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Hätte, hätte, Schicksals Kette: „Leons Erbe“, Thriller von Michael Theißen [Leseprobe]

27 Jan 2017 0 Kommentare

leons-erbe-introDas Schicksal hat Katja eine Verkettung von katastrophalen familiären Ereignissen beschert — erst verschwindet ihre Schwester spurlos, kurz danach stirbt ihr Sohn Leon bei einem Autounfall. Plötzlich muss die trauernde Mutter auch noch erfahren, dass es mehr als nur einen zeitlichen Zusammenhang gibt: nach dem Begräbnis erhält sie einen merkwürdigen Anruf — ein Notar ist im Besitz einer Kiste, die Leon ihr vererbt haben soll. In der Kiste entdeckt Katja ein Armband, das ihrer Schwester gehört hat. Doch wie kam Leon in den Besitz dieses Armbandes, und was wollte er seiner Mutter über den Tod hinaus mitteilen? Gibt es in der Familie ein dunkles Geheimnis? Thriller-Autor Michael Theißen schickt in „Leons Erbe“ seine Heldin Katja auf die schmerzhafte Suche nach der Wahrheit — und lässt die Leser bis zur letzten Seite mitfiebern. Unsere Leseprobe führt direkt in den Prolog… Noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Option im Kindle Shop.


Michael Theißen, Leons Erbe

Prolog

Als mein Sohn starb, ahnte ich nicht, dass mir das Schlimmste erst noch bevorstehen würde.
Seitdem verfolgt mich jede Nacht ein Albtraum, und es ist fast immer der gleiche.
Ich sitze im Auto und fahre. Ich weiß nicht, wohin ich fahre – ich fahre einfach nur. Es regnet. Ich höre keine Motorengeräusche, sondern nur den prasselnden Regen. Durch die Scheiben sehe ich nichts. Nichts außer Regen. Mehrfach versuche ich, den Scheibenwischer einzuschalten, aber aus irgendeinem Grund funktioniert er nicht.
Ich werde nervös, aber ich weiß nicht genau, warum. Wahrscheinlich, weil ich wegen des Regens die Straße nicht sehe. Aus der Nervosität wird Angst, und aus der Angst wird Panik. Dennoch fahre ich immer weiter.
Ich zittere und schwitze. Ich fahre geradeaus. Immer nur geradeaus.
Plötzlich hört der Regen auf, und es ist ganz still. Die Frontscheibe ist frei – kein Tropfen Wasser ist mehr zu sehen.
Jetzt entdecke ich sie. Ein Stück weit vor mir stehen zwei Menschen. Aber ich kann nicht erkennen, wer die beiden sind. Doch mir fällt auf, dass sie gleich groß sind. Sie stehen eng beieinander: Knie an Knie. Schulter an Schulter. Kopf an Kopf.
Ich schaue genauer hin – es sind mein Sohn und meine Schwester. Sie stehen sich gegenüber. Regungslos. Ich sehe sie nur von der Seite und kann daher nicht direkt in ihre Gesichter gucken. Erst jetzt bemerke ich, dass ich ihnen gar nicht näher komme, obwohl ich immer noch auf sie zufahre. Ich fahre und fahre, aber wir kommen uns nicht näher.
Sie sind grau. Völlig grau. Ich sehe keine Kleidung. Abgesehen von den Gesichtern erkenne ich nur ihre Umrisse und das Grau der beiden Gestalten.
Plötzlich drehen sie sich zu mir herum. Ich kann jetzt ihre Gesichter deutlich erkennen, aber da ist keinerlei Mimik. Da ist nichts. Sie gucken zu mir, aber sie scheinen durch mich hindurchzugucken. Ihre Gesichter sehen anders aus als sonst.
So tot. Tote Gesichter.
Ich muss mich entscheiden. Das wird mir in dem Moment klar, als ich schneller werde. Denn auf einmal nähere ich mich ihnen. Langsam, aber unaufhaltsam. Fahre ich weiterhin geradeaus, werde ich mit dem Wagen gegen beide prallen. Weiche ich nach links aus, überfahre ich meinen Sohn. Steuere ich ein Stück weit nach rechts, wird meine Schwester vom Auto erfasst.
Ich spüre keine Panik mehr. Nicht einmal mehr Angst. Ich fühle überhaupt nichts mehr. Ich werde schneller. Immer schneller – und sie kommen näher und näher. Ich muss mich entscheiden. Wer soll weiterleben? Wer sterben? Sohn oder Schwester? Schwester oder Sohn?
Entscheide dich, Katja! Jetzt!
Ich erwache immer in diesem Moment, und mir wird dann augenblicklich klar, wie viel härter die Realität doch sein kann als jeder Traum.
Denn ich durfte mich nicht entscheiden – und als mein Sohn starb, wusste ich nicht einmal, ob meine Schwester überhaupt noch lebte.

