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Hartes DRM – Segen oder Schmarrn?

17 Mrz 2016 4 Kommentare

Johannes Monse, Ruckzuckbuch.de

Johannes Monse, Ruckzuckbuch.de

Noch ein Artikel über DRM? Ja, noch ein harter Artikel über hartes DRM. „Digital Rights Management“ bezeichnet bekanntermaßen alle Anstrengungen von Urhebern digitaler Inhalte, die Nutzung dieser Inhalte zu beschränken – also eine „unkontrollierte“ Verbreitung digitaler Inhalte zu verhindern. Auf gut Deutsch: Digitaler Kopierschutz gegen Raubkopierer. Hört sich ja erst mal gut an. Aber selbst technisch eher ungelenke Menschen, wie ich selbst, wissen natürlich, dass ein jeder Kopierschutz früher oder später irgendeinem Hacker, oder noch schlimmer, einer kostenlosen Software zum Opfer fällt. Das war immer so, wird immer so bleiben.

Wer wird eigentlich vor wem geschützt!?

Nun gut, man mag sich natürlich dennoch fragen, ob es nicht besser ist, einen lückenhaften Kopierschutz auf seine Inhalte anzuwenden, als gar keinen. Und da sich sehr viele Verlage, ebenso wie eine Vielzahl von Autoren im Selfpublishing, bei dieser Frage immer noch für einen harten Kopierschutz entscheiden, halten wir es für sinnvoll, nochmals eindringlich klarzustellen, dass wir davon recht wenig halten. Und das möchten wir Ihnen gerne erläutern.

Stellen wir zunächst die Fragen: Macht digitaler Kopierschutz grundsätzlich Sinn? Wer wird hier vor wem wie gut geschützt? Und weshalb überhaupt? Dass „weiches DRM“ in Form eines digitalen Wasserzeichens Sinn macht, ist relativ unstrittig. Es sorgt dafür, dass man nachvollziehen kann, woher eine Kopie stammt. Das ist nicht dumm. Also reden wir über die Art von Kopierschutz, die wir nicht so schlau finden: „hartes DRM“.

Ehrliche Käufer sollte man gut behandeln

Hartes DRM ist unserer Meinung nach wirklich hart – vor allem für den ehrlichen Verbraucher, der bereit ist, gutes Geld für digitale Inhalte zu bezahlen. Man sollte doch meinen, ehrliche Käufer im Netz sollten besonders gut behandelt werden, damit sie auch wiederkommen. Mit besonders guten Produkten. Denn bei der wuchernden Kostenloskultur im Netz ist es gar nicht so einfach, die Leute zum Kaufen zu bewegen.
Tja. Käufer von Produkten mit hartem DRM werden aber nicht gut behandelt – so sehen wir das zumindest. Denn indem ein Verlag oder Autor seine Werke mit einem harten DRM versieht, verstümmelt er es umfassend. Er beraubt es seiner elementaren digitalen Fähigkeiten und macht es zu einem ziemlich witzlosen Ding. Wieso?
Nun, weil hartes DRM dafür sorgt, dass Sie zum Beispiel ein gekauftes E-Book nur auf dem Gerät nutzen können, mit dem Sie es auch gekauft haben. Sie haben die Datei auf Ihr Smartphone geladen und wollen sie abends auf Ihrem Tolino öffnen? Schade, das könnte sich als schwierig, wenn nicht gar unmöglich herausstellen. So hatten Sie sich das wahrscheinlich nicht vorgestellt. Schließlich haben Sie 7,99 € für das Ding bezahlt – und jetzt das?
Ihr Neffe, der hat da aber doch diese Seite, wo er immer alle E-Books umsonst runterlädt. Sie haben das bisher zwar immer als verwerflich angeprangert, als geistigen Diebstahl gegeißelt. Aber Hallo? Ist ja wohl klar, dass Sie dieses olle Buch nicht nochmal für 7,99 € kaufen, nur um es auf dem vermaledeiten E-Book-Reader lesen zu können. Also muss die gehackte Piratenversion ran. Und siehe da – das Piratenbuch lässt sich problemlos weiter auf Ihr Tablet übertragen – und auch auf den Reader Ihrer Tochter (man wird ja wohl noch ein gekauftes Buch verleihen dürfen).
Normalerweise würden Sie ja gerne die Bücher kaufen, aber so …

Warum ein minderwertiges E-Book verkaufen?

Und hier haben wir das ganze Dilemma. Wechseln wir nun einmal die Seiten und nehmen Ihre Situation als Autor. Als Autor eines E-Books, das Sie mit hartem DRM versehen und über diverse Shops vertreiben lassen. Sie verkaufen also – dank hartem DRM – die minderwertige Version eines Produktes, welches es (wenn auch illegal) in hochwertigerer Form kostenlos im Netz gibt, sofern Ihr Titel zumindest eine minimal ernst zu nehmende Verbreitung erfahren hat.
Sie bestrafen also Ihren ehrlichen Kunden. Und Sie sorgen dafür, dass viele potentielle Kunden, die eigentlich gerne bereit wären, für Ihr Produkt auch zu bezahlen (denn das sind die meisten, auch wenn es schwer zu glauben sein mag), sich den Inhalt illegal beschaffen.
Oder andersherum gesagt: Die parasitären Nutzer, die für Ihr Buch eh niemals auch nur einen Cent geben würden, werden Sie nicht erreichen, geschweige denn ihr Verhalten ändern. Ob Sie Ihre Inhalte mit DRM versehen oder nicht, ist für diese Netzdiebe belanglos.
Aber all diejenigen, die grundsätzlich bereit sind, für Inhalte auch zu bezahlen, sollten dafür nicht auch noch mit einem schlechten Produkt bestraft werden. Um diese Kunden nicht zu verlieren, sollten Sie Ihnen daher voll funktionelle Produkte anbieten. Nutzungsbeschränkungen mögen auf den ersten Blick verlockend sein, aber sie kennen ja jetzt unsere Meinung dazu.

