ging sie unter den Bäumen hindurch, immer an dem verzogenen Geflecht aus Draht entlang. Vogelgezwitscher mischte sich unter das Blätterrauschen und begleitete sie auf ihrem Weg zu einem alten, schmiedeeisernen Tor, das sehr wacklig aussah.
»Betreten verboten« stand auf einem gelben Schild, das schräg daran herunterhing. Nell streckte die Hand aus, schob ihre Finger zwischen die Metallstreben und zog daran. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass es nicht verschlossen war. Eine rostige Kette lag im Gras; ein Glied war durchgeknipst und die Schnittstelle blank. Das Metall konnte also noch nicht allzu lange hier liegen.
Einen Moment zögerte Nell. Aber wer auch immer hier gewesen war und die Kette durchtrennt hatte, war sicher schon längst wieder verschwunden. Trotzdem wäre sie vielleicht besser nicht alleine gekommen. Sie blickte nachdenklich zu dem verlassenen Gebäude hinüber. Aber wen hätte sie fragen sollen? Überhaupt, für solche Gedanken war es jetzt zu spät. Sie würde bestimmt nicht unverrichteter Dinge zurückfahren. Entschlossen versuchte Nell, die Tür zu öffnen, aber die blieb im hohen Gras stecken. Sie stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen das alte Tor und schob es schwerfällig über die wuchernden Grasbüschel. Dann zwängte sie sich durch den entstandenen Spalt. Ihr Herz pochte aufgeregt, gleich war es so weit. Sie ging mit schnellen Schritten auf das Gebäude zu. Grillen zirpten, lange Halme schlugen gegen ihre Hände und sie spürte die Kante des alten Briefumschlags in ihrer hinteren Hosentasche. Ob sie überhaupt etwas finden würde?
Gähnend und ein bisschen unheimlich klaffte der Eingang des Gebäudes ihr entgegen. Die riesige, hölzerne Tür war aus der oberen Angel gekippt und stand offen. Wie lange wohl niemand über diese Schwelle getreten war? Also, niemand, der hier wohnte. Ihre Handflächen wurden feucht. Aber Nell fasste sich ein Herz und trat hinein. Goldene Sonnenstrahlen fielen in dicken Säulen durch die scheibenlosen Fenster und in ihrem warmen Licht tanzten winzige, glitzernde Staubkörner. Nells Schuhe knirschten auf den rissigen, schwarzweißen Fliesen. Ein dunkler Graffiti-Schatten mit roten Augen und weit aufgerissenem Maul starrte ihr von der Wand neben der breiten Treppe entgegen. Die Steinstufen führten im Bogen auf eine Galerie und von der Decke hingen die schmucklosen Überreste eines Kronleuchters. Ansonsten war die hohe Eingangshalle völlig leer.
Sie zog den gefalteten Briefumschlag aus ihrer Tasche und betrachtete die Konturen des türkisblauen Schmetterlings, die jemand mit viel Sorgfalt in die untere rechte Ecke gezeichnet hatte. Darin befand sich ein Brief, der nicht an Nell gerichtet war, aber der von Gefühlen erzählte, die sie tief berührten. Zeugnis einer alten Liebe.
Da hörte sie ein leises Schaben und blickte erschrocken auf. In den weiten, verwinkelten Überresten der Ruine kannte das Geräusch keine Richtung, und ihr nächster Schritt hallte unheilvoll durch die neue Stille.
Ein Tier wahrscheinlich … nur ein Tier. Sie war kurz davor Hallo zu rufen. Aber falls wirklich jemand hier sein sollte, war sie sich ziemlich sicher, dass sie denjenigen nicht treffen wollte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das Knistern von Papier zwischen ihren Fingern und auf die Hoffnung, Bernadette ein Stück Glück aus ihrer Vergangenheit wiederzuschenken. Schnell öffnete Nell den Umschlag, ließ den weißen Briefbogen unbeachtet und holte den kleinen, blauen Zettel heraus.
„Eine Bodenklappe, im Hinterhaus.
Und wenn du sie öffnest, dann findest du’s raus.“
Das letzte Wort war durchgestrichen und darunter stand:
„Den zweiten Brief findest du dort natürlich, aber ich bin schlecht im Reimen.“
Im Hinterhaus, das war nicht gerade eine spezifische Angabe. Die Geokoordinaten, die darüber standen, allerdings schon, deshalb war Nell überhaupt hier. Und wegen der sehr deutlichen Worte aus dem beiliegenden ersten Brief.
Nach hinten … Sie blickte sich um. Tatsächlich, unter der Treppe öffnete sich ein schmaler Gang.