1

Nach einer Stunde gab ich auf.
Ich schob den Notizblock zur Seite und legte meinen Kugelschreiber darauf. Obwohl ich die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte, fiel mir einfach nichts ein – zumindest keine Worte, die passend gewesen wären. Ich hätte nur wenige Minuten im Internet suchen müssen und sicherlich hunderte schöne Texte gefunden, aber nichts davon wäre persönlich gewesen.
Mehr als einhundertzwanzig Menschen waren am Tag zuvor bei Leons Trauerfeier gewesen, darunter seine Lehrer, Mitschüler und Freunde. Ich wollte mich bei ihnen mit den richtigen Worten bedanken, aber genau diese zu finden fiel mir entsetzlich schwer. Darum beschloss ich, erst einmal eine Pause zu machen, und lehnte mich auf der Couch zurück.
Stille. Würde ich mich jemals an diese Stille gewöhnen?
Keine morgendliche schlechte Laune eines Teenagers, der alles wollte, nur nicht aufstehen. Keine vorwurfsvolle Frage, durch mindestens eine verschlossene Tür hindurch, wann denn endlich seine Lieblingshose gewaschen sei. Und keine Jubelschreie von Leon oder seinen Freunden, wenn einer den anderen bei irgendeinem Fußballspiel auf der Spielkonsole besiegt hatte. Es war einfach nur still im Haus, und ich hätte alles dafür gegeben, noch einmal die Stimme meines Sohnes zu hören – und sei es die nörgelnde Frage nach seiner Jeans.
Überall wurde ich an ihn erinnert, und jedes Mal versetzte es mir einen furchtbaren Stich ins Herz. Immer wenn ich in den Garten ging, musste ich an seine Party zu seinem letzten Geburtstag denken, zu dem er seine gesamte Jahrgangsstufe vom Schiller-Gymnasium eingeladen hatte. Im Auto hatte ich ständig das Gefühl, dass er jeden Moment von außen die Beifahrertür aufreißen, nach einem kurzen »Hi, Mum« die Sporttasche auf die Rückbank schmeißen und dann während der Fahrt nach Hause sich mit seinem Smartphone beschäftigen würde.
Und auf der Couch im Wohnzimmer, wo ich gerade saß, hatte ich vor meinem geistigen Auge immer wieder das Bild, wie er als kleines Kind völlig begeistert Pokémon guckte und Pfirsich-Eistee schlürfte. Kaum zu fassen, dass das schon mehrere Jahre zurücklag, denn es kam mir so vor, als wäre diese Phase seines Lebens erst vor wenigen Monaten vergangen.
Was aber noch viel weniger zu begreifen war: Es würden keine neuen Erinnerungen mehr hinzukommen.
Niemals mehr.
Von heute auf morgen war ein sechzehnjähriges Teenagerleben ausgelöscht worden, und mein Mann und ich konnten nur hilflos mit ansehen, wie alles um uns herum so weiterlief wie zuvor – aber ohne Leon.
Eine Träne lief mir die Wange hinunter. Kaum zu glauben, dass ich überhaupt noch welche hatte. Mein Sohn war erst eine Woche zuvor gestorben, aber ich hatte das Gefühl, in den letzten Tagen so viel geweint zu haben, wie zuvor in meinem ganzen Leben nicht.
Und Gründe dafür hatte es zuvor auch schon genug gegeben …
Schnell schob ich diese Gedanken beiseite, wischte mir meine Träne weg und wollte gerade noch einen Versuch wagen, den Text für die Dankeskarten zu schreiben, als ich das Schloss der Haustür hörte.
»Bin wieder da. Katja?«
»Im Wohnzimmer«, antwortete ich und versuchte, die Traurigkeit aus meiner Stimme herauszunehmen, was mir sicher nicht gelang. Und bei Markus war dies sowieso überflüssig, denn er wusste am besten, wie ich mich fühlte. Genauso wie er selbst.
