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Im Labyrinth der Psyche lauert der Dämon: Ilona Bulazel, Der Sündenfänger [Leseprobe]

19 Dez 2017

suendenfaenger-intro-artikelseite„Und nehmt euch in Acht vor der Schlange, denn sie ist tückisch…“: Einem alten Mann wird die Zunge herausgerissen, eine junge Frau stirbt, weil man sie zu Tode gesteinigt hat. Doch diese beiden Opfer sind erst der Anfang einer grauenvollen Mordserie. Hauptkommissar Jens Stutter und seiner Kollegin Jasmin Nau wird rasch klar, dass der Täter mit seinen brutalen Inszenierungen biblische Szenen nachstellt. Doch wie kann man ihn aufhalten? Welche Rolle spielt die psychiatrische Klinik, in der auch die junge Erbin Bellinda Merlhof bis vor kurzem noch Patientin war und um deren Sicherheit die Beamten fürchten? Und was verheimlicht Stutters alter Freund, der in den Fokus der Ermittler gerät? Das Ermittlerteam trifft in Ilona Bulazels neuem Thriller „Der Sündenfänger“ auf einen gefährlichen Gegner, der jede Grenze überschreitet, um dem Dämon tief in seinem Inneren weitere Menschen zu opfern. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Ilona Bulazel, Der Sündenfänger