Mit zögernden Schritten ging sie auf die Öffnung zu. Bereits zum hundertsten Mal dachte sie darüber nach, dass sie Bernadette vielleicht doch besser von ihrem Plan erzählt hätte. Aber ihre Tante war so steif geworden, als Nell auf der Suche nach Umzugskisten zufällig auf den Schuhkarton mit den Erinnerungsstücken gestoßen war. Und zum Teil konnte Nell ihre Reaktion gut verstehen. Es gab auch Dinge, über die sie lieber nicht sprechen wollte, manche davon standen ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Ja, Bernadette würde ihr ganz schön was erzählen, wenn sie wüsste, dass Nell den Brief einfach eingesteckt hatte. Irgendwo rieselten ein paar Steine herunter und streuten Unbehagen in die Stille. Trotzdem, der Brief – die Vergangenheit war wichtig. Und es war richtig, ihr nachzugehen. Nell war schon lange nicht mehr das kleine Mädchen, das ihre Tante damals bei sich aufgenommen hatte. Ihr war durchaus bewusst, dass auch Bernadette ein Liebesleben hatte – oder haben sollte. Blass huschte eine Erinnerung durch ihren Kopf. Ein fremder Mann vor dem Frühstück in der himmelblauen Küche, der sich in den Kühlschrank beugte. Da war sie noch in die Grundschule gegangen. Das war das einzige Mal, dass sie ihn gesehen hatte.Deshalb war Nell hier. Um ihrer Tante hoffentlich dabei zu helfen, eine alte Liebe wiederzufinden oder wenigstens endlich einen Neuanfang zu wagen und mit der Vergangenheit abzuschließen. Zumindest, falls diese Aktion hier erfolgreich war. Sie wünschte sich so sehr, ihre Tante endlich einmal glücklich zu sehen. Rundum glücklich. Vielleicht gerade, weil Nell selbst das nicht vergönnt war.
Kurzentschlossen trat Nell durch die Öffnung unter der Treppe und ging den schmalen, dunklen Flur entlang. Ein weiteres Schlurfen, das durch das Dämmerlicht stach wie ein Splitter durch dünne Haut. Ein Tier, Nell, es kann nur ein Tier sein. Sie ging leise weiter auf das Ende des Ganges zu. Schummriges Licht und wilde, grüne Ranken reckten sich ihr entgegen. Ein Stöhnen. Nell erstarrte. Ihr Herz klopfte mit harten Schlägen gegen ihr Brustbein, ihr Atem ging flach und ihre ganze Haut begann zu kribbeln.
Sie hätte Elfi mitnehmen sollen. Oder Pfefferspray. Oder einen Baseballschläger. Oder alles drei! Nell war kurz davor, umzudrehen und einfach wegzulaufen. Sie dachte an die frisch durchtrennte Kette.
Ob derjenige doch noch hier war? Was, wenn ein Verrückter im Hinterhaus auf sie wartete? Was, wenn es ein Serienmörder war? Genau. Einer, der nur darauf wartet, dass sich zufällig junge Frauen in ein verlassenes Haus in der Pampa verirren. Du bist doch verrückt. Trotzdem trommelte ihr Herz nur noch schneller. Und was, wenn jemand verletzt ist? Ein leises, unregelmäßiges Klicken zerhackte die Stille
in winzige Stückchen. Sie ging ein paar langsame Schritte auf den Durchgang zu, während ihr Herz aus ihrer Brust herauszuspringen drohte. Dabei holte sie ihr Handy aus der Tasche und suchte nach Elfis Nummer. Wenn sie schon hier reinging, dann nicht alleine.
»Tiefer«, hörte sie plötzlich eine dunkle Stimme und das Prickeln auf ihrer Haut wurde zu einer ausgewachsenen Gänsehaut. Tiefer?
»Noch ein Stück.«
Nell blinzelte, ihr Atem wurde noch flacher und sie machte einen weiteren Schritt.
»Häng dich richtig rein. Ich will deine Muskeln sehen.«
Noch ein heftiges Stöhnen. Dann eine gepresste, andere Stimme.
»Ich kann gleich nicht mehr.«
In was zum Teufel war sie da hineingeraten? Eine Orgie? Sadomaso? Fetisch-Party?
»Guck nicht so verkniffen. Dann sind wir gleich fertig.«
Nell sollte gehen. Das wäre vernünftig. Einfach umdrehen und abhauen. Das wäre schlau. Aber es fehlte nur noch ein einziger Schritt. Sie drückte sich an die Wand, hielt kurz den Atem an und blickte vorsichtig um die Ecke.

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Autorin & Copyright: J. Vellguth

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