Happy birthday, Kindle (Teil 2): „Im Herzen eine Lesemaschine“

Ohne Kindle keine E-Lese-Revolution – so lautet die Kurzfassung der Geschichte des E-Books. Denn trotz aller Versuche, elektronische Lektüre zu vermarkten: erst mit dem Start von Amazons erstem Lesegerät am 19. November 2007 entwickelte sich ein Massenmarkt für elektronisches Papier, und damit auch für elektronische Bücher. Um das Kindle-Jubiläum zu feiern, bringt E-Book-News eine Mini-Serie zur Kindle-Geschichte (hier geht’s zu Teil 1), entnommen aus “Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books”. Illustriert wird die Serie mit aktuellen Infografiken der Online-Rabatt-Plattform deals.com, die ebenfalls um die Kindle-Historie kreisen (alle Grafiken auf einen Blick hier.

Jeff Bezos startet 2004 sein eigenes Reader-Projekt

Zu den ersten Käufern von Sonys „Librié“ gehörte nicht ganz zufällig ein amerikanischer Geschäftsmann namens Jeff Bezos. Der Legende nach soll der Amazon-Chef 2004 gleich dreißig Stück des ersten E-Ink-Readers der Welt bestellt haben, um sie von seinen Mitarbeitern ausgiebig testen zu lassen. Ein am Markt erfolgreicher E-Reader der Konkurrenz, das war dem gewieften Geschäftsmann sofort klar, würde auch die bisherige Geschäftsgrundlage des Online-Handels mit gedruckten Büchern gefährden. Zugleich bot eine bei Millionen Kunden beliebte Plattform wie Amazon beste Voraussetzungen, um im E-Book-Business mitmischen zu können. Winkte hier nicht auch die einmalige Chance, den Schritt vom Online-Shopping am PC zum mobilen Shopping zu wagen, auf den Sony mit seinem Ansatz verzichtet hatte? Bezos startete kurz darauf ein eigenes E-Reader-Projekt. Er begann Verhandlungen mit E-Ink Corp., dem führenden Display-Hersteller, und beauftragte Steve Kessel, seine rechte Hand, mit der Einrichtung eines eigenen Entwicklungslabors in Cupertino, das den geheimnisvollen Namen Lab 126 erhielt.

Die Gerüchteküche im Silicon Valley begann bald zu brodeln – was wurden da quasi in Apples Hinterhof von rasch angeheuerten Entwicklern ausgeheckt? War es ein neuer MP3-Player oder vielleicht ein neuer Handheld-Computer?

Die Entwicklung zog sich über mehr als drei Jahre hin – was auch an den ambitionierten Vorstellungen von Bezos lag. Brad Stone berichtet in einer Hintergrund-Story für das Bloomberg Business Magazine:

„Das neue Lesegerät sollte kinderleicht zu bedienen sein, forderte der Amazon-Gründer, und vertrat den Standpunkt, man dürfe den technisch unbegabteren Nutzern nicht zumuten, das Gerät für ein WiFi-Netz zu konfigurieren. Außerdem hielt er nichts davon, den Reader mit einem PC zu verbinden. So blieb als einzige Alternative eine Verbindung über das Mobilfunknetz, was praktisch bedeutete, in die Hardware ein Mobiltelefon einzubetten. So etwas hatte bisher noch niemand ausprobiert.“

Doch Bezos bestand darauf, dass Kunden sich keine Gedanken darüber machen sollten, ob nun eine drahtlose Verbindung aktiv sei oder nicht, oder ob dafür Kosten entstehen würden. Beim Design des neuen E-Readers mischte sich der Amazon-Chef ebenfalls ein. Ein ehemaliger Amazon-Designer erzählte Jahre später gegenüber der New York Times:

“Jeff Bezos kam immer wieder in unsere Design-Meetings und sagte, wie sehr er sein BlackBerry lieben würde, und wie einfach man damit E-Mails abrufen und Leuten antworten könnte. Das ist der Grund, warum das erste Kindle so klobig aussah, mit diesem extravaganten eckigen Keyboard und dem merkwürdigen Scroll-Rad an der Seite. Das Vorbild war Jeffs BlackBerry.“

So kam der Kindle-Reader zu seinem Namen

Natürlich fehlte auch noch der entsprechende Name für den E-Reader, der als Working-Title erstmal nur „Fiona“ genannt wurde. Der mit dem „Branding“ beauftragte Graphik-Designer Michael Cronan machte sich an die Arbeit. Worum ging es bei diesem Projekt? Jeff Bezos wollte mit dem neuen Gadget die Zukunft des Lesens verändern, aber ohne allzu großes Tamtam. Der neue Name sollte leicht von den Lippen gehen und sich im alltäglichen Sprachgebrauch gut einprägen. So kam Cronan am Ende auf das wohlklingend-literarische Wort „Kindle“, abgeleitet vom Verb „to kindle“, was soviel bedeutet wie anfachen, anregen, aufflackern lassen. Der Wortstamm kyndill steht im altnorwegischen für „Kerze“ („Candle“). Etwas kleiner als die Fackel der Aufklärung, aber auch ein großes Feuer beginnt mit einer kleinen Flamme.