Kapitel 1


Die gefesselte Gestalt betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen. Ihr dünner, ausgemergelter Körper war fast nackt. Lediglich ein zerrissenes T-Shirt hatte man ihr gelassen. Sie saß in einem Käfig und glich einem verängstigten Tier. Zusammengekauert, Hände und Füße fixiert und ein Knebel im Mund. Ihre weiße, zarte Haut war unter der Schicht von Staub und Dreck kaum zu erkennen. Wie viel mochte sie noch wiegen? Seit Tagen hatte man sie hungern lassen, ein Wunder, dass sie überhaupt noch bei Bewusstsein war.
Hauptkommissar Jens Stutter näherte sich dem Käfig. Vorsichtig leuchtete er mit seiner Taschenlampe über die Balken, unter ihm ging es circa zwanzig Meter in die Tiefe. Hier oben, im Gebälk des alten Tabakschopfes, roch es rauchig. Allerdings wurde der Speicher sicher schon eine ganze Weile nicht mehr zum Trocknen der Pflanzenblätter benutzt. Das Holz war morsch und ächzte bei jedem Schritt, den Stutter machte.
Die magere Gestalt im Käfig wimmerte, und er bedeutete ihr, indem er seinen Zeigefinger auf die Lippen legte, still zu sein. Schließlich konnte er nicht wissen, ob sich noch jemand hier befand. Prüfend leuchtete er in alle Winkel, mehr Vorsicht konnte er sich nicht leisten. Die junge Frau musste schnellstmöglich in ein Krankenhaus, sonst wäre sie das Opfer Nummer sieben eines brutalen Serienmörders.
»Stutter hier, ich habe sie gefunden«, flüsterte er ungeduldig in sein Handy, immer noch auf der Hut. Er gab seinen Standort durch, forderte einen Krankenwagen und Verstärkung an und ließ keine Gegenfragen zu.
Als das Gespräch beendet war, wandte er sich an die Gefangene. »Lina«, sagte er fast zärtlich, »alles wird gut.«
Natürlich kannte er ihren Namen. Er wusste alles über sie, ihre Vorlieben, ihren Tagesablauf, selbst ihre geheimsten Träume, denn die hatte ihm das Tagebuch verraten. Als die Vermisstenmeldung der jungen Frau eingegangen war, hatten die Beamten alles auf den Kopf gestellt. Es gab kaum Zweifel daran, dass sie ins Opferprofil passte. Die Eltern hatten ihn angefleht zu helfen. Sie kannten die Bilder der Frauenleichen, die im digitalen Zeitalter auch ihren Weg ins Netz gefunden hatten. Dürre Körper mit fleckiger Haut, vom Leid gezeichnete Gesichter, entstellt und selbst den nächsten Angehörigen fremd.
Stutter sah sich um, fand ein Stück Eisenrohr und machte sich damit am Schloss des fast mannshohen Käfigs zu schaffen, der an eine Vogelvoliere erinnerte und zwischen das Holz geklemmt worden war.
Unbändige Wut überkam ihn, als er Linas hervorstehende Knochen sah. Der, den sie jagten, hatte es auf junge Frauen abgesehen. Seit Monaten suchten sie einen brutalen Mörder, der seine Opfer entführte und dann verhungern ließ. Vermutlich sah er ihnen dabei zu und weidete sich daran, wie sie jeden Tag Gewicht verloren, in sich zusammenfielen und schließlich der Organismus seine Arbeit einstellte. Dann waren sie nutzlos für ihn, und er entsorgte ihre Überreste wie lästigen Hausmüll an irgendeiner abgelegenen Bushaltestelle.
Endlich sprang das Schloss auf, und Stutter schob seinen Arm in den Käfig. Die Taschenlampe, die er vorsichtig zwischen zwei Balken geklemmt hatte, strahlte ihn jetzt an. Die junge Frau blickte in das angespannte Gesicht des Polizisten. Seit den ersten Leichenfunden hatte er kaum noch geschlafen. Dunkle Ringe unter den Augen und die fahle graue Haut zeugten von den Wochen, in denen er sich keine Ruhe gegönnt hatte. Unermüdlich suchte er nach dem »Skelettmörder«, wie dieser von der Presse mittlerweile genannt wurde.
»Sie sind besessen« waren die Worte seines Vorgesetzten gewesen. Es gab Streit, böses Blut und einige Zerwürfnisse mit Kollegen, die sich wohl auch im Nachhinein nicht mehr kitten ließen. Stutter wusste, dass er, wenn es um seine Arbeit ging, kompromisslos war. Zu Problemen kam es immer dann, wenn er den gleichen Einsatz auch von anderen forderte.
»Ich werde dir jetzt den Knebel entfernen und bitte dich, ruhig zu bleiben«, wandte er sich erneut an Lina, in deren Blick nun ein Funke Hoffnung lag.
Noch während Stutter das erleichtert zur Kenntnis nahm, änderte sich jedoch der Gesichtsausdruck der jungen Frau. Der Knebel hinderte sie daran, ihm ein lautes »Vorsicht!« zuzurufen, stattdessen stieß sie einen verzweifelten gedämpften Laut aus, aber es war zu spät.
Stutter wurde von hinten gepackt. Sein Gegner war stark, schien zuerst im Vorteil, allerdings war der Polizist besser ausgebildet. Der Kampf war gefährlich, vor allem, weil die Kontrahenten auf den Holzbalken wenig Halt fanden.
Stutter war sich dessen bewusst, aber sein Angreifer schien keine Gedanken an die eigene Sicherheit zu verschwenden. Er konzentrierte sich ganz auf den Polizisten, der ihm seine kranke, bizarre Welt zu zerstören drohte, in der er bis eben noch so grausam über Leben und Tod geherrscht hatte.
Die Gefangene im Käfig stöhnte, und obwohl sie seit Tagen nicht mehr imstande gewesen war zu weinen, liefen ihr in diesem Moment Tränen über das Gesicht. Nach all den unendlichen Stunden der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit war da plötzlich dieser Mann aufgetaucht, um sie zu retten. Wie bei einer ausgehenden Kerze, die gerade noch rechtzeitig durch ein wenig Sauerstoff daran gehindert wurde zu erlöschen, war mit dem Erscheinen von Stutter ihr Lebenswille wieder aufgeflammt. Doch schon kehrte die Mutlosigkeit zurück.
Die Schreie der Männer ließen sie die Augen schließen.
Der nächste Schlag von Stutter saß. Der Mörder kam ins Wanken, verlor das Gleichgewicht und stürzte nach hinten. Mit einem diabolischen Grinsen streckte er die Arme aus und griff nach Stutters Jacke. Schraubstöcken nicht unähnlich umklammerten seine Finger den Stoff und rissen den Polizisten mit in die Tiefe.
Der Aufprall war hart, Stutters Sturz wurde vom Körper des Mörders kaum abgefangen. Er lag jetzt auf dem Monster, das er so lange gejagt hatte, und konnte dessen Gesicht sehen.
Kalte Augen starrten Stutter an, und ein Röcheln entschlüpfte der Kehle des Mörders: »Du bist gekommen«, keuchte er mit seinem letzten Atemzug, dann trübte sich sein Blick, und er war tot.
Ab diesem Zeitpunkt vermischte sich für den Polizisten die Realität mit schrecklichen Albträumen. Die Gesichter von toten Mädchen mit weit aufgerissenen Mündern, die riefen »Du bist gekommen«, wechselten sich ab mit Bildern von weiß gekachelten Krankenhauswänden, bunten Lichtern und schemenhaften Gestalten, die ihm die Augenlider anhoben, mit einer Schere seine Kleidung zerschnitten und ihn an Maschinen anschlossen. Jemand rief seinen Namen, er stöhnte, versuchte den unbekannten Gestalten mitzuteilen, dass da noch jemand war, dass Lina in einem Käfig gefangen gehalten wurde, aber irgendetwas hinderte ihn am Sprechen. Er wollte sich bewegen, spürte seinen Körper nicht mehr, und dann war da nur noch ein durchdringender Ton.
Ein Assistenzarzt rief »Nulllinie«, Hände berührten Stutters Brust, pressten kräftig dagegen, Elektroden wurden angelegt und Strom durch den Körper des Polizisten gejagt. Eine junge Krankenschwester in Nonnentracht bekreuzigte sich und sprach ein leises Gebet, während der Arzt alles tat, was er konnte, um den Mann auf dem Operationstisch zu retten.