Er kam zu mir, gab mir einen Kuss und drückte mir dabei eine kleine weiße Karte in die Hand.
»Was ist das?«, fragte ich, obwohl mir die Antwort eigentlich schon klar war.
»Ein Privatdetektiv – soll einer der besten hier in Düsseldorf sein. Den hat mir vor ein paar Tagen ein Kunde im Laden empfohlen. Ich wollte erst einmal abwarten, was für einen persönlichen Eindruck der Detektiv auf mich macht, bevor ich dir von ihm erzähle. Ich bin inzwischen bei ihm gewesen und habe das Gefühl, dass er wirklich sehr gut in seinem Job ist. Der wird das Schwein sicher finden.«
Das Schwein.
Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass mein Mann so über einen Menschen sprach, den er gar nicht kannte, auch wenn ich seinen Hass gut nachvollziehen konnte.
Er schien mir meine Zweifel anzusehen. »Was, Katja?«, sagte er schneidend und war scheinbar selbst sofort über seinen Tonfall erschrocken. Er setzte sich neben mich auf die Couch.
»Möchtest du nicht auch, dass dieser verdammte Fahrer endlich geschnappt wird?«, setzte er erneut an. »Der hat Leon angefahren und ihn einfach auf der Straße liegen lassen. Ist auch noch viel zu schnell gefahren und war vielleicht betrunken und …«
»Schatz …«, versuchte ich ihn zu unterbrechen, hatte aber keine Chance.
»Wer auch immer das war – er soll für den Tod unseres Sohnes bezahlen!« Seine Stimme zitterte vor Wut, und der Hass in seinen Augen machte mir Angst.
Diese wunderbaren, leuchtend blauen Augen – sie waren das Erste an ihm gewesen, was mir damals besonders aufgefallen war. Ich hatte vorher nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt, aber bei Markus hatte ich genau die gefunden. Noch jetzt erinnerte ich mich daran, wie wir uns zum ersten Mal begegneten. Ich war neunzehn und hatte gerade meine Ausbildung zur Bankkauffrau abgeschlossen; er war zwei Jahre älter und arbeitete in dem Sportgeschäft seines Vaters. An meinem ersten Tag am Bankschalter in der neuen Filiale zahlte er in der Mittagspause die Einnahmen bei mir ein, und als er mich anlächelte, war ich sofort hin und weg. Und er sagte mir später, dass es ihm genauso ergangen sei. In den nächsten Wochen kam er jeden Tag zu mir zum Schalter, bis er mich schließlich zu einem Date einlud. Zwei Jahre später heirateten wir, weitere zwei Jahre danach wurde Leon geboren. Jahrelang war alles perfekt. Markus übernahm das Geschäft seines Vaters, konnte sich sogar einige Angestellte leisten und war deshalb oft zu Hause. Ich arbeitete nur halbtags und teilte mir mit ihm Leons Erziehung. Wir waren eine glückliche Familie gewesen – eine sehr glückliche sogar.
Bis das Schicksal zuschlug und unserem Glück ein abruptes Ende setzte.
Jetzt waren wir Eltern, die ihr einziges Kind verloren hatten und überhaupt nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Wir würden zusammenhalten und füreinander da sein müssen – doch noch war jeder von uns viel zu sehr mit seiner eigenen Trauer beschäftigt. Und dass wir so unterschiedlich mit der Situation umgingen, half uns sicherlich nicht dabei, besser mit ihr fertigzuwerden.
