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Huffington Post, oder: Wie 80 Redakteure und 6000 Blogger eine Zeitung machen

huffington-post-e-newspaper-alternative-paid-contentHuffington Post, das klingt wie eine Verbalhornung der Washington Post. Doch dort wird die Konkurrenz aus dem Netz längst ernst genommen. Die HuffPo liegt mit mehr als 24 Mio. Besuchern pro Monat vor der Internet-Ausgabe der Washington Post, und knapp hinter der New York Times. Das 2005 gestartete Nachrichtenportal beschäftigt 178 Mitarbeiter, dazu kommen mehr als 6000 Blogger. Als Gründerin Arianna Huffington jetzt ihren 60. Geburtstag feierte, berichteten große Blätter fast schon ehrfürchtig von der Grande Dame des Online-Journalismus. „The Huffington Post may have figured out the future of journalism“, schrieb etwa Newsweek. Doch der HuffPost geht’s nicht um ein neues Geschäftsmodell, sondern vor allem um eins: Agenda Setting.

Die HuffPost bietet “News, Blogs, Video, Community“

Am Anfang stand politischer Aktionismus. Huffington und ihre linklsliberalen Freunde wollten im Web ein Gegengewicht zu konservativen Politblogs wie dem Drudge Report schaffen.
Kommentare aus der Community waren dabei von Anfang an sehr wichtig – mittlerweile werden auf den HuffPo-Seiten jeden Monat mehr als eine Million Leserkommentare hinterlassen. Ebenso wichtig sind jedoch Gastbeiträge aus prominenter Feder. Zu den ersten „Bloggern“ auf den HuffPo-Seiten gehörten Arthur Schlesinger, Norman Mailer und Saskia Sassen. Mittlerweile ist aus der Polit-Postille ein vollwertiges „Internet Newspaper“ mit zahlreichen Rubriken geworden, das neben Text und Bildberichterstattung auch auf Videos setzt. Nach und nach eröffnete Lokalausgaben bringen Nachrichten aus Chicago, New York, Denver und Los Angeles. An die dreißig Mitarbeiter des HuffPo-Teams kümmern sich alleine um die technische Weiterentwicklung der Seite und die Auswertung von Traffic-Daten. Denn für die Themenwahl ist nicht politische Opportunität oder Aktualität entscheidend, sondern auch das erwartbare Google-Ranking. Da sind dann oft auch mal „Nipple Slips“ und ähnlich nichtige Promi News dabei. Wichtiger für die Leser ist allerdings zu wissen, wo die HuffPost in zentralen politischen Fragen steht. Also etwa kontra Bush & Irak-Krieg, gegen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit 9/11 und kritisch gegenüber Israels Außenpolitik.

“Welche Titelstory kommt wirklich auf die Titelseite?“

Nicht vergessen darf man natürlich Arianna Huffington selbst als mediale Erscheinung – zunächst einmal in der HuffPost. Aber auch darüber hinaus: Selbst in Deutschland kennt man sie noch als zeitweise FOCUS-Kolumnistin. Das ist allerdings auch schon wieder zwei Jahre her. In den USA ist Miss Huffington dagegen weiterhin eine öffentliche Person mit Full-Time-Präsenz auf allen Kanälen. Die Rubrik „All Things Arianna“ auf huffingtonpost.com vermittelt einen kleinen Überblick zu aktuellen TV- und Radioauftritten, Podcasts und Print-Artikeln. Derzeit ist die Dame offenbar vor allem unterwegs, um ihr neuestes Buch „Third World America“ zu promoten. Huffingtons These: Die USA drohe in punkto Innovationsfähigkeit auf das Niveau von Drittwelt-Ländern zurückzufallen. Gepusht hat sie diese These auch schon auf Vorträgen und mit HuffPost-Artikeln. Mit ihrer publizistischen Macht kann Arianna Huffington sehr elegant Agenda Setting betreiben. Das war vor noch gar nicht so langer Zeit viel schwieriger, erzählt Huffington in einem Gespräch mit Wired-Autor David Weinberger: „The question always is, what page of the Washington Post the front page story is going to be on. Before the Internet, the Washington Post editors chose what they would put on the front page. But that might not have been what their readers, or at least some of their readers, believed should have been on the front page.“ Eine dieser Leserinnen war Arianna Huffington – nun entscheidet sie selbst mit, welche Titelstory tatsächlich auf die Titelseiten kommt.

Cash Cow in Spe: Die HuffPost wirft neuerdings sogar Gewinne ab

Was viele Beobachter immer wieder erstaunt: die HuffPost hat nicht nur viele Leser, sie ist als reine Online-Zeitung auch noch finanziell erfolgreich, im Jahr 2010 will man bereits knapp 30 Millionen Dollar Umsatz erreichen. Eine wirkliche Cash Cow ist das Unternehmen damit allerdings nicht, Analysten schätzen, dass pro Leser übers Jahr gerechnet nur ein Dollar an Anzeigenerlösen erzielt wird. Zum Vergleich: die Online-Ausgabe der New York Times erreicht mit einer vergleichbaren Zahl an Unique Visitors Anzeigenerlöse im Bereich von 200 Millionen Dollar pro Jahr. Dafür schleppt die HuffPost natürlich auch weitaus weniger Ballast mit sich herum: die wenigen festen Mitarbeiter passen locker auf ein paar Etagen eines Bürogebäudes im New Yorker Stadtteil SoHo, teure Druckmaschinen und Vertriebsabteilungen hat es nie gegeben. Der wichtigste Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz dürfte jedoch der freie Zugang zum Online-Content sein, denn aus Kostendruck haben sich Washington Post und NYT auf den abschüssigen Pfad von Paid Content & Bezahlschranken begeben. Für die HuffPost wäre das ein absolutes No-Go: ihre Stärke ist neben dem redaktionellen Angebot gerade die Verankerung in einer Community von freiwilligen Beiträgern, für die das Lesen und kommentieren von Nachrichten ein wichtiger Teil der Freizeitbeschäftigung geworden ist.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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