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[Crosspost] „Ich habe 100 Autoren mit 800 Büchern unter Vertrag“ – Interview mit Gisela Pekrul (ddrautoren.de), Teil 1

5 Mai 2014

Die meisten Menschen ruhen sich nach ihrer Pensionierung aus, Gisela Pekrul hat einen Digitalverlag gegründet. Ihre Nische: Vergessene DDR-Literatur. Inzwischen verlegt die 70jährige unter anderem Wolfgang Schreyer und Erik Neutsch, deren Werke als Papierbücher Millionenauflagen erreichten. Im Interview erzählt Pekrul, wie die Übertragung der E-Book-Rechte funktioniert, warum der Standardpreis in ihrem Verlag bei 8,99 Euro liegt und warum es für sie immer wieder ein Vergnügen ist, ein DDR-Buch aus heutiger Sicht zu lesen.

Wie sind Sie nach Ihrer Pensionierung auf die Idee gekommen, einen Digitalverlag zu gründen?

Die Edition Digital habe ich bereits 1994 in Schwerin ins Leben gerufen. Allerdings hat sich daraus zunächst ein Unternehmen mit dem Schwerpunkt auf Softwareentwicklung und Publikationen auf CD-ROM und im Internet entwickelt. Erst nachdem ich diese Firma 2008 verkauft hatte, konnte ich mich voll auf den Verlag konzentrieren, dem meine heimliche Liebe galt und der weiterhin existiert hatte, aber auf Sparflamme. Neben einigen gedruckten Büchern erschienen in den Jahren 2009 bis 2011 mehrere CD-ROMs mit historischen Ansichtskarten von Schwerin und zu Handwerks- und Berufszeichen, für die ich gleichzeitig Autor bin. Allerdings hatte ich mich schon auf der Leipziger Buchmesse 2010 umfassend über E-Books informiert und mich daraufhin entschieden, 2011 nach vielen Jahren Pause wieder dort auszustellen und probeweise die ersten E-Books anzubieten. Der Einfachheit halber waren das E-Book-Versionen von Büchern aus dem eigenen Verlag.

Welches waren die ersten Autoren, die Sie nach der Messe als E-Book wiederveröffentlicht haben?

Als klar war, dass ein steigendes Interesse für E-Books besteht, habe ich mich von einem Blick ins eigene Buchregal inspirieren lassen. Dort steht unter anderem eine große Sammlung von DDR-Kinderbüchern, und im Juli 2011 habe ich einige der Autoren angeschrieben. Günther Saalmann, Rudi Czerwenka, Gerhard Dallmann, Barbara Kühl, Brigitte Birnbaum und Jürgen Jankofsky waren die ersten, die auf meinen Brief reagierten, und schon im August 2011 erschienen die ersten E-Books. Ich merkte dann aber schnell, dass die Zeit für Kinder-E-Books, die nicht multimedial aufbereitet sind, noch nicht gekommen war, und begann mich auch für die Veröffentlichung von belletristischen DDR-Werken zu interessieren.

International bekannte ostdeutsche Autoren wie Christa Wolf, Stefan Heym oder Heiner Müller waren schon „besetzt“ und bei Publikumsverlagen unter Vertrag. Gleichzeitig gab es unter dem Dach der Eulenspiegel-Verlagsgruppe eine Reihe von Verlagen mit DDR-Wurzeln und dem Schwerpunkt auf ostdeutschen Autoren. Wie haben Sie vor diesem Hintergrund Ihre Nische gesucht und gefunden?

Die Nische war deshalb leicht zu finden, weil die meisten DDR-Autoren einen schlimmen „Wendeknick“ erleben mussten. Ihre Bücher waren schlicht und einfach vergessen und nicht mehr erhältlich. Einige Autoren wollten zunächst gar nicht glauben, dass ich vor allem aus Liebe zu ihren Büchern an den E-Book-Rechten interessiert war. Erst aus den Gesprächen mit ihnen erfuhr ich, dass sie bisher vorwiegend Angebote von Bezahlverlagen erhalten hatten. Daraufhin änderte ich mein Standardschreiben und wies darauf hin, dass für die Autoren keine Kosten entstehen. Erik Neutsch …

…, der mit „Spur der Steine“ eines der erfolgreichsten Bücher der DDR-Literatur schrieb und 2013 verstarb, …

… sagte mir am Telefon: „Sie können alle meine Bücher bekommen, die will sowieso kein Verlag mehr haben.“ Eine Woche später erhielt ich den von ihm unterschriebenen Vertrag zurück. Die Umsetzung seiner bedeutendsten Bücher konnte er noch erleben, alle anderen erscheinen bis zu seinem ersten Todestag im August dieses Jahres. Im Oktober 2011 habe ich außerdem mit der Umsetzung des Gesamtwerkes von Wolfgang Schreyer, Klaus Möckel und Dietmar Beetz begonnen, einschließlich deren Nachwendebücher.

