[e-book-review] Im Kindersarg auf Montparnasse: Houellebecqs neuer Roman „Karte und Gebiet“

houellebecq-karte-gebiet-ebookKampfzone, Elementarteilchen, Insel: schon die Titel-Stichwörter von Michel Houellebecqs wichtigsten Romanen verweisen auf deren zentrale Themen – Konkurrenz, Egozentrik und Narzissmus in der Konsumgesellschaft. So weit wie in seinem aktuellen Buch hat es der französische Bestseller-Autor allerdings noch nie getrieben. In „Karte und Gebiet“ tritt eine Romanfigur namens Michel Houellebecq auf – nur um recht bald auf äußerst unsanfte Weise das Zeitliche zu segnen. Mehr über dieses ebenso autofiktive wie autodestruktive Künstlerporträt verrät unser Rezensent Ralph Gerstenberg.

Portrait des Künstlers als alte Schildkröte

Wenn Michel Houellebecq einen neuen Roman veröffentlicht, ist das Rauschen im Blätterwald vorprogrammiert. Das ist bei seinem bislang lesbarsten und vielleicht auch lesenswertesten Werk „Karte und Gebiet“, für den er in seiner Heimat den „Prix Goncourt“ erhielt, nicht anders als bei seinen Vorgängern. Keinen Skandal gebe es diesmal, und genau das sei der eigentliche Skandal, üben sich Feuilletonisten aller Postillen in Stabilbaukastendialektik. Der Mann, der in sturer Einfallslosigkeit jahrelang als „enfant terrible“ bezeichnet wurde, hat den von ihm genau wegen dieser selbstgefälligen Stupidität verhassten Kulturzeitungsschreibern eine neue Vokabel in den Mund gelegt: „kranke, alte Schildkröte“. So beschreibt er in einer der großartigsten Szenen des Buches seine Romanfigur Michel Houellbecq, und kaum ein Rezensent verzichtet nun auf den Schildkrötenvergleich.

Bei einem Alter Ego bleibt es nicht…

Doch zunächst beginnt der Roman mit einem anderen Protagonisten, dem Künstler Jed Martin, der mit Houellebecq durchaus wesensverwandt ist. Neben der gemeinsamen Begeisterung für Supermärkte und perfekte Produkte verfügen beide über äußerst spärliche Sozialkontakte und pflegen eine kühle Sicht auf die schnöde kapitalistische Wirklichkeit. In Jeds Werk steigert sich das nach einer Foto-Reihe von Michelin-Karten zu einer warholesken Ikonografie der Gegenwart. Seine Porträts heißen Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf oder Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik.

Finaler Twist: Vom Künstlerroman zum Krimischocker

Letzteres hätte Martin auch Eine kurze Geschichte des Kapitalismus nennen können, meint die Romanfigur Michel Houellebecq, der berühmte Schriftsteller, der ebenfalls von Martin porträtiert und wenig später auf bestialische Weise ermordet wird: Sein Kopf wird mit einem Laserschneider abgetrennt. Die Beerdigung Houellebecqs in einem Kindersarg auf dem Friedhof von Montparnasse unweit des Grabes von Emmanuel Bove ist ein lustvoll-makaberer Höhepunkt dieses postmodernen, autofiktiven Künstlerromans, der im letzten Drittel in einen Krimischocker á la Stig Larsson übergeht, um mit einer postindustriellen Zukunftsvision zu enden.

Autor&Copyright: Ralph Gerstenberg

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Michel Houellebecq,
Karte und Gebiet
Hardcover (Dumont) 22,99 Euro
E-Book (epub) 18,99 Euro

Veröffentlicht von

Ralph Gerstenberg

Ralph Gerstenberg arbeitet freiberuflich als Schriftsteller und Journalist, u.a. für das Stadtmagazin tip, Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, SWR, MDR, RBB. Unter dem Titel "Grimm und Lachmund" erschien 1998 sein erster Kriminalroman, mittlerweile liegen sechs Titel vor.