Markus stand entschlossen wieder von der Couch auf. Er war mit seinem vollen braunen Haar und seiner sportlichen Figur immer noch so attraktiv wie vor zwanzig Jahren. Aber die Augen meines Mannes hatten sich seit dem Tod unseres Sohnes radikal verändert: Ihre Farbe war zwar noch dieselbe wie früher, doch ihr Ausdruck vollkommen anders.
»Ich ziehe mich noch eben um«, sagte er. »Habe um 18:00 Uhr wieder einen Termin beim Detektiv. Ist nicht ganz billig, aber es geht nicht anders.«
Doch, es ginge anders. Aber wenn du schon jemanden beauftragst, dann lass den auch herausfinden, was unser Sohn spätabends alleine und zu Fuß auf einer einsamen Landstraße gemacht hat – das interessiert mich fast noch mehr als die Identität des Unglücksfahrers. Denn egal, ob der Schuldige gefunden und bestraft wird oder nicht – Leon wird dadurch nicht wieder lebendig. Warum verstehst du das denn nicht?
Ich behielt diese Gedanken für mich und sah Markus hinterher, der gerade durch die Tür in den Flur ging.
»Markus?«
Er kam noch einmal zurück. »Ja?«, fragte er ungeduldig.
Ich hatte gehofft, dass mir ein paar Sekunden reichen würden, um mir einen passenden Satz für ihn zu überlegen. Aber alles, was mir in den Sinn kam, hätte wohl zum Streit geführt; und das konnten wir beide am allerwenigsten gebrauchen.
Schnell schüttelte ich den Kopf. »Ist schon gut.«
Er reagierte nicht darauf, sondern machte sich rasch auf den Weg ins Badezimmer.
Kurze Zeit später hörte ich Duschgeräusche von oben.
Ich überlegte mir gerade, mal zu versuchen, mich ein bisschen vom Fernsehen ablenken zu lassen, als das Telefon klingelte. Eine Düsseldorfer Nummer erschien auf dem Display. Kurz dachte ich darüber nach, einfach nicht dranzugehen, drückte aber nach wenigen Sekunden doch auf das grüne Hörersymbol. Sich nur zu verstecken brachte ja auch nichts.
»Ja?«
»Kruse hier! Spreche ich mit Katja Helmke?« Eine Männerstimme. Mal wieder.
»Ja, aber wenn Sie von der Presse sind, nicht mehr lange. Ich weiß nicht, wer meinen Sohn überfahren hat, und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen mit Sicherheit nicht sagen.«
Sekundenlange Stille in der Leitung.
Ich wusste selbst nicht, woher meine Energie plötzlich kam; und der unbekannte Anrufer hatte wohl auch mit einer anderen Reaktion gerechnet.
»Ähm, nein. Ich bin nicht von der Presse, keine Sorge.«
Ein ehrliches Lächeln in der Stimme verriet mir, dass er nicht log, weshalb ich weiter zuhörte.
»Mein Name ist Bernd Kruse, und ich bin Notar. Entschuldigen Sie bitte, dass ich so einfach mit der Tür ins Haus falle, aber ich müsste mich mal mit Ihnen unterhalten. Könnten Sie vielleicht in den nächsten Tagen in meine Notarkanzlei …«
»Hören Sie, das ist zurzeit schlecht. Wir haben gerade einen Trauerfall in der Familie.«
»Ja, sicher. Mein herzliches Beileid. Aber genau um diesen Trauerfall geht es.«
Jetzt war mein Interesse geweckt.
»Wie meinen Sie das?«
»Es geht um Ihren Sohn. Ich habe hier etwas, das ich Ihnen von Leon geben soll.«

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Autor: Michael Theißen.
Mit frdl. Genehmigung von beTHRILLED by Bastei Entertainment

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Michael Theißen, Leons Erbe
E-Book (Kindle Shop) 2,99 Euro
Taschenbuch 12,90 Euro

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