Wie waren die Reaktionen, wenn Sie den Autoren erzählten, dass Ihr Verlag ausschließlich in digitaler Form veröffentlicht?

2011 und 2012 war das Medium E-Book für viele so neu, dass sie sich auf meine Erfahrungen verlassen haben. Die Autoren begriffen aber auch die Chance, auf diese Weise ihre Bücher erneut auf den Markt zu bringen. Nur einige wenige Autoren haben es abgelehnt, ihre Bücher digital zu veröffentlichen. Inzwischen habe ich manchen meiner Autoren beim Kauf eines E-Book-Readers beraten. Meine mit 91 Jahren älteste Autorin Holda Schiller ließ sich kurz vor ihrem 90. Geburtstag ein Lesegerät schenken.

Wie funktioniert die Rechteübertragung? Sind die Rechte nach dem Ende der DDR automatisch auf die Autoren übergegangen?

Ich erwerbe grundsätzlich die Rechte direkt von den Autoren. Viele vertrauten nach dem Untergang der DDR-Verlage den neuen Eigentümern nicht und forderten ihre Rechte zurück. Andere fragten nach, ob Interesse an einer neuen Auflage besteht und erhielten daraufhin die Rechte zurück. Ich veröffentliche aber auch neue Manuskripte ehemaliger DDR-Autoren, die es leid sind, Absagen von Verlagen zu erhalten. Meist drucke ich zusätzlich zur E-Book-Veröffentlichung auch eine kleine Auflage, damit die Autoren „etwas in der Hand haben“.

Bücher zwischen 200 und 400 Seiten kosten bei Ihnen in der Regel 8,99 Euro, kürzere Texte liegen meist bei 6,99 Euro oder 4,99 Euro. Sind das auch die E-Book-Standardpreise, mit denen Sie 2011 losgelegt haben? Oder haben sich die Preise erst im Laufe der Jahre durch Marktbeobachtung ergeben?

Ich biete qualitativ hochwertige Inhalte an, die ich auch im Interesse der Autoren nicht verschleudern kann und möchte. Es handelt sich ja nicht um rechtefreie Bücher und auch nicht um erste Versuche eines unbekannten Autors. In meiner E-Book-Reihe „Verlagsprofi verrät sein Know-How“, das sich an neue Digitalverlage oder kleine Printverlage mit E-Book-Ambitionen richtet, habe ich in der ersten Folge ausführlich und durch Rechenbeispiele unterlegt die Prämissen für die Preisgestaltung aufgezeigt, die vor allem von Apple und Amazon bestimmt wird. Mit diesen Preisen kalkuliere ich seit dem Start des E-Book-Programms der Edition Digital. Lediglich bei einigen sehr dicken Büchern, die sicher einen noch höheren Preis wert wären, habe ich mich auf 9,99 beschränkt, um bei Amazon nicht in die 35%-Tantieme zu rutschen.

Das heißt sie beliefern Amazon direkt über das KDP-Programm für Selbstverleger? Und die anderen Anbieter über Distributoren?

Ja, soweit es mir durch Verträge möglich ist, beliefere ich die Plattformen direkt. Gerade lasse mir ein maßgeschneidertes Programm zur automatischen Anlieferung erstellen. Weltbild, Thalia, Hugendubel und die anderen Anbieter der Tolino-Allianz sowie Bibliotheken bediene ich durch Distributoren. Mit GooglePlay habe ich schon lange einen Vertrag, aber noch keine Zeit gehabt, alle Titel einzustellen. Beim iBooks-Store von Apple hat der erste Anlauf nicht geklappt, und ich muss mich erneut darum kümmern.

Interview: Sebastian Brück

Der zweite Teil des Interviews erscheint am Mittwoch.

TIPP für Verlagsmenschen: Gisela Pekrul veröffentlicht in der Edition Digital die Reihe „Verlagsprofi verrät sein Know-how“. Die erste Folge behandelt Verträge für E-Books und die Abrechnung der Autorenhonorare. In diesem Monat erscheint die zweite Folge mit technischen Ratschlägen zum Thema „E-Book-Erstellung“.

Crossposting via sebastianbrueck.blogspot.demit frdl. Genehmigung des Autors

Autor & Copyright: Sebastian Brück
Abb.: Gisela Pekrul, ddrautoren.de (c)