Happy Birthday, Kindle: Vor 5 Jahren startete Amazons erster Reader

Ohne Kindle keine E-Lese-Revolution – so lautet die Kurzfassung der Geschichte des E-Books. Denn trotz aller Versuche, elektronische Lektüre zu vermarkten: erst mit dem Start von Amazons erstem Lesegerät am 19. November 2007 entwickelte sich ein Massenmarkt für elektronisches Papier, und damit auch für elektronische Bücher. Fünf Jahre später ist Amazon immer noch Marktführer. Von der ersten (Kindle 1) bis zur fünften E-Ink-Generation (Kindle Paperwhite) wurden weltweit zwischen 40 und 50 Millionen Geräte verkauft, zwei von drei geshoppten E-Books in den USA wurden 2012 im Kindle-Store heruntergeladen. Seit dem Start des deutschen Kindle Stores im Sommer 2010 hat sich auch bei uns der Strukturwandel der Gutenberg-Galaxis beschleunigt. Um das Kindle-Jubiläum zu feiern, bringt E-Book-News eine Mini-Serie zur Kindle-Geschichte (Fortsetzung hier), entnommen aus „Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books“. Illustriert wird die Serie mit aktuellen Infografiken der Online-Rabatt-Plattform deals.com, die ebenfalls um die Kindle-Historie kreisen (alle Grafiken auf einen Blick gibt’s hier).

„Bücher wie wir sie kennen werden verschwinden“

Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte Amazon seit dem Gründungsjahr 1994 die Buchbranche auf ihrem eigenen Territorium angegriffen – dem Handel mit gedruckten Büchern. Das Medium war identisch, nur die Logistik besser organisiert. Die Kosten für das Lagern und den Vertrieb der Ware Buch waren jedoch auch für Amazon beträchtlich. Umso verlockender erschien deswegen der Online-Handel mit digitalen Gütern – sprich E-Books. Schon im Jahr 2000 waren die ersten elektronischen Bücher auf Amazon.com im Angebot. Außerdem hatte Amazon begonnen, viele lieferbare Print-Titel einzuscannen, um auf der Website einen Service namens „Search Inside“ anzubieten – also eine Volltext-Recherche. Was jedoch zum Durchbruch des elektronischen Lesens noch fehlte, waren geeignete Lesegeräte. Schon im Jahr 1997 hatte Bezos während eines Deutschland-Trips gegenüber der taz prophezeit:

„Möglicherweise werden die Bücher aus Papier [zukünftig] durch elektronische Bücher ersetzt, wie sie am MIT schon jetzt entwickelt werden. Das sind Bücher, die ständig mit neuen Texten aufgeladen werden können. Wenn es einmal so etwas geben wird, werden die Bücher, die wir heute kennen, langsam verschwinden.“

Soweit sei es aber noch lange nicht, beschwichtigte Bezos. Denn während der Verkauf von Videofilmen über das Netz an zu niedriger Bandbreite scheitern würde, sei es bei Büchern der fehlende Lesekomfort:

„Die Verbreitung von Büchern wäre kein Problem, aber sie scheitert am Bildschirm, dessen Technik noch sehr primitiv ist. Auf Papier gedruckt ist ein Text unendlich viel besser zu lesen als am Computer. Auch das wird sich mit der Zeit ändern.“

Auf dem Weg zum elektronischen Papier


Die Technik, um die es dabei ging, war das elektronische Papier. In den Forschungslaboren der großen Display-Hersteller hatte längst der Wettlauf nach einer stromsparenden, kontraststarken Bildschirmtechnologie begonnen. Ausgangspunkt war dabei eine scheinbar banale Beobachtung: Ist eine Buch- oder Zeitungsseite einmal mit farbigen Pigmenten bedruckt, muss keine Energie mehr aufgewandt werden, um das Druckbild sichtbar zu machen. Das reflektierte Licht einer künstlichen Lichtquelle oder Sonnenlicht reicht aus. Eine reflexive Bildschirmtechnologie würde somit nur Strom verbrauchen, wenn ein neues Bild entstehen soll, also die farbigen Pigmente auf einer Seite neu angeordnet werden.