Bereits der Start des Kindle erwies sich tatsächlich als Zündfunke für einen Flächenbrand. Mit 100.000 Geräten ging Amazon am 19. November 2007 den Start. Bei einem Preis von 399 Dollar schien das Kindle der ersten Generation nicht gerade ein Schnäppchen zu sein. Doch mit inzwischen mehr als 65 Millionen Kunden besaß Amazon.com die perfekte Plattform, um das Gerät massenhaft unter die Leute zu bringen. Schon nach wenigen Stunden war das Kindle komplett ausverkauft. Dabei blieb es dann auch erst einmal, denn aufgrund von Problemen mit der Zulieferindustrie war Amazons neuer Reader erst im April 2008 wieder vorrätig.

Das wichtigste Ziel war ohnehin erreicht – der „Kindle-Moment“ hatte landesweit für Aufsehen gesorgt, und das Thema Elektronisches Lesen in den Mainstream transportiert. Der Tech-Blog „The Gadgeteer“ schrieb etwa:

„Wir wissen zwar nicht, ob das Kindle für E-Books dasselbe bewirken wird wie der iPod im Musikbereich, aber eins ist doch klar: Es ist das erste Gerät, mit dem eine vergleichbare Erfolgsgeschichte möglich scheint. Während unsere Leser schon seit einiger Zeit von E-Books gehört hatten, galt das für die meisten Menschen nicht – das hat sich sich durch den Medienrummel rund um das Kindle nun aber geändert. “

„Books are not dead, just going digital“

Tatsächlich erinnerte der Erfolg des Kindles an den des iPods, gerade weil Amazon soviel Gewicht auf das perfekte Kundenerlebnis gelegt hatte: Über die Mobilfunkverbindung gelang fast überall ein direkter Zugang zum Kindle-Store. Mit 88.000 Titeln war dieser zudem vom Start weg gut gefüllt. Mit einem Klick konnte man dort viele Bestseller für 10 Dollar einkaufen, also deutlich günstiger als normale Taschenbücher. Die elektronischen Versionen von Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen komplettierten das Angebot. Gerade für Vielleser schien sich also die Investition in das vergleichsweise teure Lesegerät zu lohnen.

Lesestoff wie Lektürekomfort ließen auch verschmerzen, dass die E-Books mit Digital Rights Management geschützt waren, also nicht auf anderen Geräten genutzt werden konnten. Doch die Übertragbarkeit der Kindle-Books stieß auch ganz ohne Kopierschutz auf Grenzen. Amazon setzte nämlich von Anfang an auf das Mobipocket-Format, dessen gleichnamigen Hersteller Jeff Bezos in weiser Voraussicht bereits einige Jahre zuvor aufgekauft hatte. Alle anderen E-Book-Anbieter schwenkten dagegen seit 2007 nach und nach zum systemoffenen EPUB-Format über, und verwendeten zudem mit Adobe Digital Editions auch noch ein anderen DRM-Standard. Wer nicht als Kunde zwischen den beiden E-Book-Universen wandert, bekommt jedoch selbst heutzutage vom Formate-Schisma im Alltag kaum etwas mit.

Zum durchschlagenden Erfolg des Kindle-Launchs trug auch eine großangelegte PR-Kampagne bei, denn anders als beim Start von Amazon.com überließ Jeff Bezos nun nichts mehr dem Zufall. Pünktlich zum Starttermin kam Bezos zusammen mit dem Kindle auf die Titelseite von Newsweek. „Books are not dead“ lautete die Schlagzeile des historischen Covers, die Unterzeile fügte hinzu: „They are just going digital“. Die Titelstory aus der Feder von Steven Levy brachte es auf den Punkt:

„Obwohl das Kindle im Herzen eine Lesemaschine darstellt, produziert von einem Buchhändler, und sehr eindrucksvoll den Akt des Einkaufens und der Lektüre ermöglicht, geht es doch zugleich weit darüber hinaus: es handelt sich dabei um ein unaufhörlich vernetztes Gerät. Mit einer kleinen Fingerbewegung wird die Verbindung zwischen dem Geist des Lesers und den Machinationen des Autors durch eine Datenlawine unterbrochen, oder verstärkt. Darin besteht die disruptive Natur des Amazon Kindle. Es ist das erste Buch mit ‘immer-online’-Status.“

(Ende der Miniserie. Mehr zur Geschichte des E-Books auf vom-buch-zum-byte.de)

Abb.: Deals.com
Autor & Copyright: Ansgar Warner

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".