„I’m watching you“, sagte der Fernseher: Ein Besuch beim Teletext-Art-Festival

Gestern abend habe ich eine exklusive Ausstellung besucht – ohne die Wohnung verlassen zu müssen. Denn die Bilder von namhaften Techno-Künstlern wie Goto80, Max Capacity oder Ubermorgen konnte ich auf dem Bildschirm betrachten. Wer jetzt an PC & Internet denkt, liegt aber falsch. Die Daten gelangten via Austastlücke direkt auf einen klassischen Sony Trinitron-Fernseher (vielen Dank an @armesgespenst für die technische Unterstützung) – und statt Tastatur oder Maus zu nutzen, habe ich mich mit der Fernsteuerung von Tafel zu Tafel gezappt. Genau so ist es beim „Internationalen Teletext Art Festival“ nämlich vorgesehen: das in diesem Jahr zum zweiten Mal staffindende Event nutzt das seit den 80er Jahren bewährte Informationsmedium Videotext – insgesamt 16 Künsterlnnen stellen ab Tafel 850 ihre Werke aus.

24 Zeilen, 40 Spalten, 6 Farben

Lange Zeit eher belächelt, gehört der pixelige Bildschirmtext mittlerweile zu einem technologischen Retro-Reservat, das auf viele Künstler einen ganz besonderen Reiz ausübt. Schon per definitionem ist auf dem Fernseher nur Minimal Art möglich: 24 Zeilen, 40 Spalten, 6 Farben plus schwarz und weiß. Der pixelige Text auf der Mattscheibe darf als Mutter des elektronischen Lesens gelten – denn schon bevor die ersten Computer in die deutschen Haushalte gelangten, gab es auf dem Röhrenbildschirm „zwischen den Zeilen“ flimmernde Lektüre von Kurznachrichten und Programmhinweisen bis zu Kochrezepten. Aber Videotext kann noch ein bisschen mehr als konkrete Poesie: Zur Verfügung stehen nicht nur Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen, sondern auch klobige Grafikelemente. Zudem sind durch spezielle Steuerzeichen Blink-Effekte möglich.

„You’d better run“

Doch gleich mit der ersten Serie „I’m watching you“ beweist die Hamburger Multimedia-Künstlerin Cordula Ditz, das man gar nicht mehr als Buchstaben braucht: „Don’t look now“, steht weiß auf dem schwarzen Bildschirm, gefolgt von einem blinkenden Cursor. Dann füllt sich der Screen mit einer endlosen Folge des immer gleichen Satzes „I want you empty“ – und wird, Befehl ist Befehl, komplett gelöscht. Es folgt der ebenso lapidare wie unheimliche Satz: „I’m watching you“. Erst einmal in weiß, dann ein Dutzend mal in rot. Am Ende liest man den Hinweis: „You’d better run“. Und wieder blinkt der Cursor. Spooky. Erst recht, wenn man bedenkt, das es unter diesem Namen auch eine Video-Installation der Künstlerin gibt, die mit Versatzstücken aus klassischen Horrorfilmen arbeitet.

Dem Paparazzi-Kult auf der Spur

Die Berliner Foto-Künstlerin Kathrin Günter dagegen reizt die visuellen Möglichkeiten des Videotexts voll aus – sie präsentiert mit „Lindsay Lohan’s Mug Shot Cabinet“ pixelige Schwarzweiß-Grafiken, die scheinbar Polizeifotos von Stars und Sternchen darstellen, erwischt bei Verkehrsunfällen, Drogenmissbrauch oder Körperverletzung. Durch Ortsangaben wie „Santa Monica Police Department“ oder „LA County’s Sherrifs Department“ lässt sich die skurrile Galerie auch räumlich verorten. Eine clevere Fortsetzung von Günters Projekt „Star Shots“, das sich seit den 90er Jahren mit der Paparazzi-Fotografie auseinandersetzt.

8-Bit Fetisch

So richtig schwelgen kann man auch in den cyberpunkigen Bildtafeln des in Silicon Valley beheimateten Video/gif-Artis Max Capacity – „Capacity leidet an einem schweren, aber gut dokumentierten Fall von Daten-Sucht, sowie an einem Fetisch für veraltete Medien und Elektronik“, heißt es im Videotext-Kommentar. Da könnte was dran sein – die schreiend gelb-grüne Optik von pixeligen Gehirnen, einem lauernden Geier und Marvelcomic-artigen Anzugträgern scheint jedenfalls direkt zurückzuführen in die Welt von 8-Bit-Grafikadventures der Atari- und Commodore-Ära.

Breaking News mit Pointe

Wieder deutlich minimalistischer liebt es der schweizer Netzwerk-Künstler Marc Lee – seine Teletext-Serie „Breaking News“ nimmt mit einfachsten Mitteln das Hyperaktualitäts-Syndrom der modernen Massenmedien auf’s Korn. „Live“, wird am rechten oberen Rand des Bildschirms eingeblendet, in der Mitte blinkt rot umrandet der Hinweis: „Breaking News“. Dann folgt jedoch eine Nachricht, die gar keinen Nachrichtenwert hat: „Im Sommer ist es warm“, meldet die Teletext-Tafel. Und schon wird die nächste Breaking-News angekündigt. Die hat es dann wirklich in sich: Naja, lasst euch überraschen.

„Clop clop clop clop clop clop“

Final zugetextet wird der Fernsehzuschauer von den Youtube-Comments der internationalen Künstlergruppe Ubermorgen, die bei der ITAF den Rausschmeisser-Job übernimmt. Sie landete nämlich im Ausstellungs-Parcours auf Platz 16 von 16. Aber eigentlich hat das Trio das beste draus gemacht – vor allem, wenn man bedenkt, dass sie die Teilnahme spontan zugesagt haben: „Erst viel später hab ich dann über die ganzen Verbote (keine Pornographie, obwohl das ja das beste ist im Teletext), keine Werbung (Shit, das waer das zweitbeste) und sie können alles zensurieren wenns ihnen – den Veranstaltern – nicht passt, gelesen. Shit dachte ich mir, aber da war es schon zu spät“, so einer der drei im Interview. Statt über komplexe Grafiken nachzudenken, suchte Ubermorgen dann ganz einfach auf Youtube-Foren zu Serien wie “Monster High”, “Die Schule der kleinen Vampire” oder „My little Pony“ nach brauchbarem Rohtext-Material. „Clop clop clop clop clop clop“.

Wer gar keinen Fernseher mehr besitzen sollte, nicht mal als geliehenen Third Screen, muss übrigens nicht in die Röhre schauen: denn auf http://www.ard-text.de kann man sich die ITAF-Expo auch als WWW-Version en Miniature anschauen. Etwas besser – nämlich inklusive aller Blink-Effekte – scheint mir aber die Bildwiedergabe auf der offiziellen Ausstellungs-Homepage www.teletextart.com zu funktionieren. Zudem gibt’s auch eine Live-Version im ARD-Hauptstadtstudio in der Wilhelmstraße 67a in Berlin-Mitte. Bildschirme haben sie dort ja noch genug vorrätig…

Abb.: Cordula Ditz, „You’d better run“, Kathrin Günter, „Lindsay Lohan’s Mug Shot Cabinet“, Max Capacity „Brain“, „Vulture“, „CityX2“

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".