* * *

Kapitel 2

Fünf Jahre später, Ende Oktober

Das Bersten der Fensterscheibe hallte laut durch die Nacht. Es war kalt, die Erde gefroren, und der Wind trieb jedem, der sich hinauswagte, Tränen in die Augen. Das Gebäude lag im Dunkeln, und der Krach, den die niederprasselnden Scherben verursacht hatten, blieb ungehört. Niemand störte sich an dem Eindringling, der sich mit einem ausgesprochenen Hochgefühl von außen durch das Fenster stemmte und völlig lautlos auf der anderen Seite landete.
Der Raum war dunkel und ungemütlich, aber was erwartete man auch von einem Krematorium? Der nächtliche Besucher jedenfalls wusste, dass er nicht mit leeren Händen gehen würde. Aber das, was er suchte, befand sich nicht hier. Sein Weg führte ihn, gelenkt vom Strahl der Taschenlampe, zu den Kühlräumen.
Er hat euch für eure Sünden bestraft, wie ihr es verdient habt, dachte der Mann, während er auf die fünf schmucklosen Holzsärge starrte, die für die Kremation am nächsten Morgen vorbereitet waren.
Er würde sie alle nacheinander öffnen müssen, denn es standen nur Nummern und keine Namen darauf. Der Erste war die letzte Ruhestätte einer alten Frau. Ihr Gesicht von Krankheit gezeichnet, ausgemergelt, mit eingefallenen Wangen und zugebundenem Kiefer, glich sie unter dem weißen Lichtstrahl einer verdorrten Frucht. Man hatte sich keine Mühe mit ihr gegeben.
»Armes Mütterchen«, flüsterte der Fremde, »dir war wohl kein offener Sarg zur Erbauung deiner Lieben vergönnt.«
Er verschloss sorgsam den Deckel und widmete sich dem zweiten Kasten.
»Hier war aber jemand fleißig«, entfuhr es ihm spöttisch.
Im Sarg aufgebahrt lag ein junger Mann, an dem der Leichenbestatter ganze Arbeit geleistet hatte. Die Folgen des Unfalls waren kaum noch zu sehen, doch mussten sie schwerwiegend gewesen sein. Wenn man den Leichnam ganz genau betrachtete, konnte man seitlich am Hals das Flickwerk der Totengräber erkennen.
Es folgte ein leises Seufzen: »Wieder der Falsche.«
Beim Abheben des dritten Deckels konnte man jedoch einen erfreuten Laut vernehmen. Der Eindringling hatte den richtigen Leichnam gefunden.
»So kann es gehen, alter Mann«, sagte er ruhig und strich dem Toten im Sarg wohlwollend über die Stirn. »Jetzt gibst du mir noch, was du mir schuldest, und dann überlasse ich dich dem Höllenfeuer.«
Ein unförmiges Werkzeug mit scharfen Kanten wurde angesetzt, um dem habhaft zu werden, was so dringend benötigt wurde. Niemand würde es bemerken, und wenn doch, dann war nicht davon auszugehen, dass es irgendwen kümmerte. Aber auch das war egal. Es folgte ein letzter Blick in das Gesicht des dicken Mannes, der zu Lebzeiten Spaß an der Sünde gehabt hatte und sich dafür nun vor seinem Schöpfer verantworten musste. Allerdings interessierte das den nächtlichen Besucher nicht mehr, denn er hatte, was er wollte. Ein wenig gönnerhaft rückte er den Schamottstein, den man allen Toten beilegte, bevor sie verbrannt wurden, auf dem Bauch des Alten zurecht. Zusammen mit der Asche würde der am Ende übrig bleiben. Ein feuerfester Stein mit einer Nummer, um den Staub zu identifizieren, der von den Leichen nach dem Aufenthalt in dem etwa 900 Grad heißen Krematoriumsofen übrig blieb. Damit war die Aufgabe des Fremden erledigt.
Der Sargdeckel wurde geschlossen, und der nächtliche Besucher verließ das Gebäude auf demselben Weg, auf dem er auch gekommen war. Dabei betastete er seine Beute, die jetzt in einer kleinen Plastiktüte steckte. Er drehte sie sanft zwischen den Fingern und sprach vor Dankbarkeit ein stilles Gebet.