Und was ist mit den Raubkopien?

Und all die vielen illegalen Downloads? Das ganze Geld, das Ihnen dabei durch die Lappen gegangen ist? Ärgern Sie sich nicht darüber. Diese Bücherdiebe halten Sie wie gesagt ohnehin nicht von ihrem Treiben ab. Und ob noch besserer Schutz oder kein Schutz –, gekauft hätten diese Leute Ihr Buch sowieso nicht. Daher sind auch die (illegalen) Downloadzahlen vollkommen irrelevant. Denn häufig genug wird dort einfach runtergeladen, was man runterladen kann – unbesehen, ob man den Titel wirklich braucht, haben möchte oder jemals lesen wird.

Jetzt sorgen Sie sich aber immer noch ein wenig, dass ohne hartes DRM dennoch viele Käufe verloren gehen könnten. Zum Beispiel, weil ehrliche Käufer nun das Buch wie blöde duplizieren und allen zur Verfügung stellen, die zufällig des Weges kommen? Die Chance, dass dem so ist, halten wir für sehr gering. Wenn aber ein ehrlicher Käufer ein DRM-freies E-Book von Ihnen an einen Bekannten weitergibt, dieses E-Book dem Bekannten nun auch noch gut gefällt und der Bekannte letztlich zudem selbst eine ehrliche Haut ist – was meinen Sie, wird er sich die Fortsetzung Ihrer Trilogie illegal besorgen, oder vielleicht doch kaufen?
Nun, wir glauben, dass er sie höchstwahrscheinlich kauft – und Sie einen neuen Leser und Käufer gewonnen haben. Die Weitergabe des Buches kann damit zu sehr gehaltvollem Produktmarketing werden. Ganz kostenfrei für Sie.

Sollte es Ihnen gelingen, sich diese Ansichtsweise zu eigen machen zu können, dann haben Sie unserer Meinung nach vieles erreicht; Ihre Käufer danken Ihnen für vollwertige Produkte die Sie ihnen verkauft haben und nebenbei können Ihre Käufer auch noch hervorragende Werbung für Ihre Bücher machen. Last but not least dürften Sie weitaus besser schlafen und Ihre Nerven nachhaltig schonen, wenn Ihnen dieses ganze Pirateriegedöns gepflegt am Hintern vorbei geht – weil Sie wissen, dass es bestimmt nicht über Erfolg oder Scheitern Ihrer Werke entscheidet.

Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer Serie, die im Vorfeld des Self Publishing Day 2016 erscheint. Der diesjährige SPDay findet am 9. April 2016 in München statt.

4 Kommentare »

  • Frank schrieb:

    „Dass “weiches DRM” in Form eines digitalen Wasserzeichens Sinn macht, ist relativ unstrittig. Es sorgt dafür, dass man nachvollziehen kann, woher eine Kopie stammt. Das ist nicht dumm.“

    Einspruch. Ich halte das sogar für sehr dumm, wenn man in jeder Datei stehen hat, dass Käufer XY das Buch erworben hat und das am Ende – wie so häufig – lediglich den ehrlichen & nicht technikaffinen Käufer trifft.

    Alle andern entfernen den weichen Schutz einfach. Zur Rechenschafft gezogen, da nachvollziehbar, wird lediglich der User, der sich nicht auskennt und das Buch ggf. nicht einmal selbst ins Netz gestellt / verbreitet hat.

    Jetzt schon hat man Klagen & Abmahnungen im Haus, weil man einem Flüchtling WLAN zur Verfügung gestellt hat ( http://heise.de/-3122427 )und demnächst kann man sich auch darum Sorge machen, weil einem der Reader mit den eBooks mit weichem DRM geklaut wurde. Klasse Aussichten…

  • Peter Coon schrieb:

    Der Artikel spricht mir aus der Seele.
    Ich erlebe das immer wieder im Bereich Musik/DVD. Digitale Bücher kaufe ich nicht, aber die Probleme, die man sich als zahlender Konsument einhandelt, sind 1:1 übertragbar.

    Beispiel 1:
    Ich kaufe keine Serien-DVDs mehr, da ich es leid bin, mir jeden Abend, wenn ich eine neue Folge sehen möchte, die unvorspulbaren Copyright-Verletzungs-Pauschalbeschuldigungen über mich ergehen zu lassen. Ich weiß, dass die nicht mich als ehrlichen Käufer meint, aber ich empfinde diesen Raub an Lebenszeit als persönliche Beleidigung. Inzwischen nehme ich alle Serien, die mich interessieren, im TV auf, schneide die Werbung raus (leider auch Lebenszeitverlust) und genieße anschließend unbehelligt und kostenlos. Pech für die Verkäufer. Sowas kommt von sowas.

    Beispiel 2:
    Eine wunderschöne Live-Konzert-DVD habe ich mir gekauft und ein paar mal angesehen. Irgendwann hat sich aber mein DVD-Player verabschiedet, und durch inzwischen veränderte Sehgewohnheiten brauche ich auch keinen neuen. Also: DVD auf Computer kopieren – denkste. Was bleibt? DVD nochmal illegal downloaden oder Kopierschutz illegal umgehen. Beides darf ich nicht und würde ich niemals tun.

    Trauriges Fazit: alle, die sich nicht um Urheberrecht scheren, geht es besser, als einem ehrlich zahlenden Idioten wie mir:-(

    Danke für den Artikel!
    Insbesondere die letzten beiden Absätze teile ich vollkommen.

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