Im Mahlstrom der Zeichensetzung: Roman-Klassiker, reduziert auf Punkt, Komma & Co.

mahlstrom-der-zeichensetzungDer Weg vom Daten-Journalismus zum einrahmbaren Daten-Feuilleton ist nicht weit: schließlich liegen dank Project Gutenberg & Co. viele klassische literarische Texte ja ohnehin längst frei zugänglich in elektronischer Form vor, man muss also nur noch die richtigen Algorithmen auf die digitalen Letternwüsten loslassen. Auf diese Weise werden nicht nur individuelle Strukturen sichtbar, sondern auch visuelle Vergleiche zwischen einzelnen Texten erleichtert.

Buchstaben, Zahlen, Leerzeichen: alles muss raus

Wie das gehen kann, führt sehr anschaulich der in Chicago lebende Designer Nicholas Rougeux vor: er hat eine Poster-Serie namens „Between the Words“ veröffentlicht, auf der man klassische Romane in ungewohnter Form vor Augen hat – nämlich reduziert auf die Interpunktion, angeordnet in einer von außen nach innen verlaufenden Spirale. Neben Buchstaben wurden auch Zahlen, Leerzeichen und Absätze entfernt. Zu den solchermaßen entstandenen Text-Galaxien im Posterformat gehören mittlerweile Moby Dick, Huckleberry Finn, Peter Pan oder The Christmas Carol.

Vorbild: „Writing without Words“

Das Vorbild dafür lieferte wiederum ein Visualisierungs-Projekt der Londoner Künstlerin Stefanie Posavec („Writing without Words“), die klassischen Texten mit bunten Flowcharts, Balken- und Baumdiagrammen zu Leibe rückt: „Nachdem ich mit ein paar eigenen Ideen experimentiert hatte, kam ich am Ende per Zufall darauf, in einigen Texten alle Buchstaben zu entfernen, und es zeigte sich, das die übrig bleibende Interpunktion tatsächlich eigene Aussagekraft hat“, so Rougeux.

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Typografischer Fingerabdruck des Autors

Sehr einfach lässt sich nicht nur die vom Autor bevorzugte Satzlänge feststellen, sondern auch das Verhältnis von direkter und indirekter Rede, und manche Marotten wirken wie ein typografischer Fingerabdruck: etwa Melvilles Vorliebe für lange Gedankenstriche in Moby Dick, Lewis Carrols Ausrufezeichen-Kaskaden in Alice im Wunderland, J.M. Barries atemelose Erzähl-Parataxe in Peter Pan, und, ganz neu dabei, die Klammer- und Schrägstrich-Manie von James Joyce in Ulysses.

Übrigens: ab 20 Euro kann man die Interpunktions-Spiralen in verschiedensten Posterformaten auch käuflich erwerben – und zwar über den deutschen Online-Shop von Zazzle (Suchwort: Zwischen den Wörtern + Romantitel).

(via FastCoDesign)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".