* * *

Anfang Dezember, psychiatrische Klinik »Zum grünen Park«

Bellinda starrte in den Garten. Aber ihre Aufmerksamkeit galt nicht den kahlen Bäumen oder den niedlichen Meisen, die sich am Vogelhäuschen um einen Fettknödel balgten, sondern voll und ganz dem Krankenpfleger Patrick, der sich gerade fürsorglich um Mildred kümmerte, die leider schon vor Jahren völlig den Verstand verloren hatte. Seit dem Tod ihrer Kinder hielt sich Mildred nämlich für einen von Gott gesandten Engel, dessen oberstes Ziel es war, die Menschen vor drohendem Unheil zu warnen.
Ja, Schicksalsschläge konnten einem übel mitspielen, das wusste Bellinda aus eigener Erfahrung. Sie verfolgte die Szene weiter. Patrick bemühte sich, der nur mit einem dünnen Nachthemd bekleideten Mildred einen Mantel umzulegen und sie ins Haus zurückzuführen. Immerhin war es Anfang Dezember und damit empfindlich kalt.
Die junge Frau am Fenster war zufrieden. Ihr würde es nicht wie Mildred ergehen, die vermutlich nie wieder in die Welt da draußen zurückkehren konnte. Für Bellinda lag die Zukunft nämlich außerhalb der Nervenklinik – und mit Patrick war ihr Leben perfekt. Natürlich durfte momentan noch niemand etwas von ihrer Beziehung erfahren. Patrick gehörte zum Pflegepersonal, deshalb könnte die Bekanntmachung ihrer Verbindung für ihn Ärger bedeuten.
Außerdem wollte sie unter keinen Umständen riskieren, dass sich in letzter Minute noch jemand gegen ihre Entlassung aussprach. Sie vertraute da ganz Patricks Einschätzung der Lage. Vermutlich verzichtete die Klinikleitung nur ungern auf die monatlichen Raten für den Aufenthalt, die erst Bellindas Eltern und nach deren Ableben vor zwei Jahren der Familienanwalt überwiesen hatte. Aber langsam war es an der Zeit, dass sich Bellinda selbst um ihre Angelegenheiten kümmerte. Da der neue Arzt, der nach dem Tod des alten Doktor Esser kurzfristig ihre Behandlung übernommen hatte, ihr eine gute Genesung bescheinigte, konnte sie bald schon selbst über das große Vermögen verfügen, das ihr hinterlassen worden war. Und mit Patrick an ihrer Seite würde sie das Leben künftig in vollen Zügen genießen. Ende des Monats konnte sie die Klinik verlassen, sich ein schönes Haus mit Garten kaufen und dann tun und lassen, was sie wollte.
Als hätte Patrick gespürt, dass ihre Blicke auf ihm ruhten, sah er zum Fenster und hob die Hand zum Gruß.
Mildred folgte seinem Blick und gab ein ungehaltenes Grunzen von sich: »Sie wissen, was der Herr über die Schlange sagt?«, begann sie und wollte ein Bibelzitat vortragen, aber Patrick unterbrach die Frau.
»Ja, und ich weiß auch, was er vom Falschen-Zeugnis-Ablegen hält.«
Während er ihr antwortete, zwinkerte er Mildred zu, was diese unwirsch schnauben ließ. »Ich möchte auf mein Zimmer! Sofort!«, schnauzte sie empört, riss sich los und stapfte Richtung Eingang.
Patrick blickte noch einmal zu Bellinda und hob übertrieben die Schultern, so als wollte er sagen: »Was soll man da machen?«
Die junge Frau winkte ihm zu und lächelte. Vermutlich hatte sich Mildred, im Glauben, eine Gesandte Gottes zu sein, wieder einmal auf einen Wortwechsel mit Patrick eingelassen. Wie gewöhnlich hatte sie dabei vergessen, dass der Pfleger genug Kenntnisse der Bibel hatte, um seine Patientin notfalls zu widerlegen; etwas, das Mildred gar nicht schätzte.
Bellinda wurde aus ihren Gedanken gerissen, denn es klopfte an der Tür.
Eine Schwester öffnete und sagte: »Zeit für die Tanztherapie.«
»Bin schon unterwegs«, antwortete ihr die junge Frau und warf noch einmal einen Blick in den Garten, aber da war Patrick bereits verschwunden.

* * *

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Autorin & Copyright: Ilona Bulazel

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