Weil letztlich nicht der Untergrund entscheidend ist, sondern die Partikel, aus denen sich das Schriftbild zusammensetzt, spricht man mittlerweile auch von elektronischer Tinte („Electronic Ink“ bzw. „E-Ink“). Prototypen gab es bereits seit den 1970er Jahren – beim sogenannten „Gyricon“-Verfahren etwa setzte man bei XEROX im Palo Alto Research Center (PARC) auf winzige Plastikpartikel, die in einer öligen Schicht schwammen. Sie wiesen eine helle und eine dunkle Seite auf, und besaßen zugleich auf den beiden Seiten eine unterschiedliche elektronische Ladung. Je nach der angelegten Spannung konnte man somit an einem bestimmten Punkt des Displays einen weißen oder einen schwarzen Punkt erscheinen lassen, der nach dem Abschalten des Stroms erhalten blieb.

Das heute gängige Verfahren ist die sogenannte Elektrophorese – hier werden zwei unterschiedliche Substanzen genutzt, zum einen dunkle Farbpigmente, zum anderen helle Titaniumdioxid-Partikel. Die Titaniumdioxid-Partikel befinden sich je nach angelegter Spannung entweder an der Display-Oberfläche – dann erscheint der jeweilige Abschnitt weiß – oder sie tauchen ab, so dass die Farbpigmente den jeweiligen Abschnitt dunkel erscheinen lassen. Neben dem führenden Hersteller E-Ink Corporation (gegründet 1997) setzten auch Hersteller wie SiPix oder Bridgestone auf solche elektrophoretischen Displays.

Konitchiwa, Librié: Der erste E-Ink-Reader


Um E-Ink fit für den Massenmarkt zu machen, musste vor allem der Herstellungspreis gesenkt werden. Denn das Display eines E-Readers ist bis heute das teuerste Bauteil. Als Sony im Jahr 2004 den weltweit ersten E-Reader mit E-Ink-Technologie startete, galt das umso mehr. Der zunächst nur in Japan verkaufte Librié EBR-1000EP ähnelte vom Äußeren her bereits heutigen Lesegeräten. Er besaß ein 6 Zoll großes Display (Auflösung: 600×800 Pixel, 4 Graustufen), unter dem eine QWERTY-Tastatur angeordnet war, außerdem gab am Rand des Librié noch spezielle Umblättertasten. Mehr als ein Achtungserfolg war für Sony zu diesem Zeitpunkt aber nicht drin. Das lag nicht nur an dem mit 41.000 Yen (damals knapp 325 Euro) recht hohen Preis, sondern vor allem an den medialen Gewohnheiten der Handy-Nation Japan – ein schwarz-weißes Display konnte gegenüber der Lektüre auf farbigen LCD-Screens von Mobiltelefonen einfach nicht mithalten. Auf ihrem „Keitei“ luden die Japaner zudem längst per Tastendruck E-Books oder Mangas direkt aus den Netz herunter, Sonys E-Reader dagegen besaß nur einen USB-Port. Die Lektüre in dem von Sony entwickelten BroadBand-E-Book(BBeB)-Format musste also erstmal via PC aus dem Internet geladen und dann per Kabel übertragen werden.

Da half es nur wenig, dass Sony mehr als ein Dutzend Buch- und Zeitungsverlage mit ins Boot geholt hatte, um genügend Content für den weltweit ersten E-Reader mit elektronischem Papier anbieten zu können. „Eines Tages werden Millionen Menschen all das, was Sie publizieren, auf einem solchen Gerät lesen. So sieht die Zukunft aus!“, soll Sonys Chefdesigner bei der Vorführung eines Prototypen den versammelten Buchmachern prophezeit haben. Die Verlage dachten aber wohl eher an die unmittelbare Zukunft der eigenen Zunft, und so stellte jeder erst einmal nur 1000 Titel zur Verfügung. Ob nun Kalkül oder nicht, das blieb nicht ohne Folgen. Selbst der von Sony anvisierte Verkauf von 5000 Lesegeräten pro Monat erwies sich als zu optimistisch, denn die brandneue Technik wurde vom Publikum mehr oder weniger ignoriert. Nach drei Jahren musste Sony das Reader-Experiment im Land der aufgehenden Sonne sang- und klanglos beenden. Für das Nachfolgemodell PRS-500 zielte der Unterhaltungsriese nun auf einen vielversprechenderen Markt, nämlich die USA. Dort kündigte sich zu diesem Zeitpunkt aber schon ein neuer Stern am Reader-Himmel an: Amazon.

Hier geht’s direkt zu Teil 2. Noch mehr lesen: vom-buch-zum-byte.de)

Abb.: Deals.com
Autor & Copyright: Ansgar Warner

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Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".